Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Einen Wunsch? Ich habe zwei!“

Der Kirchentag im Juni in Stuttgart, die Aufnahme von Flüchtlingen und die Frage, wie das Leben im Pfarrhaus in Zukunft aussehen wird, sind die großen Themen, die derzeit in der württembergischen ­Landeskirche diskutiert werden. Darüber sprach Petra Ziegler mit Landesbischof Frank Otfried July.

„Ich finde, es ist besser, im Gespräch zu sein als sich gegenseitig abzuschließen.“(Foto: factum)

Herr Landesbischof, worauf freuen Sie sich 2015 am meisten?
Frank Otfried July: Auf jeden Fall auf den Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juni. Er wird die erste Hälfte des Jahres 2015 dominieren und ist für unsere Landeskirche ein großes bedeutendes Ereignis.

Haben Sie schon eine Lieblingsveranstaltung?
Frank Otfried July: Ich habe ja schon in Hamburg bei Bibelarbeiten mitgewirkt. In Stuttgart freue ich mich auf eine ökumenische Bibelarbeit zusammen mit Bischof Gebhard Fürst – auch als ausdrückliches ökumenisches Zeugnis. Diese Bibelarbeit ist etwas Besonderes für mich. Ich freue mich auch auf den Eröffnungsgottesdienst. Da werde ich auf dem Schlossplatz predigen.

Im Vorfeld des Kirchentags gibt es Querelen. Es wurde etwa der Stand der messianischen Juden beim Markt der Möglichkeiten abgelehnt. Das löst in Württemberg eine breite Debatte aus. Warum?
Frank Otfried July: Wir haben eine große Vielfalt in unserer Landeskirche, und wir versuchen, diese Vielfalt miteinander ins Gespräch zu bringen. Ich finde, es ist besser, im Gespräch zu sein als sich gegenseitig abzuschließen. Mir war es ein großes Anliegen, dass wir bei den schwierigen Themen wie zum Beispiel messianische Juden eine Gesprächskultur aufbauen. Deshalb wird es eine Forumsveranstaltung zu dem Thema geben. Ich hoffe, dass sie so gut geplant ist, dass messianische Juden ihren Standpunkt vertreten können und andere sich dann dazu äußern können. Es entspricht meiner Meinung auch der Kirchentagskultur, über strittige Themen strittig zu diskutieren.

Dann ist die Bruderschaft des Weges vom Markt der Möglichkeiten ausgeschlossen worden. Ihre Mitglieder empfinden gleichgeschlechtlich, leben aber ihre Sexualität nicht.
Frank Otfried July: Ich will darüber nochmal mit dem Kirchentagspräsidium sprechen. Natürlich ist die Frage der Therapie, hinter der diese Bruderschaft steht, höchst umstritten. Sie wird von homosexuell empfindenden Menschen als Angriff auf ihre Identität empfunden. Deshalb sollte der Kirchentag deutlich signalisieren, wir nehmen Menschen in ihrer jeweiligen Identität an.

Der Ausschluss der Bruderschaft des Weges war also richtig?
Frank Otfried July: Nicht unbedingt. Wenn sich eine homosexuelle Bruderschaft vorstellen will, deren Mitglieder ihre Sexualität nicht ausleben, dann ist meines Erachtens ein Ausschluss schwierig. Ich schließe ja auch keine heterosexuellen Kommunitäten aus. Ich finde, der Kirchentag sollte mit Ausschlüssen sehr vorsichtig umgehen.

Der Kirchentag ist eigenständig. Aber er bekommt Geld von den Landeskirchen, auch von der württembergischen Landeskirche. Kann ein Bischof ins Programm eingreifen?
Frank Otfried July: Man hat als gastgebende Kirche einen gewissen Einfluss. Man kann über strittige Themen diskutieren. Andererseits legt der Kirchentag einen hohen Wert darauf, dass er eine Laienbewegung ist und besteht auf seine Unabhängigkeit.

Wie sieht die in der Praxis aus?
Frank Otfried July: Im Präsidium etwa gibt es keine Bischöfe. Der gastgebende Bischof ist nur auf Zeit beratend dabei. Aber man kann über besondere Fragen, die in einer Landeskirche auf dem Tisch liegen, diskutieren. Und wir können unsere regionalen Themen einbringen.

Kommen beim Kirchentag wieder alte Konflikte hoch, von denen man glaubte, sie seien überwunden?

Frank Otfried July: Ich glaube nicht. Der Christustag, der von der Christusbewegung „Lebendige Gemeinde“ getragen wird, wird mit dem Kirchentag zusammenarbeiten. Auch große Teile des Pietismus sind dazu bereit. Darüber freue ich mich. Das ist unsere württembergische Akzentsetzung. Ich habe den Eindruck, dass es insgesamt sehr gut läuft.

Konflikte gibt es ja immer wieder in der Landeskirche. Heftig gestritten wurde und wird über die Frage, wer mit wem im Pfarrhaus leben darf. Sie haben vor zwei Jahren die Arbeitsgemeinschaft „Leben im Pfarrhaus“ einberufen. Worüber diskutieren Sie?
Frank Otfried July: Wir wollen das Thema umfassend aufarbeiten. Überhaupt: Welche Bedeutung hat das Pfarrhaus in einer sich wandelnden Gesellschaft auch als Institution? Diese Frage ist entscheidend. Sie geht allen voran, auch solchen der interreligiösen Art. Damit verbunden ist zum Beispiel die Residenz- und Präsenzpflicht der Pfarrerinnen und Pfarrer. Ebenso die Frage, ob homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnern im Pfarrhaus leben können. Oder die Frage, wie wir damit umgehen, wenn eine Pfarrerin einen Buddhisten oder ein Pfarrer eine Muslima heiraten will.

Wie weit sind Sie bisher gekommen?
Frank Otfried July: Es dauert länger, als wir uns vorgestellt haben. Wir wollten Ende 2014 fertig sein. Aber wir haben kleinere wissenschaftliche Untersuchungen in Auftrag gegeben, Befragungen gemacht und Wissenschaftler hinzugezogen. In diesem Jahr wollen wir bei einem Studientag die verschiedenen Interessengruppen – Pfarrverein, Pfarrseminar, Gesprächskreise – einbeziehen und zu einem Grundsatzpapier kommen.

Gibt es schon jetzt eine klare Vorstellung?
Frank Otfried July: Es gibt ein Entwurfs­papier, das im Kollegium des Oberkirchenrates besprochen wurde. Über die Inhalte kann ich jetzt öffentlich noch nichts sagen. Auf jeden Fall wollen wir 2015 mit diesem Thema zu einem Ende kommen.

Immer mehr Landeskirchen erlauben die Segnung oder Trauung homosexueller Paare. Wird das auch in Württemberg bald der Fall sein?
Frank Otfried July: Ich sehe auf jeden Fall Gesprächsbedarf. Viele Menschen machen sich in pro und contra darüber Gedanken. Darüber wird die Synode reden müssen, wenn die Trauagende neu überarbeitet wird. Das steht in dieser Legislaturperiode an.

Sie sind einer der Vizepräsidenten des Lutherischen Weltbundes (LWB). Er setzt sich stark für Flüchtlinge ein. Präsident und Generalsekretär sagen, die Kirchen sollten ihre Regierungen mehr in die Pflicht nehmen und die Flüchtlingskontingente aufstocken. Sehen Sie das ebenso?
Frank Otfried July: Natürlich bin ich auch durch die Arbeit im LWB für dieses Thema sensibilisiert. Beim Flüchtlingsgipfel in Baden-Württemberg war ich dabei, und ich bin deswegen mit Ministerpräsident Kretschmann im Gespräch. Da wird eines unserer großen Themen bleiben.

Manche – auch Christen – fürchten sich vor Überfremdung, befürchten Konflikte, wenn zu viele Flüchtlinge bei uns leben? Was entgegen Sie ihnen?

Frank Otfried July: Ich habe schon mehrfach von einer flüchtlingsbereiten Kirche gesprochen. Es gehört zum Herzschlag der Kirche, dass wir für Flüchtlinge eintreten. Dafür müssen wir Kraft, Zeit und Geld einsetzen. Es gibt keine Alternative für die Kirche. In unseren Kirchengemeinden erlebe ich aber auch bisher schon ein starkes Engagement. Bei uns gehen kaum kritische Stimmen ein. Wir erfahren viel Ermutigung.

Im Lutherischen Weltbund vertreten Sie Zentral-Westeuropa. Hier sind andere Themen wichtig als auf den Philippinen. Was ist allen gemeinsam?
Frank Otfried July: Diese lutherische Weltfamilie ist unglaublich bereichernd für mich – etwa im Gottesdienst und in der diakonischen Verantwortung. Aber es gibt natürlich Unterschiede, was Nationalität und Kultur angeht.

Welche?
Frank Otfried July: Auffallend große Unterschiede gibt es im sexual-ethischen Bereich, zum Beispiel in der Frage der Gleichgeschlechtlichkeit zwischen afrikanischen Kirchen und der schwedischen Kirche. In diesen Fragen gibt es massive Spannungen. Aber man ist trotzdem in der Lage, weiter im Gespräch zu bleiben. Der LWB ist als eine der ökumenischen Großorganisationen im Moment sehr gut aufgestellt. Er hat eine gute Leitung in Genf und ein Leitbild, das alle Kirchen gemeinsam tragen.

Was ist derzeit wichtig im LWB?
Frank Otfried July: Zwei Dinge. Unsere Hilfe für Flüchtlinge, aber auch unser Eintreten für den Klimaschutz. Schon jetzt erleben manche unserer Mitglieder die Auswirkungen des Klimawandels. Auch Fragen der medizinischen Versorgung sind wichtig. Was mich zum zweiten bewegt, ist der gemeinsame Weg zum Reformationsjubiläum 2017. Schön ist zu erfahren, dass die lutherische Gemeinschaft eine Weltbürgerin geworden ist. Mir liegt auch daran, dass die deutschen Kirchen sehen, dass sie nicht der Nabel der Welt sind und dass es weltweit lutherische Christen mit jeweils anderen Akzenten gibt.

Welchen Wunsch haben Sie für 2015?
Frank Otfried July: Einen Wunsch? Ich habe zwei Wünsche! Der eine bezieht sich auf den Kirchentag. Für die Menschen soll der Kirchentag in Stuttgart nicht nur ein Event sein, sondern sie sollen ihn auch als geistliche Begegnung sehen und erleben. Der zweite, dass wir in unserer Landeskirche in Württemberg wieder sehr stark die Fülle wahrnehmen, die wir haben, die Gaben, das Engagement der Ehrenamtlichen, auch die materiellen Mittel, die wir zur Zeit haben, und dass wir nicht nur klagen. Und wir sollen eine lobende, hoffnungsbereite und zukunftsfreudige Kirche werden.




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