Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sitzen und Nadelstreu riechen

Baiersbronn-Ruhestein (Dekanat Freudenstadt) – Der Natur begegnen, sie bewusst wahrnehmen, das verspricht ein Achtsamkeitsspaziergang im Nationalpark Nordschwarzwald. Landschaftstherapeut Olfert Dorka bietet solche Naturerfahrungen an.


Entspannt und achtsam im 
Nationalpark 
unterwegs: Landschaftstherapeut 
Olfert Dorka. (Foto: Bärbel 
Altendorf-Jehle)

Der Geruch von frischem Teer steigt mir in die Nase. Die B 500, die durch den Nationalpark führt, bekommt einen neuen Belag. Ich rieche das gern, erinnert mich dieser Duft doch an meine Jugendzeit. Damals konnte nur an wirklich heißen Tagen geteert werden und dieser Geruch verbindet mein Gehirn stets mit: Sommer, Sonne, Hitze, schulfrei, Freibad.

Die Baustelle endet vor dem Nationalparkzentrum. Dort steht Olfert Dorka, groß, schlank, mit sonnengebräunter Haut, Bart, Brille. Dem über 70-Jährigen sieht man sein Alter nicht an. Der drahtige Naturbursche ist nicht nur ein Natur-, sondern auch Menschenversteher und versucht beide miteinander in Einklang zu bringen.

Die Gruppe ist diesmal klein. Es ist ein warmer Sommertag. Zusammen mit Dorka geht es über einen staubigen Parkplatz bei der Ruhesteinschanze. Dorka dreht sich um: „Betrachtet diesen urbanen Platz hier.“ Was soll das, denke ich verwundert, denn besonders schön ist der ja nicht gerade. Doch Dorka mäkelt an dem Platz gar nicht herum. „Er ist notwendig für die vielen Autos der Skifahrer im Winter“, sagt er und geht weiter einen kleinen Abhang hinunter.

Ein schmaler Weg führt in den Wald. Kaum sind die ersten Schritte getan, spüre ich die angenehme Kühle auf meiner Haut, vielleicht gerade, weil ich zuvor bewusst über den staubigen Parkplatz gelaufen bin. Dicke Felsbrocken liegen, wie hingeworfen rechts und links. Dorkas Augen schweifen umher, suchen nach einem geeigneten Platz. Er verteilt Sitzkissen: „Sucht euch ein gemütliches Plätzchen.“ Ich lehne mich an einen alten Baum, unter mir Wurzelwerk, Moos, Ameisen und andere Krabbeltiere. „Spürt ihr den Unterschied?“, fragt Olfert Dorka und bittet die Teilnehmer, den anderen ihre Empfindungen zu schildern.

Angelika Daum fühlt sich sofort hineingenommen in die Naturfülle, die der Wald ihr stets bietet. Winfried Lonau sieht den Wald als Energieüberträger für den Menschen. Die beiden haben sich zu ehrenamtlichen Nationalpark-Rangern ausbilden lassen und wollen sehen, wie Olfert Dorka solche Führungen gestaltet. Olav Junker aus Kehl ist dagegen gekommen, um Kraft zu schöpfen. Er hat seine Eltern über Jahre gepflegt, muss nun wieder zu sich selbst finden, flüchtet in die Natur. „An manchen Tagen hilft sie mir, an anderen macht sie mich eher trauriger.“

Olfert Dorka sitzt da, hört zu, lächelt. Er findet gut und richtig, was die Teilnehmer sagen. Ein Falsch, was die Natur bei jedem Einzelnen auslöst, gibt es für ihn nicht. Dorka fordert seine Mitläufer auf, Nadelstreu in die Hand zu nehmen, daran zu riechen. „Nehmt diesen Geruch einmal wahr, ob ihr ihn gut oder schlecht findet, ist unerheblich.“ Ich rieche daran und schwupp ist alles plötzlich wieder da: der Waldspaziergang mit den Eltern, Pfifferlinge suchen, mit dem Messer abschneiden, in das große Taschentuch des Vaters wickeln, zu Hause angebraten dazu ein großes Butterbrot.

„Unser Gehirn speichert Erfahrungen ab, gute und schlechte und über unseren Geruchsinn kommen die Dinge urplötzlich wieder hervor, werden wachgeküsst“, sagt Olfert Dorka. Genau wie bei meinem genussvollen Teer-Geschnüffel, denke ich. Aber das verrate ich natürlich nicht, käme hier vielleicht weniger gut an?

Dorka kennt sich als Landschaftsarchitekt und Landschaftsplaner, der ursprünglich mal Förster werden wollte, mit Pflanzen und Tieren aus. Doch er hausiert nicht damit. „Das ist das Bärlapp“ sagt er zwar, doch: „Es ist völlig unwichtig wie es heißt, betrachtet ihn einfach, seine Schönheit und wie er sich bewegt, nehmt euch die Zeit.“ Olfert Dorka lässt diese Zeit bevor er wieder das Wort ergreift: „Ihr kennt vielleicht das Gefühl, gemobbt zu werden. Es beginnt schleichend und irgendwann wird man links liegen gelassen.“ Olfert macht eine Pause, bevor er weiterspricht: „Machen wir das nicht auch, mobben wir nicht ständig selbst, beispielsweise die Luft, die uns umgibt?“

Mir fällt fast der Stift aus der Hand. Auf was will dieser Mann heraus? Olfert spricht weiter hier mitten im Wald, umgeben von dieser frischen Luft: „Wir lassen doch die Luft links liegen, obwohl sie uns ständig umgibt, uns Kühle zufächelt und mit Sauerstoff zum Atmen versorgt.“

Nach wenigen Metern macht er auf eine Veränderung aufmerksam. Er teilt die Landschaft in Zimmer auf. „Erspürt es selbst“, forderte er seine Mitspaziergänger auf, „was ist anders jetzt an diesem Stück Wald?“ Dieses Zimmer hat Urwaldcharakter: umgeknickte Bäume, moosbewachsene Wurzeln. „Das ist meine Welt, hier fühl ich mich wie ein Kind, werde übermütig“, sagt Angelika Daum. „Mir hat der Stangenwald mit Durchblick mehr Luft gegeben“, sagt Olav Junker. Ich selbst fühle mich wie Alice im Wunderland, entdecke hinter jeder Wurzel einen Zwerg, stelle mir Feen vor, streiche mit meiner Hand durch das kühle Moos, das meine Handflächen so angenehm streichelt, ich streichle zurück.

Freut sich das Moos darüber? Dorka würde es bestimmt bejahen. Er hat sich unterhalb des Pfades niedergekniet: „Seht ihr den dicken Baum hinter mir. Er macht gar nichts, steht seit 120 Jahren einfach nur da, strahlt aber Ruhe aus und kann uns Kraft geben.“ Durch diesen Baum könne der Mensch aber auch seinen Vorteil erkennen. Dorka: „Wir haben Beine, können von Ort zu Ort gehen, freuen wir uns doch darüber.“

Nächstes Waldbild: breiter Weg, kleiner Teich, Waldblumen. Wieder setzt sich Olfert Dorka, diesmal mitten auf den Weg. Wenn er es tut, ist es so selbstverständlich. Bedenken, was wohl Wanderer, wenn sie dann vorbeikämen, darüber denken würden, kommen wohl nur bei mir auf. Das Sitzen tut gut, erdet einen auf besondere Art, versetzt einen in die Kindheit zurück.

Früher waren die Menschen enger mit der Natur verwoben, ohne viel darüber nachzudenken. Heute bedarf es wohl dieses Nachhilfeunterrichtes eines Olfert Dorka, um den modernen Menschen, der sich der Natur entfremdet hat, sich aber gleichzeitig nach ihr sehnt, Hilfestellung zu geben. Olfert Dorka und seine Mitstreiter, die Landschaftstherapeuten, die er unterrichtet, dessen Berufsbild er nicht nur geprägt, sondern überhaupt erst ins Leben gerufen hat, sind Mentoren, Begleiter der Menschen. „Das geht nicht von heute auf morgen“, sagt Olfert Dorka, das muss wachsen, geübt werden.

Er hat eine große Feder gefunden, vermutlich von einem Bussard, weiß, flauschig, am Rand braun. „Ich wünsche euch die Leichtigkeit dieser Feder“, sagt Dorka zum Schluss. Er hat vier Stunden Auszeit ermöglicht, Entspannung, innere Einkehr, auch bei mir. Das hat dazu geführt, dass ich meinen Fotoapparat an der letzten Station glatt vergessen habe. Verärgert gehe ich den steilen Weg wieder zurück, der Alltag hat mich wieder.

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