Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wenn eine 102-Jährige erzählt

REUTLINGEN – Schwester Else feiert am 21. Juni ihren 102. Geburtstag. Ihr ganzes Berufsleben war sie Krankenschwester und Mitglied des Diakonievereins Berlin-Zehlendorf. Zuletzt war sie als leitende ­Stationsschwester im Kreiskrankenhaus in Reutlingen tätig. 

Hat auch noch etwas zu sagen: Else von Reichert lebt heute im Haus am Ringelbach in Reutlingen. (Foto: Katy Quadrino)


Wer Else von Reichert begegnet, den überfällt eine gewisse Ehrfurcht. Was muss diese kleine Frau im biblischen Alter von unglaublichen 102 Jahren schon alles erlebt haben, fragt man sich. 1915 als Tochter eines Gemeindepfarrers in Budapest zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie geboren, zwei Weltkriege überlebt und ihr ganzes Leben dem Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf als Krankenschwester gewidmet.

Else von Reichert, die lieber „Schwester Else“ genannt werden will, muss ihren Geburtstag über mehrere Tage feiern, so viel Besuch hat sich angekündigt. „Das hätte ich nie im Leben gedacht, so alt zu werden, wie ist das nur möglich?“, ruft sie mit krächzender Stimme und ihr runzliges Gesicht erhellt sich zu einem fröhlichen Lachen. „Kommen Sie nur nicht näher, sonst bekommen Sie noch Falten!“, scherzt sie.

Schwester Else ist mittlerweile auf ihrem rechten Auge fast blind, man muss laut in die Hörgeräte rufen, damit sie einen versteht. Die zierliche Frau ist kaum 1,60 Meter groß, doch dass die Diakonieschwester auf ihren Krankenstationen eine energische Person gewesen sein muss, erkennt man an ihrem schnellen Stechschritt, den sie, wenn auch mit Rollator, immer noch pflegt.

Von 1936 bis zu ihrer Rente 1977 kam Schwester Else im Auftrag des Diakonievereins in vielen Krankenhäusern herum – sie arbeitete in Danzig, Delmenhorst, in der Tuberkuloseklinik Hohenkrug bei Stettin, in Kassel, Gießen, Kirchgöns, Düsseldorf und zuletzt als leitende Stationsschwester im Kreiskrankenhaus Reutlingen, wo sie auch als strenge Lehrschwester respektiert war.

In einer Stunde erzählt Schwester Else 102 Jahre ihres Lebens. Sie sitzt auf einem gepolsterten Sessel im Café Bellino des Reutlinger Altenheims Haus am Ringelbach, neben sich eine schnurrende schwarze Katze, und erinnert sich lebendig und außergewöhnlich klar an die Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und an die damalige Situation in den Krankenhäusern und Lazaretten.

Nach zwei Jahren Missionsschule entscheidet sich die damals 21-jährige Frau, eine Ausbildung als Krankenschwester beim Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf zu machen. Das war 1936. „Man musste evangelisch sein und ledig bleiben“, erklärt Schwester Else die Aufnahmekriterien des Diakonievereins. „Wenn man auch nur einen Mann mit aufs Zimmer nahm, flog man aus dem Verein raus“, erinnert sie sich.

Was für manche Schwestern schlimm war, war für Schwester Else jedoch kein Problem, für sie waren die Kollegen auf den Krankenstationen ihre Familie. „Ich war kein Tag traurig, Krankenschwester zu sein, für mich war das wie Urlaub“, erzählt sie von ihrem Beruf, den sie liebte und der sie ganz erfüllte. Sie lebte sich an ihren neuen Einsatzorten immer schnell ein, war überall zu Hause.

Es gab aber auch schwierige Zeiten: „Einmal musste ich acht Wochen lang Nachtwache machen“, erzählt sie. Acht Wochen durfte sie keine Nacht durchschlafen. „Das war sehr hart und ich musste nachts viele Entscheidungen alleine treffen, das hat mich sehr geprägt“, erzählt sie. „Für die Krankenschwestern hat sich zu damals viel verändert, zum Guten hin“, ist sie überzeugt.
Eines ihrer schlimmsten Erlebnisse war jedoch die Flucht vor den Russen Ende des Zweiten Weltkrieges, als sie für den Diakonieverein in der Tuberkuloseklinik in Hohenkrug, wenige Kilometer östlich von Stettin in Westpommern, arbeitete. „Wir mussten das Krankenhaus räumen und alle Patienten in zwanzig mit Stroh ausgelegte Viehwagen tragen, um mit dem Zug in den Westen fliehen zu können“, weiß sie noch. „Und obwohl das rote Kreuz oben auf den Zügen zu sehen war, haben die Russen einen Großangriff gestartet“, empört sie sich. Es habe sehr viele Tote gegeben und sie habe wie durch ein Wunder überlebt. „Gott hat mich durch alle Höhen und Tiefen getragen“, ist die gläubige Christin überzeugt.

Seit 79 Jahren ist Schwester Else nun Mitglied in der Zehlendorfer Diakonieschwesternschaft. Nächstes Jahr feiert sie ihr 80-jähriges Jubiläum. Was sie sich zum Geburtstag wünscht? „Nichts!“, ruft die quirlige alte Dame bescheiden, „Nur dass ich erzählen kann von meinem Leben und nicht geistig verwirrt bin“, sagt sie. „Und dass ich noch selber mein Bett machen kann.“

Information
Im Jahre 1894 gründete der Theologieprofessor Friedrich Zimmer zusammen mit Vertreterinnen des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins” den Evangelischen Diakonieverein Berlin-Zehlendorf e.?V., mit dem Ziel, Frauen zu fördern, auszubilden und beruflich zu qualifizieren. Er beschloss, Ausbildungsstätten für pflegerische und soziale Berufe für evangelische junge Frauen zu schaffen auf christlicher Grundlage. Das Wort von Friedrich Zimmer „Wir wollen dem Herrn dienen, indem wir den Bedürfnissen der Zeit dienen” ist auch heute noch Motto und Motivation für die Arbeit der Diakonieschwestern, wenn sie sich Kranken und Hilfebedürftigen zuwenden. Mit rund 2000 Mitgliedern ist der Diakonieverein die größte evangelische Schwesternschaft in Deutschland.



Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 34/2017

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Haben Sie durch die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum persönliche Impulse bekommen?
Ja.
Nein
Ich weiß es nicht