Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Glocke als letztes Mittel

ULM – Silke Reiser und Silvana Schmitz hüten den Eingang zum Ulmer Münster. Sie verkaufen Souvenirs, geben jährlich Tausenden Besuchern vielsprachige Auskunft und weisen freundlich darauf hin, dass eine Kirche keine Eisdiele ist. Ein Besuch. 

Immer freundlich und geduldig: Silvana Schmitz (links) und Silke Reiser. (Foto: Rüdiger Bäßler)


 Irgendwann ging es nicht so weiter am Ulmer Münster: Die Besuchermassen stiegen spürbar, der kleine Laden im Eingangsbereich mit seinem immer etwas zusammengewürfelt wirkenden Sortiment bedurfte einer Umgestaltung. Während des Jahres 2016 handelte das zuständige Pfarramt. Der Moment schien ganz natürlich. Die langjährige für den Tourismus zuständige Münsterpfarrerin Tabea Frey wechselte zur Landeskirche nach Stuttgart, ihr folgte im Spätsommer Peter Schaal-Ahlers, der aus Esslingen kam. Zu diesem Zeitpunkt war bereits beschlossen worden, dass das Tourismusgeschäft von einer neu zu schaffenden Abteilung „Besucherbetrieb“ in die Hand genommen werden sollte. „Das kann kein Pfarrer mehr nebenher machen“, sagt Silke Reiser. Sie ist seit dem vergangenen Jahr Leiterin der neuen Abteilung.

Zuerst, erzählt sie, habe sie das Sortiment des Shops „bereinigt“. Immer noch stehen jetzt Souvenirartikel in den Regalen, Schneekugeln und Ansichtskarten zum Beispiel, und natürlich Devotionalien. Neu ist aber seit einigen Monaten ein Lebensmittelangebot unter dem Label „Ulmer Münster“. Da gibt es Honig von heimischen Bienen, Marmeladen, Schokolade oder Destillate heimischer Erzeuger. Aus den Erträgen aus dem Verkaufsgeschäft muss die neue Abteilung Besucherdienste finanziert werden – und es soll noch ein Gewinn übrig bleiben, der in die enormen jährlichen Sanierungsaufwendungen der Kirche fließt.

Zum festen dreiköpfigen Team der Ladenverkäuferinnen im Münster stieß auch Silvana Schmitz, Argentinierin von Geburt, aber neben des Spanischen und Deutschen auch des Englischen, Italienischen und Französischen mächtig. Diese Vielsprachigkeit sei Voraussetzung bei der Personalsuche gewesen, sagt Silke Reiser. Im Eingangsbereich des Ulmer Münsters zu arbeiten, bedeutet erheblich mehr, als nur Souvenirs zu verkaufen. Die Frauen sind Auskunftsstelle für Anfragen aller Art aus aller Welt. Schon deswegen, weil an der Ladenkasse auch Karten für den Aufstieg zum Münsterturm verkauft werden. Rund 170.000 Menschen wollten im vergangenen Jahr hinauf zur Spitze des höchsten Kirchturms der Welt.

Mit freundlicher Geduld stellt sich die Sprachkünstlerin an jedem Arbeitstag in den wirbelnden Strudel der Fragen. „Wo sind die Toiletten?“, laute die häufigste, sagt sie – und die am einfachsten zu beantwortende. Schülergruppen verlangten immer wieder zu erfahren, „ob in den Gewölben noch Gebeine liegen“. Schwieriger werde es zuweilen bei Detailfragen zur Geschichte und Innengestaltung des Münsters. „Manchmal werden wir Sachen gefragt, die wissen wir selber nicht, weil sie uns noch nie aufgefallen sind“, sagt Silke Reiser. Da gehe es zum Beispiel um Details in den Wappen alter Ulmer Patrizierfamilien, die innerhalb des Kirchenschiffs abgebildet sind. Als Angestellte lerne sie so selber ständig dazu, sagt Silvana Schmitz.

Abstriche von der Harmonie gibt es trotzdem immer wieder. Zum Beispiel, wenn Besucher unter Jacken oder in Taschen ihren Hund mit in die Kirche schmuggeln wollen. Silvana Schmitz weist dann auf ein entsprechendes Verbot hin. „Aber der ist doch ganz klein“, kriege sie dann oft zu hören. „Ja“, antworte sie meistens, „aber das ist immer noch ein Hund.“ Vielleicht sollte es der Pfarrer nicht wissen, aber es kam schon vor, dass die freundliche Frau aus Argentinien Besucher samt Mini-Hund dann doch rasch ins Kircheninnere schauen ließ.

Könnte Pfarrer Schaal-Ahlers Wünsche wahr werden lassen, dann wäre einer davon, dass die Männer beim Betreten des Münsters zumindest die Kopfbedeckung abnehmen. Verbote gegen die täglich hereindrängende Flut von Baseballkappen, Radlerhosen, Shorts und Tanktops will die Münstergemeinde bisher aber nicht aussprechen. Das ehrenamtliche Aufsichtspersonal im Kircheninnern schreitet nur bei Lärm oder anderen auffälligen Störungen ein.

Wenn Silke Reiser auf laut schnatternde oder Eis essende Gruppen trifft, erinnert sie daran, dass es sich beim Münster nicht um irgendeine Sehenswürdigkeit, sondern ein „Gotteshaus“ handelt, in dem Menschen „spirituelle Einkehr suchen“. Silvana Schmitz kennt das Butterbrot-Publikum natürlich auch: „Wenn jemand ein Picknick machen möchte, sage ich, draußen vor dem Münster gibt es wunderbare Bänke.“ Dringen die Frauen mit ihren Stimmen bei Besucherpulks nicht mehr durch, greifen sie zum letzten Mittel. „Wir haben eine Glocke im Shop“, sagt Silke Reiser. „Wenn gar nichts mehr geht, wird geläutet. Dann kann unsere Ansage kommen.“

Nach Schätzungen strömen jedes Jahr zwischen 800.000 und einer Million Menschen ins Ulmer Münster. Seit Dezember 2016 werden die Umrisse von Besuchern mit Hilfe einer Wärmebildkamera erfasst und gezählt. Wenn klar sei, wie sich die Menschenmassen im Kircheninnern mehrheitlich bewegten, könne zum Beispiel über die Platzierung der Opferstöcke neu nachgedacht werden, sagt Silke Reiser. Ihre Bereitschaft, sich Vermarktungsgedanken zu öffnen, hat aber auch Grenzen. Vor einiger Zeit habe es eine schriftliche Anfrage für „Fashion-Aufnahmen vor dem Altar“ gegeben. „Da mussten wir höflich ablehnen.“

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