Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Wir suchen keinen Kick“

BIBERACH – Die Theologen Imke Frodermann und Ralph Lang wollen mit einer Weltreise auf zwei Rädern Kinderarmut bekämpfen und dabei ihr eigenes Leben bereichern. Zwei Jahre lang wird das Paar unterwegs sein auf einer Tour, bei der man mehr braucht als Muskelkraft.

Imke Frodermann und Ralph Lang wollen 35 000 Kilometer mit dem Rad zurücklegen. (Foto: privat)

Daheim in Biberach steht nur noch das Nötigste offen in der Wohnung: Geschirr, das Telefon, Waschsachen. Den Großteil ihres Hausstandes haben Imke Frodermann und Ralph Lang bereits für eine lange Lagerzeit in Kartons verstaut oder verschenkt. „Die Hälfte unserer Klamotten haben wir einfach mal Flüchtlingen gegeben“, sagt Ralph Lang. Den eigenen Besitzstand radikal zu verkleinern habe „etwas Befreiendes“.

So ist das Theologen-Ehepaar dabei, eine erste grundlegende Selbsterfahrung zu machen, noch bevor das eigentliche große Wagnis beginnt. Am 31. Juli werden die beiden Religionslehrer mit dem Fahrrad zu einer zwei Jahre dauernden Weltfahrt aufbrechen. Ihre Route soll durch die USA führen, durch Marokko und die Türkei, Tibet, Nepal, Kambodscha und am Ende ein Stück durch Australien. Eigentliches Ziel der 35?000-Kilometer-Reise, ihr wohltätiger, weltverbessernder Zweck, ist der Zwischenstopp in der Kerala Bhakar-Schule im nordwestindischen Bundesstaat Rajasthan. Dort werden Kinder unterrichtet, die zuvor mit ihren Eltern in einem Steinbruch fürs tägliche Überleben schuften mussten. Sie gehören zu den Ärmsten der Welt. Den Unterrichtsbetrieb gäbe es nicht ohne die Partnerschaft mit der Biberacher Gebhard-Müller-Schule, wo ein Unterstützerkreis das nötige Geld – weit mehr als 30?000 Euro – für Lehrergehälter und medizinische Versorgung für die nächsten Jahre gesammelt hat. Ralph Lang ist Verbindungslehrer und Schulseelsorger an der Gebhard-Müller-Schule.

Sie hätten ein Flugzeug besteigen und mit dem Mietwagen zur indischen Schule fahren können. Die Pfarrerlaufbahn innerhalb der evangelischen Landeskirche wäre bruchlos fortgesetzt worden, der Applaus der Öffentlichkeit trotzdem sicher gewesen. Aber die Eheleute haben ihr spektakuläres, durch einen regelmäßigen Internet-Blog unterstütztes Sozialprojekt für die Kinder in Indien mit einem inneren Aufbruch verbunden, der keinen Applaus braucht. „Wir suchen nicht den Kick“, sagt Imke Frodermann. Es gehe darum, sich auf andere, neue Weise zu erleben, sich ein „Spielfeld der eigenen Fähigkeiten“ zu erobern. Das Fahrrad als überaus langsames Fortbewegungsmittel sei dafür ideal. Denn um die Fahrt durch Steppen und Gebirge und über einsame, geschotterte Straßen zu überstehen, brauche es „mehr als Muskelkraft“, sagt die Theologin. Wichtiger seien „Weltschläue und kulturelle Bildung“.

Imke Frodermann und Ralph Lang sind langjährige, geübte Radfahrer. In ihren Satteltaschen werden sie vom Zelt über Wasserfilter und Benzinkocher bis zur Medikamenten-Grundausstattung alles mitnehmen, was ihnen ihre zum Beispiel in Südamerika erworbene Erfahrung diktiert. Diese Erfahrung sagt ihnen zugleich, dass sich aber am Ende nicht alles planen lässt, dass eine Gefahr immer bleibt. „Ohne Gottes Hilfe werden wir nie am Ziel ankommen“, weiß Ralph Lang. Für ihn ist diese Reise eben nicht nur Werbung für ein nachahmenswertes Hilfsprojekt oder faszinierendes Abenteuer, sondern auch ein Glaubensweg. Er und seine Frau, sagt er, empfänden „eine spirituelle Dankbarkeit, dass es uns in Deutschland und Mitteleuropa so unglaublich gut geht“. Überhaupt sei „eine Grundhaltung unserer Spiritualität die Dankbarkeit“.

Sie haben längst angefangen, sich Stück für Stück zu verabschieden: bei Freunden, Familienmitgliedern, Kollegen. Dabei spürten sie, wie sie erzählen, Freude, Hoffnung und auch ein bisschen Wehmut. Zwei Jahre sind eine lange Zeit. „Viele haben gesagt, sie schließen uns in ihre Gebete ein“, sagt Ralph Lang. Den ganz Ängstlichen hilft er mit einem Scherz: „In Stuttgart auf dem Fahrrad begibt man sich auch in Gottes Hand.“ Weil er längere Zeit in der Landeskirchenzentrale gearbeitet hat, weiß er, wovon er spricht.

Nicht einmal nehmen Imke Frodermann und Ralph Lang das Wort Angst in den Mund. Offensichtlich haben sie einfach keine – auch nicht vor der Frage, wer die beiden Menschen sein werden, die in zwei Jahren zurück nach Biberach kommen; ob sie sich nahtlos wieder in ihren Alltag werden einfügen können. „Ich werde dann noch lieber wieder in die Schule gehen als bisher“, sagt Imke Frodermann vorher. Ihr Mann ergänzt, er wünsche nicht nur sich selber, sondern allen, „dass sie im positiven Sinn immer wieder aus ihrem Alltagsleben herausgerissen werden“.

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