Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ganz ohne Urteil

ÖDENWALDSTETTEN (Dekanat Münsingen) – Während die Glocken läuten, rauchen die Jungs aus der Vollzugsanstalt Maßhalderbuch noch eine Zigarette. Dann eilen sie in die Nikolauskirche. Sie tragen Jeans oder Jogginghose zu Turnschuhen, T-Shirts und Freizeitjacken. Äußerlich unterscheiden sich die jungen Männer deutlich von den Kirchenbesuchern. Innerlich sind sie manchmal wie sie.

Bild: "Fritz" ist katholisch und sein Rosenkranz ist geweiht. (Foto: Brigitte Scheiffele)

Lothar Schnitzer raucht nicht. Aber der Rentner spricht mit den acht Männern, die vor dem Gemeindehaus gegenüber der Kirche „noch eben eine rauchen“. Gemeinsam mit Diakon Ernst Rauscher hat der Ehrenamtliche „die Jungs“, wie er sie liebevoll nennt, aus Maßhalderbuch abgeholt. „Die Vollzugsanstalt liegt von hier drei Kilometer weit entfernt und die Männer dürfen sonntags an unserem Gottesdienst teilnehmen“, erklärt Lothar Schnitzer. „Mal sind es mehr, mal weniger. Wichtig ist, dass wir sie pünktlich um viertel vor zehn abholen und um halb zwölf Uhr zurückbringen.“

Geradezu seit Ewigkeiten gibt es diesen Fahrdienst für Strafgefangene, den die Kirchengemeinde organisiert, und deswegen ist es normal für die Gemeinde, im Anschluss an den Gottesdienst noch einen gemeinsamen Kaffee mit ihnen zu trinken.

Mit dem letzten Zigarettenzug schaut  „Mike“, der so genannt werden möchte, auf die Uhr: „Jetzt gehen wir rüber auf die Empore. Das ist separat.“ Warum sie separat sein wollen? „Was ist falsch an der Empore?“, fragt ein anderer. Er will anonym bleiben und an diesem Tag „Fritz“ heißen. Lothar Schnitzer lacht laut und erklärt: „Ich sitze auch da oben, da gehören Männer hin, das ist schon immer so.“ Er erklärt seine Aufgabe als zuverlässiger Betreuer, weist auf das vertrauensvolle Verhältnis zur Justizvollzugsanstalt hin und betont, dass hier auch keine Freundin der Männer mit einer Pralinenschachtel auftauchen dürfe, in der irgendetwas geschmuggelt werde. Dennoch macht Lothar Schnitzer den Eindruck, als sei die Zigarette vor dem Gottesdienst mit seinen „Jungs“ ein ganz persönlicher Moment unter Männern.

Es ist nie etwas passiert

Hermann Geckeler engagiert sich ebenfalls ehrenamtlich für die Strafgefangenen. Er erinnert sich: „Die Kapelle in Maßhalderbuch wurde im Dritten Reich als Schuppen verwendet und ist vergammelt. Dann wurde sie renoviert“, erzählt Hermann Geckeler. „Anfangs sind wir von der Kirchengemeinde dort hin, um mit den Strafgefangenen Gottesdienst zu feiern.“ Stets hätten die Pfarrer diese Zusammenkunft befürwortet, ebenso die Kirchengemeinde. „Wir haben es immer wieder neu probiert, weil uns die Gemeinschaft mit den Menschen im jetzt offenen Strafvollzug wichtig war und bleibt.“

Den ehrenamtlichen Fahrdienst habe er mit eingerichtet, um den Strafgefangenen die Möglichkeit zum Gottesdienstbesuch in Ödenwaldstetten zu geben. Auf die Frage, ob in der Gemeinde keine Furcht aufgekommen sei, antwortet Geckeler: „Nach dem Krieg entstand eben Maßhalderbuch. Eine Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Rottenburg. Damit musste man sich abfinden. Es ist nie etwas passiert. Wir kaufen auch dort im Hofladen ein und es hat sich eine aktive Beziehung entwickelt.“

Allerdings frage niemand nach Einzelheiten eines Insassen. Man kenne sich von der Autofahrt, plaudere und trinke ebenso ungezwungen im Anschluss an den Gottesdienst Kaffee. Das sei wirklich normal und niemand denke irgendwas Schlechtes. Natürlich könne man nachfragen, weswegen der eine oder andere in Maßhalderbuch sitze: „Aber die sollen sich ja nicht schämen. Deswegen frage ich nicht. Unser Dienst gilt allen und für uns ist es besser, wir wissen das nicht. Also schwätzen wir über alles, aber nicht über ihre Vergangenheit.“ Hermann Geckeler fügt hinzu: „Die Männer haben die Möglichkeit das Wort Gottes zu hören, und wir sind als Christen nicht zum Urteilen berechtigt. Ganz egal, weswegen sie eingesperrt sind.“

30 Kirchenbesucher empfängt der Mesner an diesem Sonntag. Nicht sichtbar sind die Besucher auf der Empore. Diakon Ernst Rauscher spricht heute über das Segnen: „Das Segnen erreicht die Menschen, auch wenn sich die Gedanken bei der Predigt und im Gebet ganz woanders aufhalten.“ Im Segnen schenke Gott Frieden, im Segen lasse es sich unter Gottes Licht leben, sein Segen allein gelte. „Du musst nicht perfekt sein, überall gilt sein Segen gleich. Du musst nicht verzweifeln an dem, wenn du Schlimmes getan hast, sein Segen gilt allen.“  Dann singt die Gemeinde „Segne uns o Herr“.

Ein langer Tisch ist im Gemeindehaus vorbereitet für Kaffee und etwas Gebäck: „Das ist klasse hier, wir gehen da gerne hin. Wir sind richtig draußen, ohne Aufseher. Mir gefällt es hier“, sagt Mike. Fritz betont noch einmal, dass er nur Fritz heißen wolle, weil er den Namen schon immer lustig findet. Sein älterer Tischnachbar bemerkt, einen Verwandten zu haben, der Fritz heiße. Es wird gelacht und geplaudert, dann erzählt Fritz von sich: 27 Jahre ist er alt. Mit dem Auto fuhr er gegen einen Baum. Allerdings ohne Führerschein. Auf die Frage nach seinem Rosenkranz, den er als Kette um den Hals trägt, sagt er: „Ich bin katholisch und der Rosenkranz ist geweiht. Ich will mir auch ein Kreuz tätowieren lassen.“

Fritz ist Landschaftsgärtner, aber jetzt habe er auf Maßhalderbuch mit Tieren zu tun. „Ein Bio-Knast. Da arbeiten Strafgefangene quasi im Freien. Wir haben Gemeinschaftszimmer. Manchmal auch Urlaub. Das ist ein offener Vollzug. So eine Mischung aus Knast und Bauernhof.“

Freiheit im Knast

Heinrich Schäfer, Dienstleiter und Betreuer in der Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Rottenburg-Maßhalderbuch, betont: „Das sind keineswegs harte Jungs, die jemanden umgebracht haben. Sie sind wegen kleinerer Delikte hier. Jedes Alter, viele Schichten, querbeet. Einige gehen gerne in den Sonntagsgottesdienst. Zum Teil aus Glaubensgründen, zum Teil, weil sie einfach raus wollen.“ Im Laufe der Zeit habe sich aber eine interreligiöse Gemeinschaft herausgebildet aus Christen, Muslime und Orthodoxen. Auf die Frage, ob er gelegentlich daran zweifle, dass jemand wieder zurück komme, antwortet er: „Nein. Die Männer haben viele Freiheiten. Wenn das nicht funktioniert, kommen sie wieder nach Rottenburg. Und das will niemand.“

Über Freiheit im Knast sprechen die Männer auch heute am Kaffeetisch in Ödenwaldstetten. „Klar könnte man abhauen, aber man darf es nicht, sonst ist alles kaputt“, sagt Mike. Er ist 32 Jahre, hat eine Tochter, die bei seiner Ex-Frau lebt. Die will er sehen, so bald wie möglich. Zwei Drittel seiner Strafe hat er abgesessen. 20 Monate. Er kommt sonntags zum Gottesdienst, wenn es seine Arbeit zulässt. Je nach Stalldienst. 73 Kühe müssen gemolken werden, auch Sonn- und Feiertags. „Es ist sinnvoll, hierher zu kommen. Ich nehme viel mit. Und ich fühle mich von den Leuten hier akzeptiert.“ Mike ist Maurer und sitzt wegen Körperverletzung. Er verträgt keinen Alkohol. Und wenn er trinkt, rastet er auch mal aus. „Ein Teufelszeug.“

Gegenüber sitzt ein Mann aus Kasachstan: „Der ist ein super Musiker, ein Gitarrenkünstler“, sagt Mike. Der andere will nicht viel reden, sagt aber, der Knast hier sei besser als in seiner alten Heimat. „Unser Organist spielt auch ab und zu noch Flöte“, kommentiert Schnitzer das Gespräch. Dann lachen alle. Pünktlich mahnt Schnitzer zum Aufbruch nach Maßhalderbuch. Fast fällt der Abschied etwas schwer. „Schade, es gäbe noch viel zu erzählen“, sagt Mike.

 

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