Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das weltlich Ding neu denken

Es gibt Streit. Und die Streitfrage lautet: Wie sieht unser Bild von Ehe und Familie aus? Die Evangelische Kirche in Deutschland hat versucht, Orientierung zu geben und andere Formen von Familie ins kirchliche Blickfeld einzubinden. Doch jetzt fürchten manche um die Ehe. 

Bild: Hochzeitspaare schweben im siebten Himmel, sagt der Volksmund. Die EKD nimmt die irdiesche Realität in den Blick. (Foto: Werner Kuhnle)

Wir sind drei Monate vor der Bundestagswahl. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) meldet sich mit einer Positionsbestimmung zur Familienpolitik zu Wort. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider stellt das Grundsatzpapier in Berlin vor. Darin rufen die Protestanten dazu auf, alle Familienformen anzuerkennen und zu stärken.

Schneider erwartet insbesondere aus der katholischen Kirche und der Orthodoxie Kritik. Doch dann bricht ein Sturm los.Das Papier, das von vielen jetzt zerrissen wird, hat 162 Seiten und trägt den Titel: „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“. Es befasst sich mit dem Familienleben heute und im Wandel der Zeit. Es betrachtet verfassungsrechtliche Vorgaben, benennt Brennpunkte der Familienpolitik, umschreibt die Aufgaben von Kirche und Diakonie und gibt Empfehlungen. Zündstoff bietet dabei vor allem das fünfte Kapitel, das auf Seite 54 mit der Überschrift „Theologische Orientierung“ beginnt.

Theologische Grundlage

Gleich im ersten Satz formuliert die EKD, warum dieses Kapitel eines der wichtigen ist: „Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familialen Zusammenlebens bleibt entscheidend, wie Kirche und Theologie die Bibel auslegen und damit Orientierung geben“, heißt es da, um diesen Anspruch gleich im nächsten Satz im Grunde schon wieder aufzugeben. Denn, so geht die Einleitung weiter: „Ein normatives Verständnis der Ehe als ,göttliche Stiftung‘ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entspricht nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.“Ab jetzt ist klar: Die Orientierung ist in erster Linie eine Form der Horizont-Erweiterung. Folgerichtig bezeugt die EKD daher: „In diesem Sinne ist die Ehe eine gute Gabe Gottes, die aber, wie das Neue Testament zeigt, nicht als einzige Lebensform gelten kann.“ Das Papier versucht die Relativierung der Institution Ehe durch Prinzipien aufzufangen, die sowohl die Ehe als auch andere Lebens- und Familienformen tragen: nämlich Verlässlichkeit, Fürsorge, das Aufeinander-angewiesensein und das Wissen: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Der Trauliturgie, die von der Schaffung des Menschen als Bild Gottes und als Mann und Frau spricht sowie von der Unauflöslichkeit der Ehe, setzt die Orientierungshilfe die Vielfalt familiären Zusammenlebens auch in der Bibel gegenüber. Sie beschreibt das Ehe- und Rollenbild Luthers als historisch und verweist auf das Neue Testament, in dem zu ehelosem Leben aufgerufen wird, oder dazu, für das Evangelium die Familie zurückzulassen. Das Scheidungsverbot erinnere die Paare und Eltern an ihre Verantwortung, die – so möchte man ergänzen – sicher auch außerhalb der Ehe gelebt werden kann und muss. Die lebenslange Dauer der Ehe wird gewünscht, kann aber nicht garantiert werden.Bei der Vorstellung des Dokuments erläuterte EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider dies ausführlicher: Zwar sei die Ehe von Mann und Frau mit Kindern „das Modell, das wir wollen“, führte er aus. „Dafür werben wir, das empfehlen wir.“ Aber in der evangelischen Theologie sei die Ehe kein Sakrament, sondern, in Martin Luthers Worten, „ein weltlich Ding“. Aus der Bibel lasse sich zudem nicht die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau herleiten, die Jahrhunderte lang die Ehe und das Familienbild geprägt habe. Entscheidend seien vielmehr Verbindlichkeit, Dauer, Vertrauen, Gleichberechtigung und die Sorge füreinander. Schneider betont dabei immer: Es handele sich nicht um ein lehramtliches Schreiben, sondern um einen Text, der zur Diskussion anregen solle.

Die Experten

Wie kam es dazu? Ende Januar hatte der Rat der EKD die inhaltlichen Schwerpunkte für das Jahr 2013 festgelegt: Schneider hatte dabei eine Schrift zum Thema Ehe und Familie angekündigt. Damit wollte die evangelische Kirche auf „tiefgreifende Veränderungen“ in den Formen des Zusammenlebens reagieren. Angesichts des gesellschaftlichen und demografischen Wandels sowie der Anpassungen im Familienrecht soll das Papier eine „evangelische Verständigung über Ehe, Familie und Partnerschaft“ anregen sowie zu verlässlicher und verantwortlicher Partnerschaft ermutigen.Die Orientierungshilfe wurde von einer Expertenkommission unter Vorsitz der früheren Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) seit 2009 erarbeitet. Bergmann betonte, das Leitbild der partnerschaftlichen Familie sollte der Maßstab für kirchliches Handeln bei der Unterstützung von Familien sein. Gleichzeitig sollte damit klar werden, was die Kirche vom Staat erwartet. Klar ist aber erst mal geworden, dass diese Schrift das nicht erfüllt, was viele Mitglieder sich von ihrer Kirche erwartet haben.

Die Kritik

Der Proteststurm weht vor allem aus Süden: pietistische und evangelikale Bewegungen aus Württemberg und auch Bayern sehen in dem Dokument eine Abwertung von Ehe und Familie. Landesbischof Frank Otfried July äußert neben lobenden Worten sofort Kritik und regt einen Konsultationsprozess an. Lobend erwähnt July die Analyse der Familienverhältnisse in Deutschland. „Sie zeichnet kein idealtypisches Kunstbild“, betonte er, fügt aber hinzu: „Gleichzeitig nehme ich jedoch deutlich wahr, dass der institutionelle Aspekt der Ehe fast lautlos aufgegeben oder pauschal zurückgewiesen wird.“ Es müsse aber auch eine Ethik der Institutionen geben, fordert der Landesbischof. Sie könne nicht durch eine Ethik der personalen Beziehungen ersetzt werden. Er sieht die Bedeutung der klassischen Familie zu wenig geachtet. „Und das Ziel der lebenslangen Treue halte ich für nicht aufgebbar. Sie ist schließlich abgeleitet von der ewigen Treue Gottes zu den Menschen.“ Das vielfache Scheitern streiche dieses Ziel nicht aus.July kritisiert auch die Entstehung des Dokuments: „Manche Christen in unserer Landeskirche fühlen sich desorientiert statt orientiert“, sagte er und betont daher, dass eine Orientierungsschrift auf breiterem Fundament basieren müsse. „Als evangelische Kirche tun wir gut daran, bei derartigen Fragen in einem ausführlichen Konsultationsprozess die Landeskirchen, Synoden, Kirchengemeinderäte zu beteiligen, um zu einer weithin getragenen Orientierung zu kommen. Eine solche Konsultation rege ich ausdrücklich an.“ Präses Michael Diener vom Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband in Kassel meint: Der Appell, die neue Vielfalt von Familienformen anzuerkennen, gehe mit einer auffälligen Abwertung des bürgerlichen Ehe- und Familienverständnisses einher. Ehe habe keinen Leitbildcharakter mehr, kritisiert der Theologe, der dem EKD-Papier gravierende Mängel bescheinigt. Diener wirft den Autoren theologische Einseitigkeit bei der Auswahl von Bibelstellen und „argumentative Sorglosigkeit“ vor. Die angestrebte Verständigung werde auf diese Weise kaum gelingen. Im ökumenischen Kontext sei der ohnehin schon beträchtliche Flurschaden mit dieser Positionierung nur noch größer geworden, sagt Diener.

Und in der Tat: Der katholische Familienbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst mahnt, die Orientierungshilfe führe im Ergebnis zu einer sehr starken Relativierung der lebenslang geübten Treue in Ehe und Familie. „Es macht uns Sorge, dass Ehe hier gerade in ihrer unverwechselbaren Bedeutung geschmälert wird“, sagte er im Kölner Domradio. Zu harten Worten greift auch der württembergische Landessynodale und Vorsitzende des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes „Die Apis“, Pfarrer Steffen Kern. „Das Ideal der bürgerlichen Familie ist das Feindbild, an dem sich die EKD abarbeitet“, so der pietistische Pfarrer. Positiv zu gewichten sei, dass die EKD gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehme und falsche Idealisierungen von Ehe und Familie hinterfrage. Dennoch könne das Dokument politisch verheerend wirken, da sich ausgerechnet eine der beiden großen christlichen Kirchen zum „Schrittmacher der Kritik an der Ehe“ mache. Auf Distanz geht auch die württembergische EKD-Rätin Tabea Dölker. Mit der Akzeptanz verschiedenster Formen des Zusammenlebens zeichneten die Autoren lediglich die oft einseitigen öffentlichen Debatten nach, anstatt Orientierung zu geben. Darauf habe sie schon im Entstehungsprozess des Dokuments hingewiesen. Dölker vertritt die Auffassung, dass Menschen zu Recht von einer kirchlichen Orientierung erwarteten, dass darin auf Gott als dem Schöpfer allen Lebens hingewiesen werde. Gerade durch Gottvertrauen könnten Paare neue Zuversicht zur Gründung einer Familie und zur Freude an Kindern gewinnen.Der Vorsitzende der württembergischen „Christus-Bewegung Lebendige Gemeinde“, der Nagolder Dekan Ralf Albrecht, spricht von einem „falschen Signal“. Er sieht in der auf lebenslange Treue angelegten Ehe von Mann und Frau das Zukunftsmodell für das 21. Jahrhundert. Junge Menschen wünschten sich heute stärker als früher ein Leben in einer Ehe mit Kindern. Gleichzeitig dürfe es aber nicht zur aburteilenden Unbarmherzigkeit gegenüber Menschen mit Lebensbrüchen kommen.Herausgefordert sehen sich auch die bekennenden Gemeinschaften in Deutschland wie der Arbeitskreis Bekennender Christen in Bayern (ABC), die Christus Bewegung Baden, die Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern. Sie verfassten  mit anderen eine Stellungnahme und erheben den Vorwurf: „Die EKD definiert den Familienbegriff schrift- und bekenntniswidrig um.“ Die Gemeinschaften wollen am normativen Verständnis der Ehe als „göttliche Stiftung“ festhalten. Sie gestehen aber zu, dass die Orientierungshilfe „als engagierter Beitrag zu brennenden familienpolitischen Fragen“ gelesen werden könne.

Zustimmung

Diesen Blick auf die gesellschaftliche Realität lobt die theologisch liberale Vereinigung „Offene Kirche“ in Württemberg und begrüßt das Dokument ausdrücklich. Erstmals würden in der EKD unterschiedliche Lebensformen und Familienmodelle beschrieben und differenziert theologisch reflektiert, ohne den häufig ausgrenzenden Fokus auf das Leitbild der Ehe als „göttliche Stiftung“ zu legen. Die EKD-Schrift zeige, dass zur Stärkung von Familie heute alle Formen, Familie und Partnerschaft zu leben, berücksichtigt werden müssten. Die Ehe werde dabei nicht entwertet, sondern in einen neuen, weiteren Zusammenhang gestellt.
Prominente Unterstützung kam von der Reformationsbotschafterin Margot Käßmann. „Die evangelische Ethik hat sich nicht dem Zeitgeist angepasst, sondern geguckt, was sind ihre Grundkategorien“, sagt die frühere EKD-Ratsvorsitzende. Wichtig seien vor allem Verlässlichkeit, Vertrauen und der Wunsch, Verantwortung zu übernehmen.

Der badische Landesbischof Ulrich Fischer sieht in dem EKD-Papier eine Stärkung der Familien. Er sei überrascht über die teils sehr heftigen und kritischen Reaktionen. „Wie man aus einem solchen Text herauslesen kann, dass es um eine Schwächung der Familien geht, ist mir unverständlich“, sagt Fischer, der selbst EKD-Ratsmitglied ist.

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 47/2017

THEMA - Angst überwinden

Ausgabe 4/2017

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Soll man an Weihnachten aufs Schenken verzichten?
Ja.
Nein
Ich bin unentschieden.