Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Körper kann man nicht kaufen“

Am 1. Juli tritt das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Die Ludwigsburger Professorin Annette Noller sieht das Gesetz kritisch. Es ist jetzt auf der Tagesordnung der Landessynode. Petra Ziegler hat mit Annette Noller über das Prostituiertenschutzgesetz gesprochen.



Prostitution ist seit dem Jahr 2002 eine Dienstleistung. Das heißt, sie wird vor dem Gesetz der Arbeit eines Taxifahrers gleichgestellt. Der Gesetzgeber wollte käuflichen Sex aus der Schmuddelecke holen. Ist das gelungen?
Annette Noller: Die Erwartungen, die an das Prostitutionsgesetz gestellt wurden, sind leider nicht erfüllt worden. Der Gesetzgeber wollte die Prostitution entstigmatisieren. Den Prostituierten sollte zudem durch die Aufhebung der Sittenwidrigkeit auch die Möglichkeit zur Sozial- und Krankenversicherung gegeben werden.

Das hört sich doch gut an.

Annette Noller:  Leider wird schon 2007 in einem Bericht der Bundesregierung festgestellt, dass keiner dieser Effekte eingetreten ist. Im Gegenteil stellen wir heute fest, dass die Prostitution zugenommen hat. Die Frage, ob Frauen heute in der Prostitution mehr Achtung erfahren, ist sehr schwer zu beantworten. Erschwerend kommt hinzu, dass wir es in der Prostitution mit einem hochkriminellen Milieu zu tun haben. Von dem Gesetz hat man sich ja vor allem kriminalitätsmindernde Effekte erwartet.

Können Sie das konkretisieren?
Annette Noller:  Frauen werden in der Regel nicht Prostituierte, um Lust am Sex zu empfinden, sondern sehr häufig aus Zwängen. Dazu gehören finanzielle Notlagen oder auch Gewalterfahrungen, die Frauen in frühen Beziehungen gemacht haben sowie durch Abhängigkeit von Zuhältern. Frauen werden auch durch Menschenhandel und gezielte Gewalt zur Prostitution gezwungen. Auch gibt es in der Ausübung von Prostitution selbst ein hohes Maß an Gewalterfahrungen. Nach einer Befragung der Bundesregierung haben nahezu 90 Prozent der befragten Prostituierten körperliche Gewalt und an die 60 Prozent sexuelle Gewalt erfahren.

Gilt das nicht nur für Zwangsprostitution?
Annette Noller: Nicht nur. Aber im Bereich von Zwangsprostitution und Menschenhandel verstärkt sich die Gewalt nochmals. Hier werden Milliarden verdient. Davon profitieren aber nicht die Frauen, sondern diejenigen, die sich auf diesem häufig mafiös strukturierten Markt bewegen. Um dieses Geschäft am Laufen zu halten, werden Frauen, Mädchen und Männer durch Täuschung, Gewalt und Freiheitsentzug zur Prostitution gezwungen.

Das Gesetz hat also nichts gebracht?
Annette Noller: Es ist schwer zu bestimmen, wieviel Prozent tatsächlich von der beabsichtigten Entstigmatisierung profitieren. Hinzu kommt, dass Prostitution ja nicht nur eine Form der sexuellen Ausbeutung von Frauen darstellt, sondern auch der finanziellen Ausbeutung. Viele Frauen verdienen selbst wenig an der Prostitution, während Bordellbesitzer und Zuhälter den größeren Gewinn machen.

Kann denn aus einer christlichen Perspektive Prostitution überhaupt ein Beruf sein wie jeder andere?

Annette Noller:  Nein, ich denke nicht. Das hat übrigens die Bundesregierung bei der Einführung des Gesetzes auch nicht gewollt. Es wird ausdrücklich festgehalten, dass Prostitution kein Beruf wie jeder andere ist. Die christlichen Kirchen haben sich in ihrer Geschichte mit der Prostitution immer schwer getan. Nicht mit den Prostituierten selbst. In der Bibel werden Prostituierte wertgeschätzt. Jesus stellt sie einmal in einem Streitgespräch sogar als Personengruppe dar, die näher am Himmelreich ist als die Ältesten und Hohenpriester, als die religiösen Repräsentanten also.

Und wie werden die Freier beurteilt?
Annette Noller: Sexkauf selbst wird in der Bibel abgelehnt. Mit einer christlichen Sozialethik ist es meines Erachtens nicht zu vereinbaren, dass man sich Befriedigung kauft, indem ein anderer Mensch seinen Körper zur Verfügung stellt.

Was sagt die Bibel zur Sexualität?
Annette Noller:  Die Sexualität gehört nach christlicher Auffassung in eine verantwortete Beziehung. Das zeigt 1. Mose 4,1, wo es heißt, dass Adam seine Frau Eva erkennt und sie schwanger wird. Das Erkennen schließt die personelle und sexuelle Beziehung gleichermaßen ein. Lange Jahrhunderte haben die Kirchen Sexualität nur in der Ehe als legitim angesehen. Heute ist unsere Gesellschaft liberaler geworden. Aber Sexualität als Ware ohne Verantwortung und gegenseitiges „Erkennen“ ist ethisch dennoch nicht annehmbar.

Soll Prostitution verboten werden?
Annette Noller:  Das ist eine schwierige Frage. In der Prostitutionsdebatte geht es nicht nur um sexualethische Fragen, sondern auch um Fragen der Menschenwürde und der Gewalt. Um Prostitution zu tolerieren, müsste auf der Gegenseite ein großer Gewinn wie zum Beispiel die Minderung der Gewalt gegen Frauen stehen. Für mich ist die zentrale Frage, wie man diese kriminellen Zusammenhänge der Prostitution besser in den Griff bekommt. Es ist nachweisbar, dass in Ländern, in denen Prostitution legalisiert ist, auch prozentual der Menschenhandel höher ist.

Bei uns stehen eher die Prostituierten im Mittelpunkt, selten die Freier.
Annette Noller: In Schweden ist das anders. Dort ist der Sexkauf verboten. Bestraft wird nicht die Prostituierte, sondern der Käufer von Sex. Also in der Regel der Mann. 80 Prozent der Schwedinnen und Schweden missbilligen heute die Prostitution. Im Ländervergleich sind sowohl Prostitution als auch Menschenhandel in Deutschland etwa 60mal höher als in Schweden.

Auch bei uns ist die Prostitution ein Tabu. Trotzdem gehen Männer ins Bordell. Auch wenn es kaum einer zugibt. Oder nicht?
Annette Noller: Mit der Legalisierung der Prostitution ist das Unrechtsbewusstsein geringer geworden. Der Druck auf den Sexmarkt ist mit steigender Nachfrage gestiegen. Die Bordellbesitzer geben Seniorenrabatte am Vormittag und machen Flatrate-Angebote. Auch Schüler gehen für ihre ersten Erfahrungen ins Bordell. Diese Entwicklung ist kritisch zu sehen.

Was kann man dagegen tun?
Annette Noller:  Erst einmal ist in der Erziehung, der Bildung, in der Schule, aber auch von Seiten der Kirchen Männern zu vermitteln, dass diese Form der Sexualität nicht akzeptabel ist. Menschen sind keine Ware, Körper kann man nicht kaufen.

Das Prostitutionsgesetz von 2002 wird nun erweitert. Unter anderem müssen künftig Bordellbetreiber auf die Kondompflicht hinweisen. Doch wer soll das kontrollieren?
Annette Noller:  Die Frage ist, wer genügend Fachkenntnisse und Ressourcen hat, um Kontrollen durchzuführen. Das betrifft die Beratung und Kontrolle der Prostituierten selbst. Wer ist überhaupt in der Lage zu erkennen, dass eine Frau in einer hohen Abhängigkeit vom Zuhälter oder in Zwangssituationen lebt?

Aber hat denn da die Kirche überhaupt – oder auch die Diakonie – einen Einfluss darauf? Gesetze werden ja von der Politik beschlossen.
Annette Noller: Es ist wichtig, dass Kirche und Diakonie Stellung beziehen – auch zu Gesetzesvorhaben und Gesetzen. Das wurde auch wiederholt getan. In dieser Frage gibt es bisher keinen Konsens. Wir sollten dennoch über den legalisierten Sexkauf diskutieren, uns gesellschaftlich einmischen, insbesondere dann, wenn Menschen Opfer von Gewalt und Ausbeutung werden.

Wie soll diese Einmischung aussehen?
Annette Noller: Kirchen haben viele Möglichkeiten: Fachdiskurse anregen, die Wissenschaft unterstützen. Ich bin der Meinung, dass Kirche nicht wegsehen kann, wenn Menschenrechte tagtäglich in einem kriminellen Milieu verletzt werden, wenn die Nachfrage nach Sexkauf nicht hinterfragt und kritisch diskutiert wird.

Aber Diskurse allein reichen nicht aus.
Annette Noller: Nein. Es geht auch um konkrete, fachliche Hilfen für Frauen, Mädchen, auch Jungen, die im Rotlichtmilieu arbeiten. Es geht darum, dass Ausstiegsmöglichkeiten geschaffen und gesundheitliche, insbesondere therapeutische Hilfen angeboten werden.

Wenn Sie selbst das Gesetz hätten machen können, wie würde es aussehen?

Annette Noller: Mein Gesetz würde in die Richtung der schwedischen Gesetzgebung gehen. Weil diese Verschiedenes miteinander vereinbaren kann. Sie kann zum einen offensichtlich in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Fragwürdigkeit des Sexkaufes schaffen. Sie wirkt auch auf das Bewusstsein von Männern ein, die diese Leistung in Anspruch nehmen. Mit dem Verbot des Sexkaufes wird erreicht, dass nicht nur der Menschenhandel, sondern auch die Prostitution insgesamt weniger verbreitet ist.   


Stichwort: Das Prostituiertenschutzgesetz
Bundestag und Bundesrat haben im Herbst vergangenen Jahres das Prostituiertenschutzgesetz beschlossen. Es tritt zum 1. Juli in Kraft. Danach werden Prostituierte verpflichtet, sich bei Behörden anzumelden und ihre Anmeldung alle zwei Jahre erneuern. Grundvoraussetzung dafür ist eine Gesundheitsberatung, die jedes Jahr wiederholt werden muss.
Zudem bekommen Bordell-Betreiber strenge Auflagen. Flatrate-Angebote sind verboten, auf den Zimmern muss es Notrufknöpfe geben. Freier, die zu Zwangsprostituierten gehen, drohen Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren. Menschenhändler, die ihre Opfer in die Prostitution zwingen, droht eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren, ebenso wie Zuhältern von Zwangsprostituierten.
Menschenhändler sollen künftig auch dann bestraft werden können, wenn die Opfer nicht gegen sie aussagen. Bisher scheitern Verurteilungen oft daran, dass die Opfer ihre Aussagen vor Gericht nicht wiederholen.

Information
Die Landessynode tagt von 6. bis 8. Juli in der Stadthalle Reutlingen.  Am 6. Juli, 19 Uhr, soll über das Prostituiertenschutzgesetz diskutiert werden. Der 7. Juli (ab 8.45 Uhr) ist dem Schwerpunktthema „Um Gottes Willen – Barmherzigkeit. Zur Aktualität der Rechtfertigungslehre“ gewidmet. Dazu spricht unter anderen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (16 Uhr).


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