Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Schattenseiten der Technik

Es ist doch alles so normal, könnte man meinen. Kinder zu bekommen, scheint die Regel zu sein. Doch für Paare, die ungewollt kinderlos sind, wird dieser Blick auf die Normalität zur Qual. Einen Ausweg bietet häufig die Medizin. Aber auch sie hat ihre Nachteile. 

Eine Mitarbeiterin in einem Kinderwuschzentrum entnimmt eingefrorene Spermien aus dem Kyrotank. (Foto: epd-bild)


Viele Paare erleben ihre ungewollte Kinderlosigkeit als großes Unglück, als eine Lebenskrise, die mit Trauer und Schmerz verbunden ist. Das jedenfalls ist die Erfahrung von Claudia Heinkel. Sie leitet die PUA-Fachstelle für Information, Aufklärung, Beratung zu Pränataldiagnostik und Reproduktionsmedizin im Diakonischen Werk Württemberg. Die Betroffenen haben das Gefühl, als Frau, als Mann versagt zu haben. Sie fühlen sich ohnmächtig einer Situation ausgeliefert, die ihre Freunde, Bekannten, Familie nicht kennen. Viele Paare ziehen sich dann zurück und sprechen auch nicht darüber. „Ungewollt kinderlos zu sein ist ein größeres Tabuthema als man denkt“, beklagt Claudia Heinkel. Und sie weiß, dass bei manchen auch die Frage auftaucht: Was haben wir falsch gemacht?

Doch Claudia Heinkel betont in so einer Situation, dass es nicht darum geht, Fehler zu suchen, sondern, wie das Paar mit der Situation umgeht, „denn eine Schwangerschaft lässt sich inzwischen relativ sicher verhüten, aber Kinder zu bekommen kann man nicht erzwingen.“

Das Problem der Fortpflanzungsmedizin ist nicht, dass sie Lösungswege anbietet, sondern dass sich damit oft die Erwartung und das Versprechen verbindet: „Alles ist möglich. Wir sorgen für das Elternglück.“ Der nüchterne Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass auch hier die Chancen begrenzt sind:So ist die künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibes inzwischen ein Standardangebot an ungewollt kinderlose Paare, mit deren Hilfe in Deutschland jedes Jahr etwa 10.000 Kinder auf die Welt kommen. Allerdings hat dieser Medizinbereich auch erhebliche Schattenseiten, die häufig nicht so zur Sprache kommen. Dazu gehört zum einen die sehr niedrige Erfolgsrate: Nach den neuesten Zahlen des Deutschen IVF-Registers sind im Jahr 2014 rund 88.000 Behandlungszyklen durchgeführt worden, daraus sind 22.000 klinische Schwangerschaften entstanden und fast 16.000 Kinder geboren worden. Pro Behandlungszyklus entspricht das einer Erfolgsquote von etwa 18 Prozent im Durchschnitt, wobei jüngere Frauen höhere Raten haben können, ältere Frauen ab 35 Jahre deutlich niedrigere. Das Durchschnittsalter der Patientinnen liegt bei 35 Jahren. Nach dem dritten Versuch bleibt immer noch fast jedes zweite Paar ohne Kind.

Claudia Heinkel betont daher: „Die meisten Paare überschätzen den Erfolg einer künstlichen Befruchtung.“ Die Fehlgeburtsrate ist bei Schwangerschaften nach künstlicher Befruchtung mit 20,4 Prozent hoch. Die Behandlungen mit ihrem Hoffen, Bangen und der Enttäuschung führen zu einer Achterbahn der Gefühle. „Jeder Misserfolg ist eine große seelische Belastung für das Paar und steigert das Gefühl, versagt zu haben“, sagt Claudia Heinkel.

Dazu kommen die physischen Belastungen für die Frauen durch die Hormonbehandlung, die zur Produktion von Eizellen für die Befruchtung außerhalb des Mutterleibs nötig ist. Viele Frauen empfinden dabei einen Produktions- und Leistungsdruck, der sie auch psychisch belastet. Der Alltag der Paare ist schließlich geprägt und beherrscht von Medikamentenplänen, von den Terminvorgaben der Klinik und häufigen Arztbesuchen, dem sich alles unterordnen muss.

Auch für die Paare, die dann ein Kind bekommen, ist es kein einfacher Weg: Die meisten brauchen mehrere Behandlungsversuche, bis sich die Hoffnung zunächst überhaupt auf eine Schwangerschaft und dann auf ein Kind erfüllt. Das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen ist ebenso erhöht wie für eine Frühgeburt. Das größte Risiko für die schwangere Frau wie für das Kind ist jedoch die hohe Rate von Mehrlingsschwangerschaften und -geburten bei künstlicher Befruchtung.

Und immer wieder stellt sich die Frage nach den eigenen Grenzen: Eine ganz pragmatische Grenze, an die viele irgendwann stoßen, ist die Frage des Geldes. Denn ein Versuch kostet rund 3000 Euro. Die Kasse zahlt drei Versuche zu 50 Prozent.

Andere Grenzfragen sind: Welche Behandlungen sind rechtlich in Ordnung, welche sind für die eigene Situation tragbar? Hormonbehandlung, Insemination, In-vitro-fertilisation (IVF), also Zeugung im Reagenzglas, Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI), bei der Spermien in die Eizelle injiziert werden und Samenspende sind in Deutschland gängige Methoden. Bei der Embryonenspende betritt man bereits einen rechtlichen Graubereich. Verboten sind in Deutschland die Eizellenspende und die Leihmutterschaft. Dass eine sehr verletzliche Situation von Paaren auf einen „lukrativen Geschäftsbereich“ trifft, ist für Claudia Heinkel eine „explosive Mischung“. Claudia Heinkel wünscht sich, dass Paare eine behandlungsunabhängige psychosoziale Beratung und Unterstützung erhielten, möglichst schon vor der Entscheidung für eine Kinderwunschbehandlung. Sie sollten auch klären: Was machen wir, wenn der Erfolg ausbleibt, was ist unser Plan B? Auch wenn dies in der Logik der Fortpflanzungsmedizin nicht vorgesehen sei.

Es gehöre zur Dynamik der Medizintechnik, dass es sehr schwer sei, eine begonnene Behandlung zu beenden, weil ja jeder neue Versuch zum ersehnten Kind führen könnte. Dieser Sog der Technik führe dann dazu, dass immer neue Grenzen überschritten werden, rechtliche wie ethische Grenzen, wie zum Beispiel bei der Eizellenspende“ oder der Leihmutterschaft im Ausland.

Mit der Medizintechnik verbinde sich die Erwartung und das Versprechen: „Alles ist möglich“. Das erhöhe den Druck auf die ungewollt kinderlosen Paare, alles zu nutzen, was möglich ist. Über Kinderlosigkeit zu trauern, sie zu akzeptieren, erscheint dann beinahe fehl am Platz und keine vernünftige Option zu sein. Ein Schicksal zu akzeptieren, erscheint dann nicht mehr möglich.
Die Woche für das Leben ist für Claudia Heinkel eine Möglichkeit, das Leid der ungewollt kinderlosen Paare wahrzunehmen, zu würdigen und auf Beratungsangebote aufmerksam zu machen. Zudem will sie auf die Folgen der Medizintechnik hinweisen. „Da hat sich ein globaler finanzstarker und in jeder Hinsicht grenzenloser Markt der Reproduktionsmedizin entwickelt, der nicht ohne Folgen darauf bleibt, wie Kinder ins Leben treten“, sagt Claudia Heinkel.


Die „Woche für das Leben“ ist seit mehr als 20 Jahren die ökumenische Aktion der evangelischen und katholischen Kirche für den Schutz und die Würde des Menschen vom Lebensanfang bis zum Lebensende. In diesem Jahr findet die „Woche für das Leben“ vom 29. April bis zum 6. Mai statt und wird am 29. April in Kassel eröffnet. Unter dem Motto: „Kinderwunsch – Wunschkind – Designer­baby“ setzt sich die Woche mit den Wünschen nach einer sorgenfreien Schwangerschaft, einer glücklichen Geburt, einem gesunden Kind und einem guten Heranwachsen des Kindes auseinander.

Zu wenig ist oft in diesem Zusammenhang bekannt, dass Schwangerschaftsberatung nicht nur ein Angebot für Frauen ist, die bereits schwanger sind und dadurch in Konflikt- und Notsituationen unterschiedlicher Art geraten sind. Die Beraterrinnen sind vielmehr auch da, um Frauen und Paare mit Kinderwunsch zu beraten und in ihrer Suche nach dem richtigen Weg zu unterstützen. Die Beratung kann vor, während und nach der Schwangerschaft bzw. Geburt bis zum 3. Lebensjahr des Kindes erfolgen. Weitere Informationen dazu gibt es im Internet unter www.ekful.de/be ratungsstellen. Die Diakonie bietet Hilfsangebote an unter: https://www.diakonie.de/hilfe-vor-ort.

Die württembergische Diakonie hat außerdem einen Flyer für ungewollt kinderlose Paare zusammengestellt, in dem Beratungsangebote in Württemberg verzeichnet sind. Die Beratungsstellen mit dem Schwerpunkt „unerfüllter Kinderwunsch“ befinden sich in Aalen, Telefon 07361-370510, in Heilbronn, Telefon 07131-964445, in Leonberg, Telefon 07152-33294025, in Ludwigsburg, Telefon 07141-95420, in Nürtingen, Telefon 07022-9327750 und in Schwäbisch Hall, Telefon 0791-946740. Eine online-Beratung ist unter www.evangelische-beratung.de eingerichtet. Weitere Informationen gibt es bei der Diakonie Württemberg, Marlene Barth, Heilbronner Straße 180, 70191 Stuttgart, Telefon 0711-1656-189 und www.diakonie-wuerttemberg.de


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