Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Hände schmutzig machen

ERLENBACH (Dekanat Neuenstadt) – Ein Handwerkergottesdienst? Als Martin Riedle, der selbst eine Auto­werkstatt besitzt, vor einem Jahr bei Pfarrer Jürgen Stauffert mit dieser Idee anklopfte, konnte der bei so viel Engagement gar nicht Nein sagen. Jetzt fand er bereits zum zweiten Mal statt. 

Der Altar aus Schalungsmaterial vom Bau wird mit Tuch und Pflanzen aufgehübscht. (Foto: Stefanie Pfäffle)


Es ist Samstagnachmittag und in der Lackiererei von Martin Riedle geben sich die Handwerker die Klinke in die Hand. Weil für den Sonntag schlechtes Wetter vorhergesagt ist, wird der Gottesdienst kurzerhand vom Parkplatz nach innen verlegt. Das Prunkstück der ganzen Veranstaltung steht bereits im Raum – ein riesiger Altar aus Schalungsmaterial vom Bau.

„Welche liturgische Farbe haben wir morgen?“, fragt Kirchengemeinderatsvorsitzender Bernd Gailing in die Runde und erntet Achselzucken. Das Internet hilft und schon düst er ab, um eine Rolle weißes Tuch zu holen, mit dem der Altar geschmückt wird.

Parallel dazu laufen die verschiedensten Arbeiten. Draußen bringt ein Kollege mit einem großen Bagger einen Betonring in Position. Der dient sonst dazu, Baustellenschilder an Ort und Stelle zu halten, jetzt wird er quasi zum Fundament für das große Holzkreuz. Einmal über die Schulter geworfen und schon steht das Kreuz. Fehlen nur noch ein paar hölzerne Keile, damit es auch gerade steht. Einmal drum herum gelaufen – ja, gerade. Das Ganze hat ein bisschen was von Weihnachtsbaumaufstellen.
Riedle schaut strahlend in die Runde. Dass sich so viele Kollegen für seine Idee begeistern konnten, freut den Kfz-Mechaniker. „Im Handwerk und in der Kirche fehlen doch Leute, deswegen dachte ich, das passt zusammen“, erzählt er. Ein Gottesdienst in einem anderen Umfeld könnte ja vielleicht das Interesse von anderen wecken. Nachdem der Pfarrer überzeugt war, fing er an, andere Betriebe anzusprechen.

Nach und nach kamen immer mehr Freunde und Bekannte dazu. „Es geht ja auch darum, Sinn in die Arbeit zu bringen und nicht nur Geld zu verdienen – das Dankeschön eines Kunden ist eben auch schon viel wert“, findet Gailing, der selbst Produktionsleiter im Nachbarsbetrieb ist.

Gartenbauer Norbert Staack bringt seine Pflanzentöpfe. „Passen die an die Säulen dran?“, fragt er Gailing und nach einem kurzen Versuch mit den Hängepflanzen entscheiden sich die beiden dagegen. Mit einem Gabelstapler werden weitere, extra angefertigte Blumentröge aus Stahlplatten antransportiert. Das Drumherum des Altars nimmt immer mehr Gestalt an. „Ich möchte die hiesigen Handwerker und ihren Glauben unterstützen“, begründet Staack seinen Einsatz. „Wir in der Gemeinde müssen doch zusammen halten.“

Und das geht über die Konfessionen hinweg. Riedle selbst ist katholisch und der Großteil der anderen Handwerker ist es auch. „Es geht um den christlichen Glauben, ist doch egal, ob man da katholisch oder evangelisch ist“, findet der Ideengeber.

Im Hintergrund läuft ein Mann mit einer Kehrmaschine durch den Raum. Ein paar Mädels legen die Liedblätter für den nächsten Morgen zusammen. Während die ersten Biertischgarnituren aufgebaut werden, kommt der Pfarrer vorbei. „Ist der Altar nicht genial!“ ruft er begeistert aus und knipst, was das Zeug hält. Vor vielen Jahren hatte Stauffert schon mal die Idee, Gottesdienste an anderen Orten zu machen und die Predigt dann auch darauf abzustimmen, aber das hat nicht geklappt. „Ich finde es reizvoll, die Räume zu wechseln, denn die haben ja auch schon ihre eigene Geschichte und Dynamik, geben das Thema quasi vor.“

Eigentlich kehre das biblische Wort dadurch wieder dahin zurück, wo es entstanden ist, denn das seien nicht die Kirchen oder Synagogen gewesen. Stauffert weiß, dass man so auch Leute anlocken kann, die sonst vielleicht nicht zum Gottesdienst kommen. Umso wichtiger sei es, die richtige Worte zu finden. „Die Leute kommen vielleicht nur einmal und dann muss es ein Jahr lang halten.“ Aber etwas Heiliges an einen Ort zu bringen, wo man sich die Hände schmutzig macht – das knistere. Er selbst hat im Studium auf einer Werft gearbeitet und weiß deswegen: „Man muss die hohe Theologie so runter brechen, dass es jeder versteht.“

Sonntagmorgen – noch eine Stunde bis zum Handwerkergottesdienst. Es nieselt, die Entscheidung, nach innen zu gehen, war also goldrichtig. Ein Mann parkt rückwärts ein paar alte Schlepper vor den Eingang. Der älteste ist Baujahr 1949, ein echter Hingucker, aber anstrengend zu fahren. „Den muss man noch mit der Kurbel anlassen.“ Auch die kleine Handwerkerecke mit verschiedenen Werkzeugen ist fertig geworden. Draußen wird der Grill aufgebaut, innen die Kaffeemaschinen angeworfen.

Im Anschluss an den Gottesdienst wird es einen Frühschoppen mit roten Würsten und Krustenbraten geben. Den hat Gailing, selbst gelernter Koch, am Morgen bereits zubereitet. Die Mädels haben die grünen Liedblätter auf Bänken und Tischen verteilt. Die Bibel liegt aufgeschlagen auf dem Altar. Da fehlen noch die Lichter – auch die werden positioniert. Plötzlich taucht eine Frage auf: Kommt der Pfarrer mit seinem Talar überhaupt zum Altar? Schnell werden noch drei Paletten angeschleppt, sicher ist sicher.

Rainer Siebl kommt und bringt sein Piano mit. Der CNC-Dreher wird die musikalische Begleitung übernehmen. Mit Stauffert, der gerne zur Mundharmonika greift, stimmt er die Tonlage für „Amazing Grace“, das Schlusslied, ab. Die Kuchen laufen ein oder vielmehr die fleißigen Bäcker mit ihren geschmackvollen Werken. Um 9.40 Uhr tauchen die ersten Besucher auf, zwei ältere Damen. „Wir sind ja eigentlich katholisch, aber bei uns ist heute eh nur Wortgottesdienst, also dachten wir, wir kommen mal hier raus“, erzählen sie. Sie seien ja eh für die Ökumene. Einen festen katholischen Pfarrer gibt es in Erlenbach nicht. „Macht doch nichts, wir haben doch einen“, meinen die Damen verschmitzt und zeigen auf Stauffert. Der ist sich dieser Rolle, einziger Repräsentant der Kirche überhaupt vor Ort zu sein, durchaus bewusst.

Die Lackierhalle füllt sich. Es herrscht eine herzliche Atmosphäre, jeder wird von den Hausherren begrüßt. Über 90 Menschen sitzen da, als das Piano ertönt und Pfarrer Stauffert, dank der Paletten völlig unfallfrei, die Altarstufen erklimmt. „Heute geht es nicht darum. Aufträge abzuarbeiten“, betont er. Lieder, Predigt, Worte, alles wird sich heute um das Thema Handwerk und Arbeit drehen, darum, dass man sich glücklich schätzen sollte, wenn die eigene Arbeit mehr als Geldverdienen ist, sondern auch erfüllende Lebenszeit. „Handwerker sind ja auch Seelsorger, wenn sie versprechen: Das kriegen wir schon hin.“ Und dann fügt sich alles wunderbar zusammen bei diesem Gottesdienst in einer Lackierwerkstatt.

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