Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bedürfnis nach Stand-by-Kirche

In der Kirche sind Männer in der Minderheit – zumindest, was den Gottesdienstbesuch und die ehrenamtliche Arbeit angeht. Die kirchliche Männerarbeit hat sich darauf eingestellt und bietet spezielle Männerprogramme an. Darüber hat Petra Ziegler mit Stephan Burghardt gesprochen. Er ist Geschäftsführer der Landeskirchlichen Fachstelle Männerarbeit in Stuttgart und seit 15 Jahren in der Männerarbeit tätig.

Stephan Burghardt: „In Krisen erinnern sich Menschen oft an christliche Grundwerte, die sie vielleicht einmal gelernt haben.“ (Fotos: Benny Ulmer)




Wie definiert sich ein Mann von heute? Oder anders gefragt: Wann ist ein Mann ein Mann?
Stephan Burghardt: Die Männer definieren sich je nach ihrem Lebensalter anders. Die Jüngeren sagen immer noch: „Ich will beziehungsweise muss etwas leisten.“ Sie stehen in der Familienpflicht – sind in der Regel zwischen 40 und 50 Jahre alt. Sie sind meist der Hauptverdiener und nehmen diese Rolle auch gerne an.

Ist der männliche Alleinverdiener immer noch das Übliche, oder ist dieses Rollenbild nicht ein Auslaufmodell?
Stephan Burghardt: Es nimmt nur marginal ab. Klar, Frauen verdienen heute auch mit, meist in Teilzeit. Aber den Hausmann in größerer Zahl gibt es immer noch nicht – auch nicht bei den Jüngeren. Und Frauen erwarten auch, dass Männer die Rolle des Hauptverdieners erfüllen. Frauen wollen oft gar nicht zu 100 Prozent arbeiten. Sie haben mehr ein Faible für Familie und anderes.

Wie ist das mit den Männern im Ruhestand?
Stephan Burghardt:  Da ist es anders. Die müssen nicht mehr unbedingt etwas leisten. Die haben schon mehr die eigene Freiheit im Blick.

Das heißt, das Männerbild hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht wesentlich gewandelt?

Stephan Burghardt: Doch. Die jüngeren Männer nehmen mehr ihre Vaterrolle wahr. Anders ist auch, dass Hausarbeit nicht mehr nur an Frauen delegiert wird. Aber dennoch: Das Männerbild hat sich nicht auf den Kopf gestellt.

Was heißt das, die Vaterrolle wird wahrgenommen?

Stephan Burghardt:  Männer, die Kinder haben, würden gerne mehr für ihre Kinder da sein. Aber wenn die Vatermonate vorbei sind, schlägt die berufliche Anforderung wieder voll zu. Dennoch ist es keine Frage: Männer machen heute viel mehr mit Kindern. Mein Vater etwa ist nie mit uns zelten oder auf eine Fahrradtour gegangen.

Sonntags sieht man immer weniger Männer im Gottesdienst. Ist das auch Ihre Beobachtung?
Stephan Burghardt: Leider ja. Wenn Männer nicht kirchlich sozialisiert sind, haben sie oft nur das Bedürfnis nach einer Stand-by- Kirche. Wenn ich Kirche brauche, dann ist sie gut – etwa bei Hochzeiten und Beerdigungen. Ansonsten lebe ich ganz gut ohne Kirche. Trotzdem zahle ich meine Kirchensteuer, weil ich finde, Kirche an sich ist wichtig.

Hat das Männervesper die Funktion des Gottesdienstes als Männertreffpunkt abgelöst?
Stephan Burghardt: Für manche durchaus Ja. Allein in der württembergischen Landeskirche gibt es Männervesper mehr als 300 Mal. Etwa 20 bis 150 Männer kommen zu jeder Veranstaltung. Da sind etliche Männer dabei, die sonst nie in die Kirche gehen.

Welche Themen kommen denn beim Männervesper zurzeit besonders gut an?
Stephan Burghardt:  „Männer sind anders, Frauen auch“, „Männer wollen nur das eine?“ – also Männer und Sexualität, „Männer putzen Autos, Frauen beten? Der Abschied der Männer aus Kirche und Religion“, „Was Männern Sinn gibt“, „Männergestalten der Bibel“. Auch das Gender-Thema ist gefragt. Wie verändert sich die Männerrolle dadurch? Was hat das für uns als Christen zu bedeuten?

Sehen Freizeiten für Männer heute anders aus als vor 20 Jahren?
Stephan Burghardt: Es kommt auf die Freizeit an. Bei Schweigetagen machen wir immer noch die klassische Bibelarbeit. Aber beim Motorradcamp zum Beispiel gibt es eine etwas andere Andacht. Eine Andacht, die mit dem Thema „Männer und Motorrad „ zu tun hat. Bei unserem viertägigen Motorradcamp 2015 gab es etwa Themen wie „Was treibt mich an?“, „Was bremst mein Leben ab?“, „Was heißt Freiheit für Männer?“. Dann kommt man über diese männerspezifischen Lebensausdrucksweisen irgendwann auch zur Verkündigung.

Wie spirituell ist der Mann von heute?
Stephan Burghardt:  Das Schwierige ist, dass wir wenig über diese Männer-innenwelt wissen. Wir sehen zwar, dass viele Männer nicht in den Gottesdienst gehen, aber wissen nicht, ob sie zu Hause ein Morgengebet sprechen oder ob sie im Rundfunk das geistliche Wort hören.

Was hat Kirche denn dem Mann von heute zu bieten?
Stephan Burghardt:  Ich mache die Erfahrung, dass zu unseren Veranstaltungen Männer kommen, die weiter denken als nur über das Alltägliche. Männer, die nicht zufrieden sind mit sich selber, mit Geldverdienen, mit Konsumieren, Urlaub, Arbeit, Mountainbike, sondern die denken, es muss doch noch mehr geben. Bei uns schlagen Männer auf, die nach einem anderen Sinn suchen. Männer, die das Offensichtliche hinterfragen. Ihnen kann ich vom Evangelium her eine Antwort geben, einen zweiten Sinngrund anbieten.

Ist eine Lebenskrise oft ein Anlass, dass Männer zu Ihnen kommen?
Stephan Burghardt:  In Krisen überlegen Menschen oft, wie es jetzt weitergeht. Sie erinnern sich an christliche Grundwerte, die sie vielleicht einmal gelernt haben. Männer lassen sich zum Beispiel im Motorradgottesdienst segnen, weil sie sich der Gefahr auf der Straße bewusst sind – und erhoffen sich davon Gottes Schutz. Die Männer, die zu uns kommen, haben ein Gefühl dafür, dass es eine Kraft gibt, ein Gegenüber, an das ich mich wenden kann. Ein Gegenüber, das mir Antworten gibt auf Fragen in einer Krise und im Lebensalltag.

In den Kirchen gab es lange Zeit eine Frauenbeauftragte. Aber wenn es so wenige Männer in der Kirche gibt, müsste es dann nicht einen Männerbeauftragten geben?
Stephan Burghardt: Die Frauenbeauftragten heißen inzwischen alle Beauftragte für Chancengleichheit. Doch diese sind in der Regel weiterhin Frauen. Sie bemühen sich vielleicht schon, die Männer im Blick zu haben, aber der Erfolg ist relativ gering.

Soll man dann die Beauftragten für Chancengleichheit abschaffen?

Stephan Burghardt: Nein. Diese Stellen müssten konsequent mit 50 Prozent Mann und 50 Prozent Frau besetzt werden. Das wäre wichtig und richtig, wenn Kirche wirklich den Fokus auf die Geschlechterfrage stellen wollte.



Info

„Wie viel Mann braucht die Gesellschaft, wie viel

‚Gesellschaft‘ braucht der Mann?“ lautet das Thema des Netzwerktages des Evangelischen Männer-Netzwerkes Württemberg am 12. November in Leonberg. Anmeldung: Telefon 0711-229363-257,

E-Mail: fach stelle@emnw-maenner.de. Info im Internet: www.emnw-maenner.de



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