Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Insel der Evangelischen

Ortenburg ist der evangelischste Ort Niederbayerns. Wie das kleine gallische Dorf bei Asterix liegt es im tiefkatholischen Passauer Land. Jetzt sind dem Reformationsthema dort erstmals ein Weg und eine Dauerausstellung gewidmet. Die Geschichte eines historischen Kuriosums mit erbitterten Kämpfen in der Vergangenheit und zarten ökumenischen Annäherungen in der Gegenwart.

Die Ortenburger feiern zwei Reformationstage: den 31. und den 17. Oktober, als dort vor 450 jahren der erste evangelische Gottesdienst stattfand.
(Foto: Gemeindeblatt)


Friedlich die Hände gefaltet liegt Graf Joachim hinter dem Altar der Marktkirche. Das steinerne Abbild eines Mannes, der ganze Arbeit geleistet hat. Mit dem widerborstigen Joachim fing 1563 der ganze Schlamassel an. Er wollte einfach nicht  wieder katholisch werden. Während ringsherum der lutherische Landadel dem Druck des Bayernherzogs Albrecht nachgab, erklärte sich Joachim von Ortenburg für unabhängig: Nur dem Kaiser wollte er unterstellt sein und der erlaubte seit dem Augsburger Religionsfrieden seinen direkten Untertanen die Glaubensfreiheit.

Das Wunder von Ortenburg ist, dass Joachim mit seiner Reichsunmittelbarkeit durchkam. Und so blieb seine Reichsgrafschaft Jahrhunderte lang das einzige Dorf in Niederbayern mit evangelischem Glauben: Bis 1805, als das Heilige Römische Reich aufgelöst und der gräfliche Besitz seine Selbständigkeit verlor, bekam hier kein Katholischer den Fuß in die Tür.

Am 17. Oktober 2013 feiert Ortenburg sein großes Reformationsjubiläum. Es ist der Tag, an dem vor 450 Jahren in der  Marktkirche der erste evangelische Gottesdienst stattfand. Der 17.?Oktober ist in Ortenburg mindestens so wichtig wie der offizielle Reformationstag 31. Oktober, als Luther am Vorabend von  Allerheiligen seine Thesen an die Kirchentür in Wittenberg schlug. Deswegen zelebrieren sie hier auch beides, hängt  das Grafenwappen gleichberechtigt neben der  Luther-Rose am Eingang zum Pfarrgarten.

Hier wohnen Pfarrerin Sabine Hofer mit Ehemann Johannes und ihren Kindern. Noch gibt es 1100 Evangelische in Alt-Ortenburg. Die lila Protestantenfahne weht vom Turm und ein sehr auffälliges Schild in gleicher Farbe prangt an der Tür zum Kantorei-Haus: „Erstaunlich, einzigartig, evangelisch“ heißt der Titel einer  von der EU geförderten neuen Dauerausstellung, die erstmals die Reformationsgeschichte des Ortes in all ihren Façetten zeigt. Ein vier Kilometer langer beschilderter Reformationsweg führt zu den wichtigsten evangelischen Stationen Ortenburgs.

Zu den interessantesten Kapiteln dieser Geschichte gehört die Verbindung nach Österreich. Als dort der Kaiser den evangelischen Glauben verbot, war Ortenburg der erste lutherische Ort nach der Grenze. Getarnt als Altötting-Pilger kamen die Geheimprotestanten über die Grenze und ließen sich im evangelischen Ortenburg taufen, konfirmieren oder trauen.

200 der Österreicher blieben sogar ganz in Bayern: Ihnen schenkte der Graf Land und nahm sie als Glaubensflüchtlinge auf. Noch heute wohnen in den Ortsteilen Vorder- und Hinterhainberg Nachfahren der Österreicher. Die dunklen Holzhäuser erinnern  ebenso an sie wie die vielen Obstbäume, die den Ort Frühjahr für Frühjahr in ein Blütenmeer verwandeln.

Es ist ein beschauliches Leben hier im Dreieck zwischen Passau, Vilshofen und den niederbayerischen Bädern Bad Griesbach und Bad Birnbach. Kein Verkehrslärm stört die dörfliche Ruhe, Störche grasen auf den Wiesen, Wälder, Felder und Wiesen wechseln sich im Landschaftsbild ab. Auf Dutzende kleiner Weiler verteilen sich die 7500 Einwohner, jahrelang gab Ortenburg die perfekte Kulisse für das „Forsthaus Falkenau“ ab, dessen Außenaufnahmen hier von 1997 bis 2010 gedreht wurden.

Das alte protestantische Ortenburg mit dem Grafenschloss liegt im Zentrum dieses Konglomerats. Es ist umzingelt wie das gallische Dorf bei Asterix von katholischen Wallfahrtskirchen, Klöstern, Pilgerrouten und Pfarrkirchen. Als Ortenburg 1805 königlich-bayerisch wurde, rückten sie den Lutheranern auf die Pelle und sorgten noch einmal für  einen 150 Jahre währenden  kuriosen Konkurrenzkampf.

Der findet noch heute seinen sichtbaren Ausdruck in der völlig überdimensionierten katholischen Kirche unterhalb der ehemals evangelischen Grafenburg. Demonstrativ wurde sie Maria gewidmet, als Wiedergutmachung für die vermeintliche Ketzerei im Ortszentrum, wo die ehemalige Marienkapelle evangelische Marktkirche geworden war.

Sie wurde zeitgleich 1892 gebaut mit der protestantischen Konfirmandenanstalt, die den lutherischen Kern Alt-Ortenburgs stärken sollte: Protestanten aus ganz Niederbayern kamen, um sich in ihrem Glauben festigen zu lassen und Ortenburgs Stellenwert als bayerisches Bollwerk der Reformation zu untermauern.  Später wurde daraus eine evangelische Realschule, während katholische Schüler im nahen Kloster Neustift unterrichtet wurden.

Bis Ende der 60er Jahre hatten Katholiken und Evangelische in Ortenburg kaum Kontakt miteinander, wurden Protestanten in katholischen Geschäften so ungern bedient wie umgekehrt. Und wehe ein Katholik wagte es, einen evangelischen Partner zu heiraten, dann musste er damit rechnen, namentlich dafür vom Pfarrer im Gottesdienst gemaßregelt zu werden.

Das alles ist längst Geschichte. „Heute haben wir ein entspanntes  Verhältnis“, sagt die evangelische Pfarrerin Sabine Hofer. 1969 fand der erste ökumenische Gottesdienst in Ortenburg statt und ein Jahr später wurde die gemischtkonfessionelle Volksschule eröffnet. Von da an waren Evangelische und Katholische keine Fremden mehr und schlossen immer öfter Freundschaft untereinander.

Stefan Meyerhofer, Juniorchef des Traditionsgasthofs „Zum Koch“ ist katholisch. Und das, obwohl die Meyerhofers mit „ey“ eigentlich immer protestantisch waren und ihre katholischen Namensvettern zur besseren Unterscheidung mit „ai“ geschrieben wurden. Doch Vater Meyerhofer heiratete eine Katholikin und so wurden die Kinder irgendwann auch katholisch. „Nicht so wichtig“, sagt der junge Meyerhofer.

In Ortenburg ist man eben evangelisch oder katholisch. Der Anteil der Nichtkonfessionellen liegt dagegen noch unter zehn Prozent. So viel Tradition muss sein, ob man nun eher dem Papst oder in Gottes Namen halt Luther zugewandt ist.¦



Neuer Themenweg: Die Spuren der Reformation im Passauer Land.

Foto: Gemeindeblatt

Maier

oder Meyer?

Sarkophag Graf Joachims in der evangelischen Kirche: Seine

Beharrlichkeit machte Ortenburg zu einem bayerischen

Bollwerk des

Protestantismus.

Foto: GemeindeblattInformation

Reformationsausstellung im Kantoreihaus: sehr professionell und zeitgemäß, geöffnet Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung: Telefon evangelisches Pfarramt 08542-7526, Internet: www.evangelisch-mitten-in-bayern.de.



Reformationsweg: Vier Kilometer langer Rundgang mit den wichtigsten Stationen der Reformationsgeschichte, erschließt gleichzeitig den Ort und seine malerischen Weiler.

Katholische Sehenswürdigkeiten: Die prunkvolle Wallfahrtskirche Sammarei (www.wallfahrtsland-sammarei.de) und  das Benediktinerinnenkloster Neustift mit dem spirituellen Garten (www.benediktinerinnen-der-anbetung.de). Es liegt auf der Pilgerroute Vianova und hat Gästezimmer (www.pilgerweg-vianova.eu).



Allgemeine Auskunft: Touristinformation Ortenburg, Telefon 08542-16421, Internet: www.ortenburg.de.


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