Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wo Luther keine Bratwurst aß

WERTHEIM – Das badische Wertheim am Zusammenfluss von Main und Tauber gehörte zu den ganz ­frühen Orten der Reformation. Bereits 1521 hatte Graf Georg den Reformator Martin Luther auf dem Reichstag sogar persönlich kennengelernt. 


Malerischer Anblick: Wertheim mit Burg am Zusammenfluss von Tauber (rechts) und Main. (Foto: Stadt Wertheim)

Die schönsten Geschichten sind oft erfunden. Eine dieser schönen erfundenen Geschichten ist die von Martin Luther, als er im Goldenen Adler in Wertheim eine Bratwurst aß und sie anschließend nicht bezahlte. Luther als Zechpreller, welch eine herrliche Anekdote, mit der sich auch heute noch vortrefflich Werbung machen lässt. Zumal es das Gasthaus Goldener Adler noch immer gibt und die fränkische Bratwurst dort nach wie vor ausgezeichnet schmeckt.

So historisch falsch der Luther-Besuch im Taubertal ist, so richtig ist die enge Verbindung, die die Grafen von Wertheim zu ihm hatten. Schon 1521 hatte Graf Georg II. den Reformator persönlich auf dem Reichstag in Worms kennengelernt. Er gehörte zu jener Kommission, die versuchte, den sturen Mönch zum Einlenken zu bringen – und zeigte sich doch tief beeindruckt, wie aufrecht und standhaft er blieb.

Ein Jahr später schrieb er an Luther und bat um die Entsendung eines geeigneten Predigers. Schon 1518 hatte Georg II. aufwändige Beerdigungen und Totenmessen in Wertheim verboten und versuchte nun Schritt für Schritt Reformen durchzusetzen. Es war ein behutsamer Weg, den der Graf ging, mit machtpolitischen Rücksichten auf das katholische Kaiserhaus und den mächtigen Bischof von Würzburg, zu dessen Einflussbereich die Stadt an der Tauber gehörte.

Als Luthers Prediger Jakob Strauß allzu forsch seine Stimme erhob, entließ er ihn nach kaum drei Monaten wieder. Auch mit dem nächsten Wertheimer Reformator, dem ehemaligen Kartäusermönch Franz Kolb, ging es nicht lange gut. Er hatte sich dem radikalen Kurs der Schweizer Reform zugewandt und das Abendmahl nur noch als symbolischen Akt gesehen. Das war weder im Sinne Graf Georgs noch Martin Luthers.

Erst der dritte Wertheimer Reformator lag ganz auf der Linie des mittlerweile strengen Lutheraners Georg II. Unter dem ehemaligen Franziskanermönch, Humanisten und Volksprediger Johannes Eberlin kam die Reformation voran. 1530 gab es bereits eine neue Kirchenordnung, die nicht nur die Rechte und Pflichten des Pfarrers, sondern auch die Gottesdienstordnung festschrieb. Im Zentrum stand die Predigt, doch lange duldete man auch noch andere Gottesdienstformen in der Stiftskirche.

Nur nicht den Bischof von Würzburg allzu sehr verärgern, hieß die Devise. Der hatte bereits 1527 argwöhnisch festgestellt, dass „die graven in irer herschaft selbs gern Bischof sein wollten.“ Damit lag er keineswegs falsch, denn überall, wo sich die Reformation durchsetzte, ging das Kirchenregiment auf den Landesherrn über, der nun nicht mehr nur weltliches, sondern auch geistliches Oberhaupt war.

Erst Georgs Sohn Graf Michael III. sollte die Reformation ganz zum Abschluss bringen. 1551 löste er die Klöster auf, 1555 wurde die evangelische Kirchenordnung auf die gesamte Grafschaft ausgedehnt. Es war das Jahr des Augsburger Religionsfriedens, in dem der Landesherr nun auch ganz offiziell entscheiden durfte, ob er sich den Lutheranern anschließen wollte oder lieber katholisch blieb.

Die Wertheimer waren Lutheraner aus Überzeugung, doch mit Graf Michael waren sie dynastisch auch am Ende: Da er keine männlichen Nachkommen hatte, ging Wertheim nun an die Löwensteiner über. Als Teile des neuen Grafenhauses im Zuge der Gegenreformation katholisch wurden, kam es zu einem jahrzehntelangen Gerangel zwischen den Konfessionen.

Bereits kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg war die Zweiteilung der evangelischen Stiftskirche beschlossen worden: Von 1651 bis 1842 diente sie als Simultaneum mit einem katholischen Chor, einem evangelischen Langhaus und einem Lettner als Trennwand in der Mitte.

Davon sieht man heute nichts mehr. Als die katholische Pfarrkirche St. Venatius 1842 fertig war, wurde die Stiftskirche wieder ganz und gar evangelisch. Eine Figur des Reformators Martin Luther steht gleich neben dem Eingang und im Chorraum liegen einträchtig nebeneinander die Grafen begraben, unter ihnen der letzte der Wertheimer Linie, Michael III.

Wer heute durch Wertheim spaziert, der kann die reformatorisch-gräfliche Geschichte auf engstem Raum erleben. Die Stiftskirche steht gleich neben dem Gasthaus Goldener Adler und kaum hundert Meter weiter ist das Grafschaftsmuseum, wo in einem eigenen Reformationszimmer die Ereignisse des 16. Jahrhunderts ausführlich erläutert werden.

Dort finden sich auch so ungewöhnliche Exponate wie eine Bibel der Aufklärung oder eine Kanzelsanduhr von Friedrich Wilhelm I., dem viele der Predigten einfach zu lang waren. Wertheim war nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches badisch geworden, die nördlichste Stadt des Großherzogtums und die nördlichste Stadt Baden-Württembergs bis heute.

Ihre Lage ist malerisch, am Zusammenfluss von Main und Tauber mit der Burgruine auf einem Bergrücken über der Altstadt. Schon im Dreißigjährigen Krieg wurde die Burg der Grafen von Wertheim zerstört und danach nie wieder aufgebaut. Nach dem Heidelberger Schloss ist sie die zweitgrößte Burganlage in Baden-Württemberg.

Heute fahren unzählige Radfahrer durch Wertheim, das an einem der Endpunkte des beliebten Radweges durch das Taubertal liegt. Die Stiftskirche lädt sie ein, ein wenig inne zu halten und den großen Raum auf sich wirken zu lassen.

Wer sich dann stärken will, der kann im benachbarten Gasthaus ein Radler und eine Bratwurst zu sich nehmen – und gleich die Rechnung begleichen, die ein gewisser Luther vor 500 Jahren zu bezahlen vergessen haben soll.


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