Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ideen-Diskussion ist eröffnet

Drei Millionen Euro, drei Jahre: Das sind die Dimensionen des Ideenwettbewerbs der Landeskirche zum Reformationsjubiläum. Doch draußen im Land regt sich Widerspruch. Zwölf kritische Anfragen hat das Dekanat Reutlingen inzwischen an die Synode gestellt. 


Das Motiv des ersten Plakats, das so zum Beispiel an vielen Bushaltestellen hing. (Foto: Landeskirche)


Kaum waren die Pakete mit Plakaten und Informationen über den Ideenwettbewerb versandt, hat der Reutlinger Dekan Marcus Keinath „massive Kritik auf allen Ebenen“ zu hören bekommen: Pfarrer, Kirchengemeinderäte und deren Vorsitzende machten ihrem Unmut Luft. Keinath hat sich daher im Dekanat umgehört und dann zwölf Fragen im Kirchenbezirksausschuss diskutiert. Diese wurden an Mitglieder des Lenkungskreis des Wettbewerbs und der Synode weitergeleitet.

Kernkritik: Die Reutlinger haben den Eindruck, dass der Ideenwettbewerb unverständlich ist, zu viel Geld kostet und an den Bedürfnissen der Gemeinden vorbeigeht. Außerdem sei zwischen der Außendarstellung der Kirche in diesem Wettbewerb und dem tatsächlichen Gemeindeleben eine zu große Kluft. „Wohin investieren wir unsere Energie?“, fragt sich Dekan Keinath. Und was passiere, wenn die Menschen aus den sozialen Netzwerken in der Realität auf die Gremienkirche mit ihren langen Entscheidungsprozessen treffen?

Kritik wird an der Kostendimension geübt. In einen Kirchentag beispielsweise sei jeder Euro gut investiert, betont der Dekan. Aber hier? Angesichts der ersten Preisvergaben stellt Keinath die Sinnfrage: Dass Kirche gegen Prostitution ist, wundere ihn nicht, dass man T-Shirts bedrucken kann, habe er vorher schon gewusst und wenn künftig Taubenschläge in Kirchtürmen eingerichtet werden sollen, dann sei das Sache der Gemeinden.

Aber auch die Frage, wer eigentlich die Kirche ist, beschäftigt die Reutlinger. Besteht die Kirche aus einer Gruppe im Oberkirchenrat, aus der Landeskirche oder aus den Gemeinden? „Kirche macht was aus deiner Idee“ heiße es, aber wer mache da was?, fragt sich Keinath und fügt hinzu, dass es ihm und seinen Kollegen manchmal lieber wäre, wenn es hieße: Kirche lässt was. Weg von der Perfektion und dem immer noch mehr!

Er weiß außerdem nicht, ob man wirklich neue Ideen brauche. „Mir fallen die Aufgaben vor die Füße“, sagt er. Flüchtlinge, Inklusion von behinderten Menschen, das Familienbild, Homosexualität, Bioethik, Sterbehilfe. Viel wichtiger als Ideenwettbewerbe sei es, für Gesellschaft und Staat hier ein glaubwürdiger Partner zu sein.

Ihm geht es als Dekan um die Botschaft: „Der Herr ist mein Hirte, bin ich ein Schaf?“, hieß das erste Plakat. „Was wollen wir damit bezwecken?“, fragt Keinath. Die Botschaft müsse doch heißen: „Du bist nicht verloren, es gibt jemanden, der dich nicht aufgibt.“ Ein weiteres Problem, das wahrscheinlich auch zu dem Protest auf Pfarrerseite geführt hat: Pfarrer brauchen mehr Freiräume für die Seelsorge, um auch mal Zeit für ein zweites oder drittes Gespräch zu haben. Sie brauchen nicht noch mehr Ideen.

Mit seiner Kritik steht Marcus Keinath nicht allein da. Auch sein Dekanskollege Winfried Dalferth aus Crailsheim hat aus seinem Bezirk eher Verärgerung über den Ideenwettbewerb wahrgenommen. Bei drei Millionen Euro denke er an seine Kindergärten, die er renovieren sollte. Seine Botschaft zum Reformationsjubiläum, auf das der Ideenwettbewerb ja ebenfalls zusteuert, heiße: Reformationsweg in Crailsheim. „Das brummt“, sagt er. „Da stecken wir unsere ganze Energie rein.“

Dass die Kritik aus der ganzen Landeskirche kommt, das ist auch beim Sprecher des synodalen Gesprächskreises, Martin Plümicke, angekommen. Der Gesprächskreis habe das Reutlinger Papier diskutiert und auch andere Reaktionen zusammengetragen, erzählt er. Am Ende sei die Meinung geteilt gewesen: Die eine Hälfte hätte den Wettbewerb eher negativ beurteilt, die andere Hälfte positiv. Er persönlich sehe es mit gemischten Gefühlen. Einerseits verstehe er, dass für Marketing Geld ausgegeben werden müsse. Auf der anderen Seite müsse die Kirche darauf achten, sich nicht zu übernehmen und auch authentisch zu bleiben. Als „handwerklichen Fehler“ bezeichnet er die „massenweise Versendung von Material an die Kirchengemeinderatsvorsitzenden“. Das leiste einer gewissen Ermüdung Vorschub.

Als „gut sortiert“ lobt Kirchenrat Dan Peter, der Vorsitzende des Lenkungskreises, das Reutlinger Papier. Er räumt ein, dass die Vermittlung in den Kirchengemeinden schwierig sei. Deshalb sei er auch jederzeit bereit, sich vor Ort einladen zu lassen. Er ist sicher, dass die personale Vermittlung deutlich mehr gefragt sei als früher.  Er nehme sich bei solchen Terminen auch Kritik zu Herzen. Eine Hürde für den Wettbewerb sieht Dan Peter darin, dass es für manche schwer sei, eine eigene Idee einzureichen. Gelernt habe er auch, den Kirchengemeinden nicht mehr so viel Post zu schicken, sondern auf andere Informationsquellen zu setzen.

Verständnis für die Kritik zeigt der Vizepräsident der Landessynode, Werner Stepanek. Er sitzt auch im Lenkungskreis des Ideenwettbewerbs und sagt: „Ich verstehe, wenn gestandene Gemeindemitglieder sagen: Was soll das?“ Aber er glaubt, dass hier ein Grundanliegen nicht verstanden worden sei: Der Wettbewerb sei auf die Hilfe der Kirchengemeinden angewiesen, aber die Zielgruppe sei eine andere. Es gehe um die „Typen“, die in der modernen Medienwelt unterwegs seien. „Elektrisiert“ würden daher die Mitglieder des Lenkungskreises vor allem die Kommunikationsströme verfolgen: Wer verharre im Internet vor welchem Wettbewerbsthema wie lange?

„Es ist ein Wagnis“, räumt Stepanek ein. Er wisse, dass es ein Weg sei, den viele nicht verstehen. Er persönlich stelle sich vor allem die Frage: Was kommt danach? Habe die Kirche nun tatsächlich einen Fuß in der neuen Medienwelt? Auch die Frage, ob man virtuelle Kirchengemeinden eröffnen könne, stelle sich im Anschluss. Grundsätzlich bekräftigt er aber für das laufende Projekt: „Wir sind offen für Kritik.“

„Klasse“ und „wichtig“ findet daher der Nagolder Dekan Ralf Albrecht die kritische Debatte über den Ideenwettbewerb. Der Sprecher des synodalen Arbeitskreises Lebendige Gemeinde hat das Reutlinger Papier zwar noch nicht in seinem Arbeitskreis diskutiert, aber er betont, dass der Ideenwettbewerb dort immer auf der Agenda stehe, weil er zu dem großen Thema Mitgliederbindung gehöre. „Wie können wir andere Milieus erreichen?“, fragt Albrecht, der auch an den unbekannten Rändern der Kirche Menschen für den Glauben gewinnen will. Dazu sei der Ideenwettbewerb ein kleines, aber wichtiges Instrument, findet er.

Die kritischen Fragen aus Reutlingen über reformatorische Identität, Botschaften der Kirche und ihre Präsentation in der Öffentlichkeit seien richtig, sagt Albrecht, ergänzt aber, dass sie für jeden Tag auch im Dekanat Reutlingen gelten. Eine reine Mitmach-Kirche, das sei natürlich nicht alles. „Aber auf der anderen Seite gibt es wahrscheinlich ganz viele Veranstaltungen in Reutlingen, an denen Menschen sich beteiligen sollen.“  Diese kritischen Fragen kann man laut Albrecht überall in der Kirche stellen.

Wie erklärt sich Ralf Albrecht dann, dass sich am Wettbewerb diese Kritik so entzündet? „Die Kirche ist nicht immer so öffentlich“, meint Albrecht. Nur Kirchentage hätten eine ähnliche Breitenwirkung. „Und wo Kirche öffentlich wird, entsteht hoffentlich auch Diskussionskultur“, sagt der Dekan.

Die Diskussion in Reutlingen mündet bei Dekan Marcus Keinath in konkrete Vorschläge: Der Wettbewerb müsse zumindest verschlankt werden, neun Wettbewerbe mit 27 bis 36 Aufgabenstellungen über drei Jahre sei zu viel. Der Wettbewerb müsse klarer werden, so dass man in wenigen Minuten erfasse, worum es gehe. Dazu müssten in jedem Dekanat Multiplikatoren aus der Pfarrerschaft und den Kirchengemeinderäten geworben werden.

Der Gesprächskreis-Sprecher der Offenen Kirche, Martin Plümicke würde eine Konzeptionsänderung begrüßen, allerdings habe die Synode darauf keinen Einfluss. Aber eine Zwischenbilanz sollte gezogen werden, sagt er. Und Kirchenrat Dan Peter hofft, dass es beim nächsten Mal in der Synode eine Aussprache dazu geben wird.


Information
„Kirche macht was. Aus deiner Idee!“heißt das Motto des Ideen-Wettbewerbs. Er ist Teil des Gesamtpakets der Landeskirche zum Reformationsjubiläum, für das insgesamt zehn Millionen Euro eingeplant sind. Zu neun Themen werden bis 2017 Ideen gesammelt. Zum ersten Thema „Der Herr ist mein Hirte. Bin ich ein Schaf?“ gab es 27 Einsendungen und drei Preisträger: Eine Aktion gegen die Prostitution mit dem Titel „Mach‘s, aber kauf es nicht“, ein T-Shirt-Motiv mit einer bunten Schafherde und die Idee, für das Friedenssymbol der Taube Taubenschläge in den Kirchen einzurichten.

www.kirche-macht-was.de

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