Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mehr als zusammen Suppe kochen

FREUDENSTADT/NAGOLD – Es gibt sie überall: die Vesperkirchen. Erstmals nun auch in Freudenstadt und Nagold. Auf den Schwarzwaldhöhen waren die Katholiken Impulsgeber, unten im Nagoldtal die Protestanten. Die Geschichte einer Ökumene.



Für die Vesper­kirche werden die fest verschraubten Bänke in der Nagolder Stadtkirche komplett herausgenommen und durch Tische und Stühle ersetzt, an denen man bequemer essen kann. Die zupackenden Männer von links: Wolfgang Hoffmann, Bernd Schmelzle, Martin Katz, Dieter Köbele und Wilfried Wehrstein. (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

„Ich kann zwei Kinderhochsitze von zu Hause mitbringen“, „Wir sollten auch eine Kinderecke einrichten mit Malstiften und Ausmalbögen“, „Klaviermusik im Hintergrund würde etwas Kaffeehausstimmung in die Sache bringen.“ Sie sind voller Tatendrang, die Frauen und Männer der Lenkungsgruppe Vesperkirche in Freudenstadt, denn da gibt es viel zu organisieren und zu tun.

Ihre Augen funkeln so, als ständen sie alle in den Weihnachtsvorbereitungen und freuten sich schon auf die Gesichter der Lieben, wenn dann endlich Heiligabend ist. Die Frage, warum Freudenstadt nicht schon vor Jahren so etwas ins Leben gerufen hat, trifft da schon ins Mark und die Antwort kommt auch nicht sofort.

Michael Paulus, Pastoralreferent der katholischen Taborkirche Freudenstadt, denkt nach. Den Gedanken gibt es schon lange, aber als er zum ersten Mal vor Jahren aufkam, hieß es: „Das brauchen wir in Freudenstadt nicht.“ „Obwohl.“– Paulus weiß nicht, ob er das so öffentlich sagen soll, tut es dann aber doch. – „Es wäre auch schon vor Jahren notwendig gewesen.“ Renate Braun-Schmid, Leiterin der diakonischen Bezirksstelle in Freudenstadt, bestätigt seine Aussage und ergänzt sie: „Ich glaube, jetzt ist einfach der richtige Zeitpunkt dafür.“

Obwohl die Vesperkirche eine ureigene Idee der evangelischen Kirche ist, freut sich Renate Braun-Schmid sehr darüber, dass jetzt die Initiative in Freudenstadt von der katholischen Kirche kommt, denn diese hat in Sven Brückner einen Pastoralassistenten bekommen, in dessen Ausbildung unter anderem die selbstständige Leitung und Organisation eines großen Projektes erforderlich ist. Mit der Versperkirche kann er das nun tun. Personell wäre das bei der evangelischen Kirche in Freudenstadt derzeit nicht machbar. Michael Paulus: „Wir sind jedoch ganz stark auf die Mithilfe der evangelische Kirche angewiesen.“ Mit den diakonischen Einrichtungen habe die evangelische Kirche in Freudenstadt ein viel größeres soziales Netzwerk, auch einen besseren Kontakt zu den Menschen, für die man diese Vesperkirche nun auch in Freudenstadt einrichten möchte.

Ermutigung für Neulinge


Pfarrer Kuntz, der in Reutlingen die Vesperkirche gründete, ermutigt alle Neulinge in dieser Sache: „Über Mithelfer und Spenden für die Vesperkirche braucht ihr euch keine Sorgen machen.“ Und genau das trifft zu. „Ich habe noch bei keinem Projekt so viele Helfer gefunden wie bei der Vesperkirche“, sagt auch Diakon Bernd Schmelzle, der in Nagold zum ersten Mal eine Vesperkirche in diesem Jahr durchführt. Nicht nur aus Nagold, sondern auch aus den angrenzenden Gemeinden bieten sich Helfer an. „Das passt zum Zeitgeist“, sagt Renate Braun-Schmid. „Auch die Vereine haben Schwierigkeiten, Menschen für einen Vorstandsposten zu gewinnen, aber für ein zeitlich begrenztes Engagement, dafür gibt es stets Mitstreiter.“

Auch in Freudenstadt ist das so. Die ersten Helfer haben sich schon gemeldet und die ersten Spenden sind sofort nach Bekanntwerden der geplanten Aktion eingegangen.

Die Vesperkirche ist keine Armen- oder Suppenküche, sie will vielmehr eine Plattform der Begegnung schaffen über alle Bevölkerungsschichten und Milieus hinweg. Das heißt, man möchte Alleinstehende, Familien, die sich ein Essen im Restaurant nicht leisten können oder beispielsweise Obdachlose in dieser einen Woche verwöhnen. Dazu, so Renate Braun-Schmid, gehört auch ein ansprechendes Ambiente, sprich eine hübsche Tischdekoration.

„Könnten die Damen in der Lenkungsgruppe das übernehmen?“, fragt einer der Herren. Es geht ein Schmunzeln durch den Raum: Man will mit der Vesperkirche Grenzen zwischen den Schichten aufheben, doch das Rollenverständnis, sprich: wer dekoriert den Tisch?, bleibt wohl bestehen. Aber die Damen der Runde nehmen es gelassen, erklären sich natürlich bereit, diesen Part zu übernehmen.

Der Sinn der Vesperkirche geht nur auf, wenn auch Menschen zum Essen kommen, die sich einen Restaurantbesuch leisten können. Sie dürfen auch gerne mehr bezahlen. Doch was haben sie davon, wenn sie kommen? Renate Braun-Schmid: „Sie lernen Menschen kennen, mit denen sie sonst nicht in Kontakt kommen, erfahren von deren Schicksal.“ Beiden Städten – Freudenstadt und Nagold – steht der Ort Horb in Person von Achim Wicker, katholischer Dekanatsreferent, zur Seite. Er sagt: „Da gibt es Geschichten, da läuft es einem eiskalt den Buckel hinunter und man merkt, das könnte mir auch jeden Tag passieren, und dann wäre ich in der gleichen Situation.“

Renate Braun Schmid ergänzt: „Wenn wir diesen Menschen dann im Alltag in der Stadt begegnen, wir uns gegenseitig zuwinken, dann ist da ein ganz zartes Band entstanden, das Solidarität bewirkt, diesen Menschen vielleicht irgendwann, sei es bei einer kommunalpolitischen Entscheidung, oder aber privat zu helfen“. Somit werde das soziale Netzwerk innerhalb der Stadt engmaschiger.“ Dieses Ziel verfolgt auch die evangelische Kirche in Nagold. Diakon Bernd Schmelzle: „Wir wollen mit der Vesperkirche einen Anstoß geben, die sozialdiakonischen Aufgaben auf breitere Füße zu stellen“. Im wahrsten Sinne des Wortes soll über das ganze Jahr hinweg nicht jeder sein eigenes Süppchen kochen, sondern eine Gemeinsamkeit entstehen, die Hilfe noch effektiver werden lässt.

„Ihr könnt jetzt für das erste Mal nicht nur unsere Serviertabletts haben, sondern auch unsere Schürzen“, bietet Achim Wicker an. „Da steht zwar ganz groß Vesperkirche Horb drauf, aber das macht ja nichts.“ Wieder geht ein Schmunzeln durch den Raum. Dazu muss man wissen, dass sich kommunalpolitisch das Verhältnis zwischen den beiden Städten Horb und Freudenstadt wegen Schließung des Horber Krankenhauses und der Einführung des neuen alten Autokennzeichens HOR statt FDS in extremer Schieflage befindet.

Doch bei einem guten, gepflegten gemeinsamen Essen, in einer angenehmen Atmosphäre, soll schon so manches Missverständnis aus dem Weg geräumt worden sein. Vielleicht gibt es dann in Freudenstadt durch die ökumenische Aktion Vesperkirche, bei der als Kooperationspartner auch das Zentrum des Zuhörens, die Erlacher Höhe und die evangelisch-methodistische Kirche mitmachen, nicht nur ein Zusammenrücken zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen Freudenstadt und Horb. Beim anschließenden Gedankenaustausch und dem Rückblick gäbe es zusätzlich einen Brückenschlag nach Nagold.


Information
Termine für die Vesperkirche

Horb: 19. bis 31. Januar, jeweils 11 Uhr bis 14 Uhr im Steinhaus.

Freudenstadt: 16. bis 21.Februar, jeweils von 11.30 Uhr bis 14 Uhr im Gemeindesaal der Taborkirche Freudenstadt.

Nagold: 9. bis 23. Februar, 11.30 bis 14 Uhr, in der Stadtkirche Nagold.

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 34/2017

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Haben Sie durch die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum persönliche Impulse bekommen?
Ja.
Nein
Ich weiß es nicht