Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der große Flächenhunger

Alle reden über die Energiewende. Derweil droht ein anderes wichtiges Umweltthema in Vergessenheit zu geraten, das für den Erhalt der Schöpfung von ebenso großer Bedeutung ist: der Landschaftsverbrauch. Nach wie vor wird jährlich eine Fläche von über 3000 Fußballfeldern in Baden-Württemberg zugebaut, mit nachhaltigen Folgen für Mensch und Natur. 

Bild: Verkehrskreuzung bei Winnenden: Auf Baugebiete folgen Straßen und auf Straßen Baugebiete. (Foto: Manfred Grohe)

Die Gemeinde Musterhausen im Mittleren Neckartal war einmal eine kleine beschauliche Stadt. Im Wirtschaftswunder zog dort der Wohlstand ein, und mit ihm kamen die Neubauten: ein Gewerbebetrieb hier und ein Wohngebiet da, eine Erschließungsstraße auf der einen und eine Umgehungsstraße auf der anderen Seite.

In den letzten paar Jahren ist Musterhausen noch einmal richtig gewachsen: Die meisten Geschäfte haben sich aus der Innenstadt verabschiedet und sind auf die grüne Wiese gegangen. Die Discounter haben dort Filialen mit riesigen Parkplätzen gebaut. Die Gewerbesteuereinnahmen florieren und der Bürgermeister hat für seine aktive Kommunalpolitik viel Lob erfahren.

Allein die Beschaulichkeit von Musterhausen hat etwas gelitten. Und irgendwie erkennen die, die schon lange nicht mehr dort waren, den Ort auch nicht mehr richtig wieder. Der Ortskern wirkt gepflegt, aber auch ein wenig ausgestorben. Und es dauert lange, bis man auf die alten Spazierwege kommt, die in den Nachbarort führten. Der ist nämlich inzwischen so nah herangerückt, dass man nicht mehr genau weiß, wo Musterhausen endet und die nächste Siedlung anfängt.

Landschaft zugebaut

Musterhausen gibt es nicht, aber auf zahlreiche Orte in Baden-Württemberg, trifft diese Beschreibung zu. In atemberaubendem Tempo ist nach dem Zweiten Weltkrieg die Landschaft zugebaut worden, in den rund 70 Jahren seither wurde soviel Fläche verbraucht wie in sämtlichen Generationen davor. Alleine in den letzten 40 Jahren war das eine Fläche so groß wie der Landkreis Tübingen, mit weitreichenden Folgen für das Klima, das Landschaftsbild und die Tier- und Pflanzenwelt, wie Klaus-Peter Koch, Umweltbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, mit Sorge feststellt.

Immer mehr Naturflächen gehen verloren oder werden von Verkehrswegen zerschnitten. Dem großen Wirtschaftswunderboom folgte in den vergangenen 20 Jahren die Ausdehnung auf die grüne Wiese am Rande der Stadt, der menschliche Flächenhunger ist selbst in Zeiten flauer Konjunktur und stagnierender Bevölkerungszahl ganz offenbar kaum zu bremsen.

Alarm hat nichts genützt

Das hat schon vor Jahren Politiker und Umweltverbände alarmiert. Mit mäßigem Erfolg: Gab es nach dem Aufkommen der Umweltbewegung in den achtziger Jahren tatsächlich einen Rückgang der Flächeninanspruchnahme, so gingen die Zahlen Ende der neunziger Jahre wieder steil nach oben: Erschreckende 120 Hektar waren es 2001 auf Bundesebene, 12 Hektar im Land – pro Tag versteht sich.

Der Landesnaturschutzverband hat daraufhin ein Aktionsbündnis „Flächen gewinnen“ ins Leben gerufen, die Landesregierung das Ziel „Netto Null“ ausgegeben und der Bund maximal 30 Hektar pro Tag postuliert. Allein, wie das erreicht werden soll, ist schleierhaft.

Kleine Verbesserungen sichtbar

Immerhin, es gibt Verbesserungen, wie auch der Vorsitzende des Landesnaturschutzverbandes, Reiner Ehret, zugibt. So seien vor allem die Regierungspräsidien bei der Aufstellung der Flächennutzungspläne äußerst wachsam geworden. „Gewerbegebiete werden nicht mehr einfach auf Vorrat ausgewiesen“, sagt Ehret und sieht auch bei manchen Kommunen das Bewusstsein für einen sparsamen Umgang mit den begrenzten Flächen wachsen.

Eine Trendwende kann er freilich nicht erkennen. Zwar sind es derzeit nur noch 6,3 Hektar pro Tag in Baden-Württemberg, die verbaut werden. Aber das kann sich bei besserer Konjunktur wieder ändern und entspricht überdies immer noch einer Fläche von 3300 Fußballfeldern im Jahr.

Denn der Konkurrenzkampf der Kommunen um Einwohner und Betriebe geht weiter. Die Idee, interkommunale Gewerbegebiete auszuweisen funktioniert in den meisten Fällen ebenso wenig wie das Vorhaben, Supermärkte dazu zu bringen, platzsparende Tiefgaragen oder Parkdecks zu bauen.

Stattdessen wird eingeschossig geplant, möglichst viel Fläche und ein großer Parkplatz ausgewiesen, auch weil das einmal erschlossene Gewerbebauland oft zu Dumpingpreisen auf dem Markt ist. „Wer etwas dagegen sagt“, so Ehrets Erfahrung, „wird gleich auf die kommunale Planunghoheit verwiesen“. Die sieht der Landesnaturschutzverband, der als Dach rund 30 Mitgliedsverbände in Baden-Württemberg vertritt, zunehmend kritisch. So komme es vor, dass Kommunen Bebauungspläne durchsetzen würden, die im Flächennutzungsplan nie vorgesehen waren. Hinterher wage kaum jemand, sie wieder zu kippen.

Freilich gibt auch Reiner Ehret vom Landesnaturschutzverband zu, dass derzeit dem Flächenverbrauch nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. „Die Energiewende macht viel Arbeit“, sagt er, und dass der Landschaftsverbrauch als Umweltthema nach wie vor unterschätzt werde.

Haus im Grünen braucht neue Straßen

Das sieht auch Klaus-Peter Koch, Umweltbeauftragter der Landeskirche, mit Sorge. „Bei diesem Flächenverbrauch können wir nicht bleiben“, sagt er, „auch weil wir damit künftigen Generationen alle Möglichkeiten nehmen“. Insbesondere die Entflechtung von Wohnung und Arbeit ist für ihn ein Kernproblem: Das Häuschen im Grünen, weit weg vom Zentrum und vom Betrieb, ziehe den Bau von Straßen nach sich und führe zur Verödung der Ortszentren. Hinzu komme der ständig steigende Wohnraumbedarf: Aus 20 Quadratmer pro Person sind zwischenzeitlich fast 50 geworden: „Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass sich das Problem mit der zurückgehenden Bevölkerkungszahl von selbst lösen wird“, lautet die Einschätzung des Umweltexperten.

„So viel du brauchst“: Für Klaus-Peter Koch passt das Motto des diesjährigen Kirchentags sehr gut zum Problemthema Flächenverbrauch. Wieviel Wohnraum braucht man wirklich? Und muss es immer das eigene Haus mit Garten sein? Ist es tatsächlich sinnvoll, immer nur über das Elektroauto zu reden, wenn es in Wahrheit darum geht, Verzicht bei den gefahrenen Kilometern zu üben?

Das Wort Verzicht mag Koch dennoch nicht gebrauchen. „Das ist zu negativ“, sagt er, „damit erreicht man niemanden“. Vielmehr hält er es für sinnvoll, die Vorteile des Wohnens im Zentrum wieder herauszustreichen. Mehrgenerationen- oder Seniorenhäuser seien platzsparend und förderten die Gemeinschaft, „da gibt es schon viele gute Ansätze“.
Die Kirche könne hier nur bedingt etwas tun, „wir haben nicht die ganz großen Bauvorhaben“. Dennoch könne man mitwirken bei der Neuplanung, der Nutzung der Potenziale, die in den Ortszentren steckten.

Kirche schärft Bewusstsein

Überdies könne Kirche auf die Bewusstseinsbildung Einfluss nehmen. Und zu diesem Bewusstsein gehört für Koch, das man auch an die weltweiten Umweltfolgen denkt, die wir mit unserem Lebensstil verursachen: Ökologischer Fußabdruck nennt man das und dazu gehört die Fabrik in Asien, die unsere Kleidung herstellt, ebenso, wie die Straße, auf der sie zum nächsten Hafen transportiert wird.

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 34/2017

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Haben Sie durch die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum persönliche Impulse bekommen?
Ja.
Nein
Ich weiß es nicht