Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Wunder des Helfens

WALDACHTAL-SALZSTETTEN (Dekanat Freudenstadt) – Dreimal in der Woche geht die 80-Jährige ins ­Fitnessstudio. Dreimal im Jahr trägt sie 120 Gemeindebriefe aus und mehr als dreimal im Monat besucht sie Geburtstagsjubilare in Salzstetten: „Mir macht das alles Spaß“, sagt Ursula Rothkögel. Auch eine ­persönliche Grenzerfahrung hat die rüstige Seniorin in ihrem Wirken geprägt. 

Ursula Rothkögel ist dankbar, dass Gott ihr in allen Notzeiten zur Seite stand. (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

Come in, come in – so steht es außen an dem Eckhaus in der Biberacher Hindenburgstraße auf dem Weg zum Marktplatz. Hinter dem Namen „Come in“ („komm rein“) verbirgt sich ein Treffpunkt, zu dem alle eingeladen sind, die unabhängig von ihrer Religion gemeinsam beten oder ins Gespräch kommen wollen. Die Sitzmöbel sind aus Europaletten, gemeinsam von Christen und Muslimen gezimmert. In den Regalen, ebenfalls aus gestifteten Holzpaletten, stehen Bücher und Schriften zu verschiedenen Religionen und Kulturen in unterschiedlichen Sprachen.

Pater Alfred Tönnis, der seit vielen Jahren in der Stiftung „Heimat geben“ in Oggelsbeuren mit syrischen Flüchtlingen zusammenlebt, ist Mitinitiator des Vereins „Religion und mehr“. Dieser Verein organisiert das „Come in“, auch interreligiöser Gebetsladen genannt. Pater Alfred sagt, „gerade im gemeinsamen Gebet und im Anzünden einer Kerze ist zu spüren, dass es einen gemeinsamen Gott gibt“. An der Wand hängt ein Bild zweier Hände, in der einen Handinnenfläche liegt ein Kreuz, in der anderen ein Halbmond. Am Fenster steht ein Kerzenständer, der in einer orthodoxen Kirche stehen könnte. Einige der Besucher kommen herein und zünden eine Kerze an. „Egal in welcher Religion, es werden Kerzen angezündet um sein Anliegen Gott vorzutragen“, sagt der Pater. Jeden Freitag um 18 Uhr gibt es eine gemeinsame Betzeit. Es sind muslimische und christliche Vertreter da, die jeweils ein Gebet sprechen. Im Anschluss kann man sich setzen und gemeinsam eine Tasse Tee trinken.

Matthias Ströhle, evangelischer Pfarrer und in der Flüchtlingsarbeit engagiert, unterstützt das Projekt. „Es ist ein Angebot, um in Kontakt zu kommen, sich kennen zu lernen und über Religion sowie Alltägliches ins Gespräch zu kommen“, sagt er. „Dieses Gebet steht nicht in Konkurrenz zu den Gottesdiensten, die in der Moschee oder in der christlichen Kirche stattfinden.“ Es sei auch ein Ort um gemeinsam an die Opfer in Aleppo und an anderen Orten zu denken, gemeinsame Solidarität zu bekunden.

Maysoun Al Shehabe öffnet jeden Tag, auch sonntags, um 16 Uhr den Gebetsladen und schließt gegen 18.30 Uhr wieder ab. Sie ist Ansprechpartnerin und Betreuerin im Come in. Vor zwei Jahren kam sie nach Deutschland und hat einige der deutschen Bücher gelesen. „Es gibt auch zweisprachige Bücher“, erzählt Maysoun Al Shehabe. Pat Götze von der Buchhandlung Lesebar erzählt, dass sich die Buchauswahl nach Wünschen von Vereinsmitgliedern und Flüchtlingen richtet. Es gehe also nicht nur um das Thema Religion (Christentum, Islam, Judentum), sondern es gebe auch Romane, die die Flucht beschreiben oder Geschichten, die über die Hürden der Ankunft und Aufnahme in Deutschland berichten. Zudem zweisprachige Gedichtsbände und Märchen von bekannten Autoren, die aus Syrien stammen, sowie Kinderbücher, die erklären, warum wir Weihnachten feiern. „Beliebt ist das Fragenbuch, das meist auf den Tischen liegt“, erzählt die Buchhändlerin. Darin sind Fragen philosophischer, neutraler Art, die vom Thema Flucht wegführen. „Gerade wenn man sich darauf konzentriert, die Frage zu vereinfachen oder mit seinen Sprachkenntnissen eine Antwort geben will, die beide verstehen, entstehen intensive und herzliche Gespräche“, erzählt Götze.

Ein gemütlicher Ort ist das Come in, Kinder spielen gerade Backgammon zusammen. „Menschen öffnen Menschen“, sagt Pater Alfred. Das Projekt startete in Biberach zum ersten Advent. „Es ist noch zu früh, um zu sagen, wie gut es angenommen wird.“ Doch er wünscht sich, dass mehr Städte diese Idee aufgreifen und diese Art von Begegnung anbieten. „Ein friedliches Zusammenkommen in Wertschätzung und ehrlichem Miteinander“, das sei seine Absicht.



Im Radio in der Wohnung von Ursula Rothkögel läuft gerade „Halleluja“. Und das passt irgendwie zur Aufzählung all der Dinge, die die Salzstettenerin macht oder gemacht hat: Kirchengemeinderätin, Mesnerin, Mitglied des Redaktionsteams für den örtlichen Gemeindebrief bis 2013, Schriftführerin, zweite Vorsitzende und Beiratsmitglied des Liederkranzes, Schriftführer und Wanderführerin des Schwarzwaldvereins, Blutspender-Ehrennadel in Gold, Gründungs­mitglied des Salzstetter Schlössle, ­Mitglied des Krankenpflegevereins Waldachtal und Mitglied im Verein ­Biblischer Rundwanderweg Waldachtal.

Blickt Ursula Rothkögel zurück auf die Jahre und die vielen Aufgaben, die sie neben ihrer Familie und ihrer Berufstätigkeit hatte, so sagt sie: „Es war schon viel Arbeit. Doch ich habe diese immer gerne und mit Herzblut gemacht. Ich glaube, das ist die Antwort darauf, warum ich meine Ehrenämter nie als eine Belastung empfunden habe.“

Sie hat diese Ehrenämter angenommen, obwohl sie berufstätig war – 25 Jahre bei den Fischerwerken in der Qualitätssicherung – und auch noch Familie hat: zwei Söhne und mittlerweile drei Enkelkinder. Trotzdem fand sie auch für ausgiebige Reisen bis nach Norwegen und Russland, zusammen mit ihrem Mann, immer die Zeit.

Ein weiterer Grund für ihr Engagement ist die eigene Erfahrung. Die 80-Jährige weiß, was Not und Hunger ist. In Kirn an der Nahe geboren, verbrachte sie ihre Schulzeit in Taucha bei Leipzig. Sie musste Hunger leiden und als Neunjährige unermüdlich Socken stricken, um damit der Familie zu helfen, die Miete zu bezahlen. Als der Vater in Leipzig auf dem Schwarzmarkt aufflog, floh die ganze Familie bei Nacht und Nebel ins Ruhrgebiet. Das junge Mädchen wollte eigentlich Fremdsprachenkorrespondentin werden, doch dazu fehlte das Geld. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Konditorin.

Dass Gott ihr in allen Notzeiten zur Seite stand, erfüllt sie noch heute mit Dankbarkeit, so dass Ursula Rothkögel trotz schwieriger Zeiten rückblickend sagen kann: „Mir ist es im Leben weitgehend gut gegangen.“ Und so wollte sie stets ihrerseits anderen Menschen helfen. Diese Hilfe ist vielseitig. Rothkögel geht mit offenen Augen durch das Leben, sieht stets in ihrem Umfeld, wo Hilfe gebraucht wird und bringt beispielsweise dem kranken Nachbarn ohne viel Aufhebens das Essen. „Ich habe auch schon das evangelische Gemeindeblatt ausgetragen, aber inoffiziell“, sagt sie und lacht. Der Austrägerin wurde die Arbeit zu schwer, „dann habe ich es halt übernommen“.

Der 80-Jährigen fällt es schwer, nein zu sagen. Ihr Mann kritisiert sie da auch schon mal. Doch sie hat kein Problem damit. Sie strickt leidenschaftlich gerne und auf einer Reise hatte sie eine selbstgestrickte Mütze an, die von einer Mitreisenden bewundert wurde. Kurzerhand zog Ursula Rothkögel die Mütze aus und schenkte sie der Bewunderin. „Die Dame war ganz baff.“ Das sind Situationen ganz nach dem Geschmack der rüstigen Rentnerin.

Ein einschneidendes Ereignis bestätigte vor neun Jahren die Lebenseinstellung von Ursula Rothkögel, anderen Menschen Gutes zu tun: Sie musste sich einer schwierigen Herzoperation unterziehen, erwachte wie durch ein Wunder aus dem Koma. „Ich habe mein Leben nochmals geschenkt bekommen und sehe darin ein Wink Gottes, mich weiterhin für meine Nächsten einzubringen.“ Für Ursula Rothkögel ist das gelebtes Christentum. Dabei sieht sie in ihrer Tätigkeit keine Aufopferung. „Viele fragen mich, was sie mir denn Gutes tun können. Doch ich brauche nur ein leises Danke, das genügt mir“, sagt Ursula Rothkögel. Und strahlt dabei.
http://www.come-in-bc.de



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