Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wie wir weniger falsch leben

Der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz entlarvt die Fehlentwicklungen der Gesellschaft. Den Grund sieht er auch in den Familien. Mit Stefan Seidel sprach er über die gute Beziehung zu Kindern – als Anfang eines richtigen Lebens und darüber, was wir besser machen können.

Bedingungslose Liebe der Eltern ist elementar für Kinder. (Foto: epd-bild)


Herr Maaz, Sie diagnostizieren eine kranke, eine „normopathische“ Gesellschaft. Wie sieht das aus?
Hans-Joachim Maaz: Heute ist die Normopathie (das Leiden an falschen Normen; Anmerkung d. Red.) etwas verdeckter. Weil ein Großteil der Menschen Vergnügen hat an einer Lebensweise, die letztlich als Fehlentwicklung benannt werden muss. Wir können uns etwas leisten, genießen, essen, trinken, reisen. Aber im Grunde wissen wir doch alle, dass wir mit unserer Art zu leben großen Schaden anrichten: Klimawandel, Artensterben, zunehmende soziale Ungerechtigkeiten, Kriege um Ressourcen und Absatzmärkte, unfairer Handel und letztendlich auch die große Migration.

Wieso kommt es erst jetzt zur Krise?
Hans-Joachim Maaz: Weil jetzt die Droge – der Konsum, der Wohlstand – bei uns knapper wird. Die große Klammer des „Wohlstands für alle“ ist dünner geworden. Es können nicht mehr alle teilhaben. Wir sprechen von Altersarmut, Kinderarmut, prekäre Teilzeitarbeit, so dass die genussvolle Seite unserer gestörten Gesellschaftsentwicklung nicht mehr für viele zutrifft. Wir waren lange Nutznießer und haben nicht mitbekommen, wie verkehrt das auch ist. Jetzt aber haben wir eine kritische Grenze erreicht.

Was brauchen Kinder, um vor einem falschen Leben gefeit zu sein?
Hans-Joachim Maaz: Wir wissen heute, dass Kinder nicht Erziehung brauchen, sondern Beziehung. Da ist das Kind ein gleichwertiger Partner, das auch seine Bedürfnisse signalisieren darf. Die Kunst der Eltern bestünde darin, dies gut zu verstehen und zu deuten.

Was macht gute Elternschaft aus?

Hans-Joachim Maaz: Das wäre eine optimale Beziehung zwischen Eltern und Kind, die dem Kind vermittelt, dass es gewollt ist, geliebt ist, verstanden wird. Das Kind sollte gefördert werden, nicht überfordert, nicht eingeschüchtert werden.

Ist diese ideale Beziehung heute überhaupt möglich?

Hans-Joachim Maaz: Nein, so ideal leider nicht mehr. Entweder haben die Eltern selbst nicht solch eine Beziehungsart erlernt oder sie sind ökonomisch so eingespannt, dass sie gar nicht diese innere Einstellung zum Kind entwickeln können.

Wie könnte das geändert werden?
Hans-Joachim Maaz: Von der Politik ist zu fordern, dass sie alles unternimmt, dass die Eltern ihre Elternschaft gut wahrnehmen können. Das heißt, die Eltern sollten ökonomisch so ausgestattet werden, dass sie in den ersten drei Lebensjahren ganz die Beziehung zum Kind in den Vordergrund stellen können.

Von der frühkindlichen Fremdbetreuung raten Sie ab?
Hans-Joachim Maaz: Ja, denn die Trennung von der Mutter in den ersten drei Lebensjahren bedeutet für das Kind immer Stress. Sicher ist in manchen Fällen, in denen die Eltern krank oder beeinträchtigt sind, eine Fremdbetreuung nötig. Aber diese sollte dann auch optimal gestaltet sein. Das heißt: höchstens drei oder vier Kinder pro Betreuungsperson.

Kann auch eine christliche Erziehung zu einem „falschen Leben“ führen?
Hans-Joachim Maaz: Man richtet großen Schaden an, wenn man einem Kind religiöse Inhalte auferlegt als Pflicht. Aber dort, wo man das Christliche lebt, wo es echt ist, wo man es beziehungsmäßig positiv vorlebt, dort gibt man dem Kind einen Halt mit.

Wie kann man als Erwachsener zu weniger falschem Leben gelangen?
Hans-Joachim Maaz: Das wichtigste ist, dass man darüber nachdenkt, wie man beeinflusst wurde, wie man erzogen wurde, was einem die Eltern vermittelt haben und dann zu schauen, was davon tauglich für mich ist und was schädlich. Darüber sollte man sich mit Menschen austauschen, die einen nicht beurteilen oder belehren wollen, sondern hilfreich und unterstützend sind. Wenn man seine Lebensgeschichte so anschaut, werden unweigerlich Gefühle aufkommen. Wenn man sieht, wie man gekränkt wurde, eingeschüchtert wurde, kommt Wut, Schmerz, Trauer hoch.

Und diese Gefühle sollten dann ausgedrückt werden?
Hans-Joachim Maaz: Das wäre wichtig, dass man in sicheren Beziehungen auch mal weinen kann, schimpfen kann über das, was einem geschehen ist. Die berechtigte Empörung sollte nicht auf Sündenböcke übertragen oder Feindbilder projiziert werden. Der belastende Einfluss von Eltern oder Lehrern sollte erkannt und emotional verarbeitet werden, ohne dass man sich im Nachhinein rächen möchte. Das ist nach meiner Erfahrung die Grundlage dafür, immer mal wieder echter zu leben.

Was wäre das Gegenteil zu einer „normopathischen Gesellschaft“?
Hans-Joachim Maaz: Eine Beziehungskultur, in der es Menschen gelingt, sich besser zu verstehen und in ihren Beziehungen Verständnis, Anerkennung und Liebe erfahren und weitergeben. Dann haben die Menschen viel weniger Ehrgeiz, wieder etwas Großes zu erwerben oder noch mehr Geld zu haben. Bessere Beziehungen helfen aus süchtigem Konsumverhalten heraus.



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