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Das Leben nachahmen

Esslingen – Ein guter Pantomime berührt Herzen und kann ohne Worte Geschichten erzählen. Der Spanier Carlos Martinez beherrscht diese Kunst seit über 35 Jahren. Bei einem Workshop in Esslingen gab er die Grundlagen dieser Fertigkeit an elf Teilnehmer weiter. 

Das Gesicht drückt Gefühle und Gedanken aus. das muss man üben. (Foto: Claudia Burst)


„Hello, my name is Carlos,“ Carlos Martinez begrüßt an diesem Nachmittag jeden seiner Workshop-Teilnehmer mit Handschlag und charmantem Lächeln. Es sind vier Männer und sieben Frauen zwischen 22 und 61 Jahren. Sie kommen aus einem Umfeld von 200 Kilometern in die Räume des CVJM Esslingen, die sich für einen Pantomime-Workshop gut eignen, weil es genügend Platz gibt.

Dass dieser benötigt wird, stellt sich schnell heraus. Carlos Martinez und seine Assistentin und Managerin Jenny Findeis haben zwar auch Stühle für die Theorie im Halbkreis aufgestellt – aber für die Einleitung des zweitägigen Kurses verschwendet der Spanier nicht viel Zeit. Er bietet allen das Du an und erläutert, was Pantomime eigentlich ist. Auf Englisch. Das ist für die meisten kein Problem, nur wenige sind auf die Übersetzung durch Jenny angewiesen. „Pantomime kommt von panto mima“, sagt Carlos, das bedeute alles imitieren. „Wir imitieren das Leben“, erklärt er, „und das müssen wir gut machen, sonst verstehen die Leute uns nicht.“

Wie dieses Ziel erreicht wird? Im Prinzip imitiere ein Pantomime einfach nur die drei Hauptelemente des Körpers. Die Füße – als Ausdruck der Persönlichkeit. Die Hände, um Gegenstände darzustellen. Und das Gesicht für Gefühle und Gedanken.

Mit diesem Vorwissen schickt der 61-Jährige seine Schüler auf die freie Fläche hinter den Stühlen, um das Gehörte umzusetzen. Nach wenigen einfachen Übungen zum „Gehen“ erfassen die Teilnehmer, dass es bei allem in erster Linie auf exakte Beobachtung ankommt. Sie beobachten ihren eigenen Gang, dann den der anderen, um den schließlich zu imitieren. Carlos entpuppt sich dabei als mitreißender Referent – er bringt gewünschte Details mit wenigen Bewegungen oder Gesten auf den Punkt und seine Teilnehmer zum Lachen.

Lachen ist überhaupt der häufigste Gesichtsausdruck an diesen beiden Tagen – trotz der unglaublichen Konzentration, die die so einfach aussehenden Übungen den Seminargästen abverlangen. Sie begreifen, dass sich mit den vier unterschiedlichen Fußstellungen – Fußspitzen nach außen oder innen, auf Zehenspitzen oder deutlich abrollen – die gesamte Körperhaltung ändert. Und damit der Typus der dargestellten Person.

Schwieriger wird es, als Carlos den elf Schülern den typischen Pantomime-Schritt demonstriert. Er schreitet elegant in einer fließenden Bewegung vorwärts – und bewegt sich dabei nicht von der Stelle. „Ihr müsst nur fünf kleine Bewegungen kombinieren – und das sehr präzise“, verdeutlicht er und zeigt den Schritt in Zeitlupe. Kein Problem: rechtes Bein in die Knie, Fuß vorwärts, dann Zehen nach oben, zurückziehen auf die Ferse, Bein durchstrecken, jetzt alles mit links.

Oh, es ist doch ein Problem. Was sich so einfach anhört, will in der Praxis einfach nicht funktionieren. Die Schüler schütteln verzweifelt die Köpfe, üben und üben. Es dauert eine ganze Weile und viele Übungsideen, bevor es tatsächlich klappt. Ha, das macht Spaß.

Weil der Pantomime mit diesem Schritt jedoch nicht vorwärtskommt, in manchen Szenen es aber so aussehen soll, muss sich eventuell die Kulisse unauffällig seitwärts bewegen. Eine neue Herausforderung, sich mit den Füßen seitwärts zu bewegen, während der Oberkörper zu diesem Zeitpunkt eine Dusche oder Straßenlampe darstellt und unbeweglich bleiben soll. Carlos zeigt, wie’s geht – und lässt die Dusche mal eben noch nachtropfen. Kleine Details, die andeuten, was an seinen Auftritten so komisch, aber auch so liebenswert ist.

Das Ganze hat über zwei Stunden gedauert. Kurze Stunden. Erst eine Pause zeigt, wie anstrengend es war und dass die Auszeit tatsächlich benötigt wird. „Das ist total erstaunlich“, beurteilt Renate das Gelernte und ist begeistert. So geht es auch den anderen.

Dass der Block zu den Händen um keinen Deut einfacher wird, wird im Anschluss auf Anhieb klar. Die Teilnehmer sollen sich an einer Wand entlangtasten. „Das sind nur vier Bewegungen“, sagt Carlos: „Fuß, Hand, Hand, Fuß.“ Es ist kaum auszuhalten, wie kompliziert sich diese simple Anweisung in der Praxis erweist. Bei Carlos zeigt sich die Luft-Wand materialisiert, alle anderen stochern nur seltsam ins Leere. „Wenn eure Wand aus Glas besteht, müsst ihr einfach die Bewegungen in Hand, Fuß, Fuß, Hand umändern.“

Danke. Das Lachen gefriert, die Konzentration auf den Gesichtern übernimmt die Vorherrschaft. Die Schultern tun weh. Seltsamerweise macht es trotzdem Spaß. Und so nach und nach füllt sich der Raum mit sichtbaren Mauern und Glaswänden.

Von der Wand, die ertastet wird, geht es weiter zu Gegenständen in den Händen. Ein Blatt Papier etwa. „Damit die Leute das Papier sehen, müsst ihr es diagonal halten – und dies auch beibehalten, wenn ihr das Papier dreht“, sagt Carlos. Es komme darauf an, die Hände zu kontrollieren, damit das Publikum ein Objekt erkennt. „Benützt immer drei Finger, um ein Objekt zu halten. Mit drei Fingern entsteht Volumen.“ Solche kleinen Tipps helfen, vor allem weil der Referent in seiner bildhaften Sprache klar macht: „Die Kunst der Pantomime ist zerbrechlich. Wenn ich nicht aufpasse, verschwindet der Gegenstand einfach.“

Die zukünftigen Pantomimen üben in spielerischer Form, und immer wieder probieren sie dazu auch den passenden Gesichtsausdruck. Der jedoch folgt erst nach der zweiten Pause in Block drei. Und ist verblüffenderweise am einfachsten zu begreifen – hier geht es weniger um Motorik, mehr um die Fantasie. Es gibt vier grundlegende Gefühle im Theater: Freude, Trauer, Wut und Angst. Alle anderen Gefühle wie etwa Ekel, Überraschung oder Liebe lassen sich darin integrieren.

Wieder hat der Pantomime originelle Ideen, wie er diese Theorie in die Praxis umsetzt. Weil er weiß, dass „Leute nicht Gefühle sehen wollen, sondern den Wechsel der Gefühle“, lässt er seine Schüler durch vier markierte Gefühls-Länder wandern. „Stellt euch vor, überall sind Kakerlaken“, verlangt er, „wie zeigt ihr eure Gefühle den Tierchen gegenüber im Land der Freude, der Trauer, der Wut oder der Angst?“  Mit solchen Übungen produziert er zwar Lachsalven – so manchem fällt es schwer, seiner Freude inmitten von Kakerlaken Ausdruck zu verleihen –, dennoch wird im Lauf dieses Übungsblocks deutlich, wie die Körperhaltung den Gesichtsausdruck beeinflusst und die Kombination Gefühle veranschaulicht.

Am Ende dieses ersten Tages ist es allen elf Teilnehmern klar, worauf es ankommt. Und wie die Persönlichkeiten mit den Gefühlen und den Objekten kombiniert werden, damit eine Szene entsteht, dafür benötigt Carlos den zweiten Tag und verspricht: „Morgen gibt es richtig viel zu tun.“

Information
Carlos Martinez (61) stammt aus Barcelona und steht seit 35 Jahren als Pantomime auf den Bühnen der ganzen Welt. Er ist unter anderem Preisträger der ökumenischen Stiftung „Bibel und Kultur“ aus Stuttgart wegen seiner pantomimischen Umsetzung biblischer Geschichten.  Aus Anlass des Reformationsjubiläums tourt er im Jahr 2017 mit der Show „My Bible“ vermehrt durch Deutschland und Europa.

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