Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Pfarrer muss raus

STUTTGART – Die Kluft wächst. Zwischen hoch engagierten Gemeindemitgliedern und Menschen, die sich von der Kirche verabschieden, die keine Beziehung mehr zu ihr haben und höchstens noch Kirchensteuern zahlen. Das ist das Ergebnis der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung. Aber wie erleben Pfarrer vor Ort die Situation? Für sie ist Kirchenbindung Beziehungsarbeit. 

Raus zu den Menschen gehen: Diese Aufgabe haben Pfarrer. Aber es wird immer schwieriger, Beziehungen zu knüpfen. (Foto: epd-Bild)

Der Wochenmarkt von Bad Cannstatt. Das ist der Platz, auf dem Stadtdekan Eckart Schultz-Berg samstags zu finden ist. Er hält dort nicht nur die Marktandacht, sondern er kauft ein, nimmt sich Zeit, trifft Menschen und führt Gespräche. „Gemeindearbeit ist Beziehungsarbeit“, sagt er. Studien wie die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung seien sinnvoll. Sie brächten mehr Klarheit, und zeigten, wo man stehe. „In der Praxis sehe ich aber, dass wir gute Angebote haben, mit denen wir die Menschen erreichen.“

Seine Erfahrung ist: Menschen lassen sich ansprechen, wenn sie Fragen haben. Nach dem Sinn des Lebens, nach Krankheit und Tod. „Diese Fragen haben sich nicht verändert“, sagt Schultz-Berg. Nur die Orte, wo Menschen nach Antworten suchen, die sind nicht mehr dieselben. Also hört der Dekan sich um, bei den Gottesdienstbesuchern, auf dem Markt. Und sucht nach Kontakt.

So wie auch andere Gemeinden in seinem Dekanat. Eine bietet zum Beispiel so genannte Flecken-Gottesdienste an. Also: drei- bis viermal im Jahr landen sie an einem Ort in der Stadt, einem „Flecken“, zum Gottesdienst. Da fühlen sich auch Menschen angesprochen, die keine klassischen Kirchgänger sind. Oder ein anderes Beispiel: Männer in gehobenen beruflichen Positionen haben sich zu einer Männergruppe zusammengeschlossen, um einmal in der Woche nicht funktionieren zu müssen, sondern sich auszutauschen. „Das entwickelt sich ganz von selbst“, erzählt Schultz-Berg. Weil die Leute sich gefunden haben und die Kirche ihnen ein Dach bietet. „Hätte ich das geplant, wäre es nicht dazu gekommen“, glaubt der Stadtdekan. So etwas entstehe nur durch Beziehungsarbeit.

Aber zu wem komme ich in Beziehung? Das ist sicher schwieriger geworden, denkt Schultz-Berg. Und deshalb geht er auf den Wochenmarkt. Und auch seine Gemeinde hat hier einen Anknüpfungspunkt gefunden: Seit die Kinderkirche am Samstagvormittag stattfindet und die Eltern einkaufen, während die Kinder die Kirche erobern, ist die Zahl der Teilnehmer von 0 auf 40 geschnellt.

„Kontakte, Kontakte, Kontakte.“ Das ist auch das Motto von Pfarrer Frank Banse in Schwenningen. Er sei eher ein traditioneller Pfarrer, meint er. Er mache Besuche bei 75. Geburtstagen und ab dem 80. jedes Jahr. Und er sei bekannt in der Stadt. Neulich habe ihn ein Mann im Einkaufszentrum angesprochen und gesagt: „Du bist doch der Pfarrer von der Stadtkirche. Ich komme jetzt mal zu dir.“ Seither erscheine er im Gottesdienst, erzählt Banse und denkt über den Begriff Kurzseelsorge nach. „Es gibt eigentlich jeden Tag eine Begegnung, wo geschwind etwas hochkommt und dann erwartet wird, dass der Pfarrer etwas sagt.“

Auch dass er inzwischen für die SPD in den Gemeinderat gewählt wurde, eröffnet Banse neue Kontaktmöglichkeiten. Die SPD müsse sich jetzt überlegen, wie sie mit einem Pfarrer umgeht, sagt er. Aus diesen Erfahrungen heraus sei es überlegenswert, einmal in der Woche einen Stand auf dem Wochenmarkt aufzubauen und anzubieten: Ihr Pfarrer ist jetzt da.

Noch eine andere Idee beschäftigt ihn: Vielleicht wäre es sinnvoll, eigene Taufgottesdienste anzubieten. Zwei bis drei Taufen im normalen Gottesdienst, das werte die Taufe doch ab. Aber wenn die Tauffamilien am Sonntag ihren eigenen Gottesdienst gestalten würden, für die ganze Gemeinde natürlich, das wäre doch eine große Chance, findet er. Dabei geht es ihm darum, den Fokus zu ändern: Nicht die Taufe wird in die Gemeinde integriert, sondern die Gemeinde betrachtet die Taufe als Schwerpunkt und kommt zu diesem Ereignis dazu.

Rausgehen, neue Kontakt suchen. Wird das zu sehr vernachlässigt? Manchmal habe er den Eindruck, dass der innere Kern einer Kirchengemeinde überbedient werde und die Kraft zur missionarischen Arbeit oder besser zur Arbeit nach draußen fehle, überlegt Banse.

Auch Andrea Luiking, Pfarrerin in Ummendorf (Dekanat Biberach) beobachtet das. Es sei eine Gefahr, dass einen der innere Kern der Gemeinde so binde und beschäftige, dass man kaum andere gesellschaftliche Fragen angehen könne. Sie setzt sich daher klare Schwerpunkte. „Damit ich Klarheit habe über die Dinge, die ich auch lassen muss.“ Natürlich ist auch sie auf einen starken Kern angewiesen. Gerade in Oberschwaben sei dieser aber sehr klein. Bei jedem Projekt müsse man neue Leute suchen. Und sie stellt dabei auch fest, dass die Kirchenferne wächst. Bei Konfirmandenfamilien sind längst nicht mehr alle Verwandten im Gottesdienst dabei.

Unerlässlich ist für sie dabei die Teamarbeit. „Eine Einfrau-Show ist nicht möglich“, sagt sie. Das wäre zu kraftaufwendig. Das weiß auch Martin Scheuermann, Leiter der Gemeinschaftsgemeinde auf dem Schönblick. Er hat 66 Teams zur Verfügung, die ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Das Publikum ist schließlich anspruchsvoll. „Die Leute stimmen mit den Füßen ab“, sagt Scheuermann. „Sie suchen sich die Angebote, die für sie passen.“ Deshalb gibt es bei ihm eine ganze Palette. Er veranstaltet eine Woche der Volksmusik, lädt Oktoberfest-Wirte ein, über ihren Glauben zu erzählen und singt mit Gotthilf Fischer im Chor. „Unser Ziel ist ein missionarisches Ziel“, sagt der Pfarrer. Distanzierte und Nichtkirchenmitglieder sollen für die Botschaft des Evangeliums gewonnen werden. Und wenn er dazu die Volksmusik integrieren muss, dann tut er es.



Kirchenmitglieder-Studie

„Engagement und Indifferenz“, so wissenschaftlich lautet der Titel der neuesten EKD-Erhebung zur Kirchenmitgliedschaft. Ausgedrückt wird mit diesem Titel bereits ein Ergebnis: die Polarisierung der Menschen in Bezug auf ihre Kirchenverbundenheit. Auf der einen Seite die hoch Engagierten, auf der anderen Seite die Gleichgültigen ohne Beziehung. Die Gruppe dazwischen, die noch eine lockere Bindung an die Kirche hat. wird kleiner. Die These von einem „freien, kirchendistanzierten Christentum“ hänge in der Luft, bilanziert ein Autor der Studie und betont: Kirchliches Christentum stelle aber Ressourcen zur Verfügung, die ein im Privaten gelebtes und ein öffentliches Christentum nicht herstellen können. Was bedeutet das aber für den harten Kern, wenn die anderen sich immer mehr entfernen? Wenn die einen klare religiöse Konturen wollen und die anderen individuell und nur punktuell betreut werden wollen, aber dann mit 100-prozentiger Qualität? Vor diesen Fragen stehen Gemeinden täglich in der Praxis.

Friedrich W. Graf
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