Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Alles hat seine Zeit“

Reisen weitet den Horizont. Davon erzählt Landesbischof Frank Otfried July im Gemeindeblatt-Sommerinterview. Und er erklärt, warum die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in Württemberg ein heiß diskutiertes Thema ist. Die Fragen stellte Petra Ziegler.


Landesbischof July in seinem Büro im Stuttgarter Oberkirchenrat. (Foto: epd-bild)

Herr Landesbischof, was macht ein Bischof, wenn alle anderen Urlaub machen?

Frank Otfried July: Dann mache ich auch Urlaub. Wir werden nach Jahren wieder mal nach Nord-Dänemark gehen. Dort will ich Fahrrad fahren, lesen und mich entspannen.

Bücher sind ja eine Ihrer Leidenschaften. Was lesen Sie gerade?

Frank Otfried July: Zum einen von Ian Kershaw „Der Höllensturz“. Der britische Historiker denkt über die Katas-trophen des 20. Jahrhunderts nach. Zum zweiten Erzählungen des dänischen Schriftstellers Herman Joachim Bang. Parallel lese ich natürlich derzeit vor allem Texte von und über Martin Luther.

Sie waren sieben Jahre einer der Vizepräsidenten des Lutherischen Weltbundes und haben die ganze Welt bereist. Welches Land hat Sie am meisten beeindruckt?


Frank Otfried July: Peru gehört auf jeden Fall dazu. Nach Peru habe ich den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck zu einem Staatsbesuch begleitet. Ich war sehr berührt, als ich in Ayacucho den Opfern der gewaltsamen Auseinandersetzung mit der Guerilla-Bewegung „Leuchtender Pfad“ und ihren Angehörigen begegnet bin. Und ich erinnere mich sehr gerne an Tansania.

Warum ausgerechnet Tansania, das an der Ostküste Afrikas liegt?

Frank Otfried July: Das war wie in dem Film „Jenseits von Afrika“. Ich bin mit kleinen Missionsflugzeugen über Tansania geflogen. Das gehört mit zu den schönsten Bildern, die ich in mir trage. Es war wirklich wie im Film: die Bäume, das Löwengebrüll.
Das eigentlich Beeindruckende waren neben den Besuchen von Waisenhäusern für Aidskinder und Schulprojekten auch die enorm wachsenden lebendigen christlichen Gemeinden, die ich erleben durfte.

Beim Lutherischen Weltbund haben Sie viele Vertreter anderer Kirchen kennen gelernt. Was bleibt Ihnen in Erinnerung?


Frank Otfried July: Ich erinnere mich  an einen Jugenddelegierten aus Papua-Neuguinea. Er erzählte mir, wie schwer er es zu Hause hatte, von den Älteren überhaupt gehört zu werden. Der Lutherische Weltbund hat ihm mit seinem Quotensystem geholfen: 20 Prozent der Delegierten müssen Jugendliche sein.

Kommt es in so internationalen Gremien auch zu persönlichen Freundschaften?

Frank Otfried July: Ja, unbedingt. Ich habe sehr nachhaltige Freundschaften mit dem ungarischen Bischof Tamás Fabiny und der norwegischen Bischöfin Helga Haugland Byfuglien – aber auch mit Bischof Alex Malasusa aus Tansania. Das hat meinen Blick nochmal geweitet. Wenn man sieht, wie Kirche weltweit unterwegs ist, dann kann man manches auch anders einordnen.

Die ungarische Regierung ist ja immer wieder in den Schlagzeilen...

Frank Otfried July: Deshalb habe ich vor zwei Jahren den lutherischen Bischof besucht. Ich wollte ihn stärken. Die ungarische Gesellschaft, auch die reformierte Kirche, unterstützt in der Flüchtlingsfrage zum Großteil die Regierung von Viktor Orbán. Die kleine lutherische Kirche hat sich dagegen sehr diakonisch engagiert. Die osteuropäischen Gesellschaften sehen manches anders. Dort sind nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nationale Identitäten wieder neu verstärkt worden. Manche haben plötzlich Ängste, dass die damals neu gewonnene Freiheit durch die europäische Union wieder eingeschränkt wird.

Sie sagten, globale Netzwerke dürfen nicht allein der Wirtschaft und den Banken überlassen werden. Die Kirchen müssten ihre Verbindungen zugunsten der Menschen nutzen. Wie kann das praktisch aussehen?


Frank Otfried July: Erst einmal gilt es wahrzunehmen, dass wir Kirchen ein großes Netzwerk weltweit sind – organisiert etwa im Lutherischen Weltbund und dem Ökumenischen Rat der Kirchen. Das nutzen wir, um uns authentische Informationen aus anderen Ländern geben zu lassen.

Ein Beispiel?

Frank Otfried July: Nehmen wir die Situation der Textilarbeiterinnen in Indien oder in Bangladesch! In Bangladesch haben wir eine Mitgliedskirche des Lutherischen Weltbundes, bei der wir uns über die Lage der Textilarbeiterinnen informieren. Da bleibt die Forderung nach mehr Gerechtigkeit nicht nur abstrakt.

Sie haben erst vor kurzem den sozialen Auftrag der Kirchen hervorgehoben. Das bedeutet auch, mit Politikern zu sprechen. Aber interessiert die Politik, was die Kirche sagt?

Frank Otfried July: Ich mache die Erfahrung, dass sich die Erwartungen von Politikerinnen und Politikern an die Kirchen sogar noch verstärkt haben. Politikerinnen, Politiker, Wirtschaftsführer, auch Gewerkschafter fragen nach dem Beitrag, wie Kirche Orientierungshilfe geben kann.

Die Kirche muss sich mehr in gesellschaftliche Debatten einbringen. Auch das ist eine Ihrer Forderungen. Aber weder die Landeskirche noch Sie haben sich zur „Ehe für alle“ geäußert.

Frank Otfried July: Schon die Bibel sagt: Alles hat seine Zeit – auch das Reden und das Schweigen. Unsere Landeskirche ist gerade in einem sehr komplizierten Prozess, was die Frage der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften angeht. Mir geht es aktuell darum, Brücken zwischen den verschiedenen Positionen zu bauen. Ich sehe im Moment – ich sage ganz bewusst: im Moment – meine Aufgabe darin, zu einem Gelingen dieses Gesprächsprozesses beizutragen. Das aber geht nur, wenn man sich nicht zur Unzeit öffentlich äußert.

Aber Sie haben dazu eine Meinung.

Frank Otfried July: Selbstverständlich! Zur „Ehe für alle“ sage ich: Eine parlamentarische Entscheidung erkenne ich natürlich als Demokrat und Staatsbürger an. Das bedeutet aber nicht, dass das automatisch Auswirkungen auf unsere kirchlichen Ordnungen hätte.

Eine Anerkennung ohne Wenn und Aber?

Frank Otfried July: Im oben beschriebenen Sinn: Ja! Persönlich frage ich mich aber schon: Ist die Ausweitung des Ehebegriffes – „Ehe für alle“ – unbedingt hilfreich? Wird er dadurch nicht zu sehr verallgemeinert und damit unpräzise? Meine Sorge ist, dass der Begriff „Ehe“ ein „Container-Begriff“ werden könnte, der so gut wie alles einschließt. Ich persönlich hätte es bei der Eingetragenen Lebenspartnerschaft gelassen. Die Ehe als traditionelle Verbindung von Mann und Frau wäre eine klare Aussage gewesen.

Wird die Landessynode im Herbst eine Entscheidung zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare treffen?

Frank Otfried July: Wir arbeiten mit Nachdruck daran. Vor 20 Jahren noch hat die EKD in ihrer Orientierungshilfe „Mit Spannungen leben“ eine Segnung abgelehnt. Bei uns gab es den Studientag und vorbereitende Ausschusssitzungen – und ich möchte, dass wir nach jahrelanger, gründlicher Diskussion zu einem breit getragenen Ergebnis kommen. Ich erwarte, dass uns das im November gelingt.

Was ist Ihnen beim Thema Segnung gleichgeschlechtlicher Paare wichtig?

Frank Otfried July: Es muss klar sein: Wir haben viele Gemeindeglieder und viele Pfarrerinnen und Pfarrer, die gleichgeschlechtlich lieben, und sie sind selbstverständlich Teil unserer Kirche.

Aber was ist in Württemberg so speziell?

Frank Otfried July: Erstens: Unsere Landeskirche zeichnet sich durch höchst lebendige, aber eben auch unterschiedliche Glaubensüberzeugungen und Frömmigkeitsstile aus. Zweitens: Durch die Direktwahl der Synode sind die unterschiedlichen Überzeugungen stärker in der Synode abgebildet. Dazu kommt die Organisation in Gesprächskreisen. Die Fragen der Schriftauslegung, der Gewissensbindung, der gesellschaftlichen Realität und deren Deutung machen die Suche nach einem gemeinsam getragenen Kompromiss nicht einfacher.

Aber würde da nicht ein Bischofswort helfen?

Frank Otfried July: Alles zu seiner Zeit! Jetzt ist nicht die Zeit, das durch einen Ordnungsruf des Bischofs entscheiden zu wollen. Jetzt geht es darum zu fragen, was kann die eine Seite noch ertragen und wo ist die andere Seite zu Kompromissen bereit? Dazu leiste ich meinen Beitrag und bringe in den Gesprächsprozess ein, was aus meiner Sicht geistlich geboten und biblisch vertretbar ist. Aber seien Sie versichert: Wo nötig und hilfreich, wird es zu gegebener Zeit auch ein Wort von mir geben.

Was ist für Sie in so schwierigen Fragen zentral?

Frank Otfried July: Ich persönlich sage: Christus ist die Mitte der Kirche und die Mitte der Schrift. Von dieser Mitte aus haben wir die verschiedenen Fragen zu bewerten.

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