Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eine Bußpredigt mit Folgen

Er protestierte in seiner Predigt zum Bußtag 1938 gegen die Reichspogromnacht, die sieben Tage zuvor stattgefunden hatte. Er wurde verspottet, geschlagen und kam in Haft. Halt fand er im Glauben an Jesus Christus. Dann fand er Zuflucht in Bayern: der württembergische Pfarrer Julius von Jan.  Von Nicole Marten

Julius von Jan (zweiter von rechts) bei der Taufe seines Patensohns 1951. (Foto: privat)

Julius von Jan blickte 1954 im Evangelischen Stuttgarter Sonntagsblatt auf die Ereignisse zurück: Bereits 1934 habe er ab und zu von kleinen Demonstrationen in Städten gehört, bei denen Juden auf dem Marktplatz an den Pranger gestellt, verhöhnt und geschlagen wurden. „Aber man ging zunächst vorsichtig ans Werk.“

Das Mitglied der Bekennenden Kirche fragte sich mit seinen Kollegen, ob die Kirche angesichts der Ungerechtigkeiten noch schweigen dürfe. Ein Konflikt, denn „wir hatten alle Angst davor, diese empfindlichste Stelle des damaligen Regimes zu berühren.“

Doch dann wurde Anfang November in Paris der deutsche Botschaftsmitarbeiter durch einen Juden ermordet. „Und die Rache ... war furchtbar“. Nicht nur, dass am 9. November Synagogen niedergebrannt, Geschäfte und Privatwohnungen von Juden geplündert und die Juden in Massen verhaftet und misshandelt wurden, auch andere Ereignisse überzeugten den Pfarrer davon, „dass längeres Schweigen Sünde gewesen wäre“: Zwar gab es in seiner Gemeinde keine Juden, aber „bald hörte man, dass zum Beispiel in Ulm einem Rabbiner sämtliche Barthaare einzeln ausgerissen wurden, so dass er nach drei Tagen unter großen Schmerzen starb, dass in Esslingen im jüdischen Waisenhaus den Kindern, die gerade beim Essen waren, die Schüsseln mit den Speisen an die Wand geworfen wurden ...“

In seiner Predigt zum Bußtag am 16. November sagte Julius von Jan: „Ein Verbrechen ist geschehen in Paris. Der Mörder wird seine gerechte Strafe empfangen, weil er das göttliche Gesetz übertreten hat. Wir trauern mit unserem Volk um das Opfer dieser verbrecherischen Tat. Aber wer hätte gedacht, dass dieses eine Verbrechen in Paris bei uns in Deutschland so viele Verbrechen zur Folge haben könnte? Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote Gottes missachtet, Gotteshäuser, die anderen heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, ... Eigentum ... geraubt oder zerstört.“

Von Jan war davon überzeugt, dass diese Taten die Strafe Gottes nach sich ziehen müssen: „Denn es steht geschrieben: Irret Euch nicht, Gott lässt seiner nicht spotten; was der Mensch sät, das wird er auch ernten. Ja, es ist eine entsetzliche Saat. Welche entsetzliche Ernte wird daraus erwachsen?“

Neun Tage nach dieser Predigt standen rund um das Oberlenninger Pfarrhaus  Plakate mit der Aufschrift „Judenknecht“. Pfarrer von Jan riss die Plakate ab und bereitete sich dann auf den Bibelabend vor, den er an diesem Tag in Schopfloch bei Kirchheim hielt.

Während von Jan dort war, versuchten 200 SA-Leute, ihn aus dem Pfarrhaus heraus zu holen. Sie drangen gewaltsam ein, fanden aber nur den vierjährigen Sohn schlafend im Bett und im Jugendraum den Mädchenkreis beim Adventskranzbinden. Voller Ärger warfen die Eindringlinge Stinkbomben und schickten eine Abordnung nach Schopfloch. Diese verfrachtete von Jan gewaltsam ins Auto. Die SA fuhr den Geistlichen nach Oberlenningen und überließ ihn den Demonstranten. Diese schlugen „von allen Seiten“ auf ihn ein, „mit Fäusten, Riemen und Stahlruten, vor allem ins Gesicht.“ Zum Schluss warf man von Jan auf das Dach eines Geräteschuppens. „Als ich dort lag und die Menge lästern und toben hörte, erfüllte mich trotz aller körperlichen Mattigkeit ein tiefer Friede und ein großes Mitleid mit den von Dämonen gehetzten Menschen, für die ich von Herzen beten konnte“, berichtet von Jan.

Es folgten mehrere Monate in Haft, dann die Entlassung mit der Ausweisung aus Württemberg-Hohenzollern. Seine Gemeinde Oberlenningen durfte der Pfarrer  nicht mehr betreten. Doch sollte er dieser Anweisung folgen? Julius von Jan machte sich die Entscheidung nicht leicht. Er kehrte letztlich nicht zurück.

Von Jan ging mit Frau und Kind nach Bayern. Der dortige Landesbischof wollte den württembergischen Pfarrer in einer Gemeinde bei Nördlingen anstellen, aber der Bürgermeister und die Geheime Staatspolizei (Gestapo) wussten das zu verhindern. Die Familie fand Zuflucht in Ortenburg bei Passau in einem evangelischen Freizeitheim. Von Jan fing wieder an zu predigen, doch dann wurde er vor das Sondergericht in Stuttgart geladen. Zwei Monate später wurde Julius von Jan in Landsberg inhaftiert, kam aber nach drei Monaten auf Bewährung frei. 1943 wurde er an die Ostfront geschickt, verschiedene Stationen im Lazarett und an der Heimatfront folgten.Bei Kriegsende kam er in amerikanische Gefangenschaft, wurde aber ein paar Tage später wieder frei gelassen.

Julius von Jan kehrte im September 1945 als Pfarrer nach Oberlenningen zurück mit Freude und Dankbarkeit Gott gegenüber im Herzen. Dennoch stellte er auch fest: „Freilich, wie sah es in unserem schönen Land aus! Wie viele zerstörte Städte, wie viele Flüchtlinge, wie viele traurige Menschen, die ihre Angehöreigen verloren hatten, zeugten von dem Gericht, das nicht zum wenigsten die Ermordung von 5,5 Millionen Juden über unsere Heimat gebracht hatte.“

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