Christliche Themen für jede Altersgruppe

Maria auf evangelisch

CREGLINGEN (Dekanat Weikersheim) – Die Herrgottskirche in Creglingen mit dem berühmten Riemenschneider-Altar ist ein besonderer Ort: Dazu gehört auch, dass dort an einem urkatholischen Feiertag eine evangelische Marienandacht stattfindet. Am 15. August ist es wieder soweit.

Herrgottskirche mit dem berühmten Riemenschneider-Altar in der Mitte: bei den Marienandachten ist die Kirche voll. (Foto: Gemeindeblatt)

Kurz nach 17 Uhr wird die künstliche Beleuchtung abgeschaltet. Nun kann jeder das sehen, was einst als Lichtwunder von Creglingen bezeichnet wurde: Die Strahlen der Sonne fallen auf die Marienfigur in der Mitte des Altars und tauchen sie in ein weiches Abendlicht. Alljährlich in der zweiten Augusthälfte lässt sich dieses Lichtwunder erleben, das natürlich kein Wunder im engeren Sinne ist, weil Altar und Rosettenfenster so platziert wurden, dass es um Maria Himmelfahrt zu eben jenem Effekt kommt.

Eher schon an ein Wunder grenzt es da, dass in der Herrgottskirche in Creglingen an Maria Himmelfahrt eine evangelische Andacht gefeiert wird. Pfarrer Thomas Burk hat sie 2011 eingeführt, sehr zur Verwunderung mancher, die in Maria Himmelfahrt ein rein katholisches Ereignis sehen.

Doch die Herrgottskirche in Creglingen war schon immer ein besonderer Ort. Ihr Herzstück ist der hölzerne Tilman-Riemenschneider-Altar, ein Kunstwerk aus Linden- und Kiefernholz, das viele für das beste und vollkommenste des Würzburger Holzbildhauers halten. Jedenfalls ist es sehr gut erhalten und lockt jährlich um die 50.000 Besucher nach Creglingen.

Sie kommen, um einen katholischen Marienaltar in einer protestantischen Kirche zu bewundern. Denn 1530 wurde Creglingen evangelisch und der Altar erst einmal zugeklappt. Wie lange das der Fall war, darüber streiten sich die Geister, ebenso wie über die Frage, ob er wirklich in der Mitte des Kirchenraumes stand. „Ich glaube nicht“, sagt Pfarrer Thomas Burk und deutet auf die Rückseite des Riemenschneider-Altars: Die sieht nämlich so schlicht aus, dass sie einst vermutlich an eine Wand gelehnt war.

Das stört die rund 200 Besucher nicht im Geringsten, die in die Herrgottskirche zur Marienandacht gekommen sind und nun rund um den Altar herum sitzen. Einheimische sind darunter und Auswärtige, Übernachtungstouristen und Tagesausflügler, die die besondere Atmosphäre erleben wollen.
Draußen brennt die Sonne aufs Dach, doch im Inneren bleibt es angenehm kühl. Der Männerchor „Pro Vocale Lyca“ aus Viersen am Niederrhein ist zu Gast. Er hat seine Chorreise extra so gelegt, dass er am 15. August zu Maria Himmelfahrt in Creglingen weilt. Das Magnificat stimmen sie an und den Lobgesang der Maria. Bewegende Klänge, denen die Zuhörer andächten lauschen und an den entsprechenden Stellen einstimmen.

Dann erzählt Pfarrer Thomas Burk von Maria. „Gott wirkt groß in einem jungen Mädchen,“ sagt er und „dass sie ja auch für uns Evangelische die Mutter Gottes ist.“ Das mit den vielen Heiligen, es schreckt ihn nicht ab, sondern reizt ihn darüber nachzudenken, was es bedeutet, „welcher Sinn dahinter steckt“.

Der Sinn der Herrgottskirche in Creglingen war einst die Wallfahrt. Im Jahre 1334 hatte hier ein Bauer beim Pflügen eine unversehrte Hostie im Ackerboden gefunden. Der Leib Christi, mitten auf seinem Feld. Er brachte die Hostie zu seinem Herrn und einige Jahre später entstand an eben jener Stelle eine Kapelle.

Bald strömten die Pilger zu Hunderten dorthin, weil ein besonders umfangreicher Ablass zu erwarten war. Der Papst selbst hatte das verfügt, wer nach Creglingen kam, dem blieben 100 Tage im Fegefeuer erspart, an bestimmten Tagen konnten es sogar mehrere Jahre sein.

Das machte den Ort weit über die Region hinaus bekannt. An der Außenfassade gab es sogar eine eigene Kanzel, auf der der Ablassprediger stand. Warum sie eines Tages den Beinamen Tetzel-Kanzel bekam, ist nicht mehr so ganz klar. Unwahrscheinlich, dass der berühmte Ablassprediger und Widersacher Luthers Johannes Tetzel wirklich hier war. „Der hätte mit seinem Leibesumfang gar nicht durch die Tür zur Schaukanzel gepasst“, meint auch Pfarrer Thomas Burk.

Aber die Creglinger waren geschäftstüchtige Leute und ein berühmter Name half allemal, wenn man auf sich aufmerksam machen wollte. Die Tetzel-Kanzel ist es heute freilich nicht mehr, die die Menschen in die Herrgottskirche lockt. Der berühmte Lindenholzaltar von Tilman Riemenschneider stellt hier alles andere in den Schatten: Den prächtig bunten Hochaltar aus dem 15. Jahrhundert etwa, kaum einer, der in die Kirche kommt, schenkt ihm wirklich Aufmerksamkeit.

Zwischen 1505 und 1520 soll der Marienaltar Riemenschneiders entstanden sein. Rechts unten hat sich der Künstlers selbst verewigt und ansonsten das Leben der Mutter Gottes bildhauerisch inszeniert. Die Reformation hat er komplett und unbeschadet überstanden, die hässlichen Bohrlöcher auf seiner Rückseite gehen auf einen missglückten Restaurierungsversuch in den 1950er-Jahren zurück, als man dem Holzwurm zu Leibe rücken wollte.

Die Herrgottskirche in Creglingen ist keine Gottesdienstkirche. Normalerweise finden hier Trauerfeiern oder Trauungen statt sowie eben jene Marienandacht, die Pfarrer Burk alljährlich dort veranstaltet. Ansonsten ist sie eine Touristenattraktion mit einer Kasse, an der Postkarten und Bücher verkauft werden. Auch die Radfahrer fühlen sich hier wohl, denn die Herrgottskirche gehört zu den offenen Radwegekirchen im Taubertal und der Taubertalradweg zu den beliebtesten Radwegen in Baden-Württemberg.

Kurz nach 17.30 Uhr ist die Marienandacht vorüber. Der Chor klappt seine Notenständer zusammen und auch Pfarrer Thomas Burk wird demnächst seine Zelte in Creglingen abbrechen. Nach acht Jahren verlässt er die Gemeinde im Herbst in Richtung Löwenstein.

Die diesjährige Marienandacht könnte deshalb vorerst die letzte gewesen sein. Außer der Nachfolger oder die Nachfolgerin führt die Tradition fort. Die Herrgottskirche ist immer wieder für eine Überraschung gut sowie ab und an für ein kleines Wunder.

Das Wunder mit dem Licht wirkt übrigens am 25. August noch stärker als an Maria Himmelfahrt. Da mit der Einführung des Gregorianischen Kalenders zehn Tage gestrichen wurden, wird sie erst Ende August perfekt von der Sonne illuminiert – es sei denn, es wäre gerade ein Regentag.

Information
Am 15. August findet um 17 Uhr in der Herrgottskirche in Creglingen wieder eine Marienandacht mit Pfarrer Thomas Burk tatt. Die musikalische Getsaltung über nimmt die Harfinistin Bärbel Buß. Die Herrgottskirche ist bis 31. Oktober  täglich geöffnet (9.15 Uhr bis 18 Uhr, in der zweiten Augusthälfte sogar  bis 18.30 Uhr), Im Winter ist montags geschlossen, Eintritt zwei Euro. Weitere Informationen unter Telefon 07933-338, im Internet www.herrgottskirche.de

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 34/2017

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Soll man an Weihnachten aufs Schenken verzichten?
Ja.
Nein
Ich bin unentschieden.