Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Kirche hinkt hinterher

Derzeit ist viel von Inklusion die Rede. Aber wer denkt dabei an Schwerhörige, die in Kirchen akustische Probleme haben?  Andreas Steidel sprach mit Schwerhörigenseelsorgerin Rosemarie Muth über Probleme und Lösungsmöglichkeiten, die es bei der Ausstattung von Kirchengebäuden gibt.

Bild: Vielen Menschen mit einem Hörgerät fällt es schwer, die Predigt zu verstehen, weil der Hall in der Kirche zu groß ist. (Foto: Peter Maszlen | Fotolia.com)

 

Sind Schwerhörige in unseren Kirchen gut versorgt?

Rosemarie Muth: Nein, überhaupt nicht. Viele Kirchengemeinden haben sich mit diesem Thema nie auseinandergesetzt. Häufig werden Lautsprecheranlagen mit Höranlagen verwechselt und manch eine Höranlage ist kaputt oder wird nicht richtig beschildert. Der Nachholbedarf ist sehr groß.

Welche Probleme haben schwerhörige Menschen im Gottesdienst?

Rosemarie Muth: Weil das Richtungshören nicht mehr richtig funktioniert, hört es sich für sie so an, als ob drei Radiosender auf einmal übertragen werden. Ein babylonisches Stimmengewirr und ein Hall, das können wir Guthörenden uns gar nicht vorstellen. Oft bleiben die Menschen dann einfach zu Hause, weil sie frustriert sind und nichts mehr vom Gottesdienst haben.

Was ist aus Ihrer Sicht die beste Lösung?

Rosemarie Muth: Die beste Lösung sind meist induktive Höranlagen. Sie funktionieren über ein elektromagnetisches Feld. Da wird das, was ins Mikrofon gesprochen wird, direkt aufs Hörgerät übertragen. Man braucht keinen Kopfhörer, keine Extras, absolut barrierefrei. Es ist obendrein auch die billigste Variante und schon für 2000 bis 3000 Euro zu haben.

Alternativ gibt es ja auch FM- oder Infrarot-Anlagen. Wie ist es damit?

Rosemarie Muth: Ich halte sie für Kirchenräume nicht für ideal. Sie sind umständlicher, teurer und für die Betroffenen mit dem Nachteil verbunden, dass sie sich als schwerhörig zu erkennen geben müssen, wenn sie nach dem Kopfhörer fragen. Das wird oft als verletzend, stigmatisierend empfunden. Außerdem gibt es hygienische Probleme mit den Ohrpads, und manchmal sind auch die Akkus nicht richtig aufgeladen.

Warum gibt es dann nicht überall induktive Anlagen, wenn der Sachverhalt so klar ist?

Rosemarie Muth: Es fehlt meist an Information. Viele denken, dass es zu teuer ist. Weil ein Kabel verlegt werden muss, denken viele Gemeinden, der Boden müsse aufgerissen werden, aber es gibt andere Lösungen. Außerdem gibt es noch einen psychologischen Grund: Bei den Kopfhörern sieht man, dass etwas getan wurde, bei der Induktionsschleife nicht. Die bemerkt außer den Schwerhörigen keiner.

Eine Bundesbaurechtsnorm schreibt ja verbindlich den Einbau von Höranlagen in öffentlichen Gebäuden vor, wenn Bauarbeiten anstehen. Empfohlen werden Induktionsanlagen. Hinkt die Kirche da hinterher?
Rosemarie Muth: Ja, die Kirche hinkt hinterher. Kirchengemeinden müssen sich selbst informieren. Vom Oberkirchenrat gibt es keine Information zum Thema Induktionsanlagen, daher bleibt alles dem Zufall überlassen. Ich als Schwerhörigenpfarrerin bin ja nicht einmal im landeskirchlichen Adressverzeichnis drin. Da würde ich mir manchmal etwas mehr Unterstützung wünschen.

Ist Schwerhörigkeit denn kein Inklusionsthema?

Rosemarie Muth: Natürlich ist das ein Inklusionsthema. Wer nichts versteht im Gottesdienst, kann nicht teilhaben, und das ist besonders in unseren auf das Wort ausgerichteten evangelischen Gottesdiensten schlimm. Das Problem ist nur, dass es bei den meisten Inklusionsdebatten keine Rolle spielt. Bei Inklusion denken die meisten nur an Rollstuhlfahrer und geistige Behinderungen. Sinneseinschränkungen spielen kaum eine Rolle. Und das, obwohl 16 Millionen Menschen in Deutschland eine eingeschränkte Hörfähigkeit haben.

Was ist ihr Wunsch, ihr Rat an die Gemeinden und die Kirchenleitungen?

Rosemarie Muth: Höranlagen sollten in einer Kirche und in einem Gemeindehaus so selbstverständlich sein wie Lautsprecher, Stühle und Bänke. Im Grunde müssten alle Gebäude nachgerüstet werden, egal ob eine Baumaßnahme ansteht oder nicht. Ich wünsche mir einfach, dass das Thema ernst genommen und automatisch mitbedacht wird.

Wohin kann sich eine Gemeinde wenden, die Informationsbedarf hat?

Rosemarie Muth: Sie kann sich jederzeit an mich wenden. Dafür bin ich da. Ich komme gerne und berate kostenlos, egal ob es um den Einbau einer neuen Anlage geht oder um die Überprüfung einer alten. Am Ende geht es im Verhältnis zu den gesamten Baukosten zumeist um verhältnismäßig wenig Geld.

Wer wissen will, was der Begriff Inklusion bedeutet, der muss Rainer Schmidt erleben. Der Pfarrer, Sportler und Kabarettist hat keine Arme. Seit seiner Geburt. Vor der Landessynode sprach er über sein Leben, seine Theologie und darüber, was Inklusion bedeutet. Und jeder begriff: Es kommt darauf an, die Perspektive zu wechseln.

Bild: Rainer Schmidt überzeugt im Gespräch. (Foto: Gemeindeblatt)

Selten sind die Männer und Frauen der Landessynode in solches Lachen ausgebrochen. Vor ihnen stand ein Mann, der sein Leben aus so humorvoller Sicht erzählen konnte, dass manchem das Herz leicht wurde. Und das, obwohl es um ein Leben mit Behinderung ging und obwohl viele in der Synode ähnliche Schicksale in ihrer Familie haben, wie sich bei der Aussprache herausstellt. Inklusion. Ein Thema, das in viele Biographien hineinreicht, wie Landesbischof Frank Otfried July feststellte.

Was ist das, Inklusion?

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