Christliche Themen für jede Altersgruppe

Orgelklänge im Urwald

Die Mission lehnte ihn ab, da schuf er eine eigene: Vor 100 Jahren gründete der Arzt und Theologe Albert Schweitzer sein berühmtes Krankenhaus in Afrika. Spuren hinterlassen hat er aber nicht nur dort, sondern auch in Königsfeld im Schwarzwald und Gunsbach im Elsass. Eine Annäherung.  

Bild: Szene aus dem Schweitzer-Film von 2009: Der Urwald-Doktor ließ seine Patienten mit der kompletten Familie kommen. (Foto: NFP/PR)

Der Mann, der einen Freund vom Bahnhof in Peterzell im Schwarzwald abholte und dessen Gepäck auf einem Leiterwagen fünf Kilometer bis zu seinem Zuhause in Königsfeld zog, war ein gefälliger Mensch. Es wird von einer allein reisenden Dame berichtet, die ihren Koffer wortlos gleich mit auf das klapprige Holzgefährt lud. Vor der Pension der Frau in Königsfeld angelangt, stürzte deren Wirt heraus und huldigte dem Kofferträger. Die Reisende hatte unwissentlich die Dienste Albert Schweitzers in Anspruch genommen.

Dass der prominente Arzt und Theologe den Irrtum nicht aufgeklärt hatte, zeugt von seinem bescheidenen Wesen. Und es zeugt von Schweitzers Humor. Er ruhte in sich, er war aber auch stur. „Er war ein Kind des Kaiserreichs“, sagt Kurt Schröter, der dem Förderverein des Schweitzer-Hauses in Königsfeld im Schwarzwald vorsteht. „Schweitzer hatte ein Gespür für die Bedürfnisse anderer. Aber er bestimmte, in welcher Reihenfolge sie erfüllt wurden.“ Das Wohnhaus des Ehepaares Albert und Helene ist heute ein Museum in Gemeindebesitz, in dessen Garten die Urwaldklinik Lambarene im Modell nachgebaut ist. Nach Königsfeld hatten Schweitzers 1912 ihre Hochzeitsreise unternommen, dort ließen sie 1923 ein Haus bauen, das Wohnstätte von Helene und der 1919 geborenen Tochter Rhena wurde.

Albert Schweitzers Aufenthalte im Schwarzwald waren Episoden. Die Suche nach Helfern und Kapitalgebern für sein Lambarene machte ihn zu einem Pendler zwischen den Kontinenten. Nahm er sich doch eine Auszeit, fuhr er ins Elsass. Seine Wiege beschreibt die Verbindung Schweitzers zu seiner Heimat am besten. Aus dem Haushalt der Eltern wählte der Sohn nur dieses eine Möbelstück als Erinnerung. Die Wiege steht im Schweitzer-Museum in Gunsbach, dem Dorf, in dem der Friedensnobelpreisträger von 1952 aufwuchs. Solange er in Lambarene wirkte, verweilte der Arzt und Theologe regelmäßig in Gunsbach, erklomm den Hausberg des Dörfchens oder spielte in der Kirche Orgel.

Lebhafte Erinnerungen

Sonja Poteaus Grundstück liegt gegenüber dem Schweitzer-Museum in Gunsbach. 21 Jahre lang war sie dessen Leiterin und koordinierte von dem hellen Büro in der oberen Etage aus die Aufgaben der Schweitzer-Stiftung. 

2013 jährt sich die Gründung des Schweitzer-Spitals in Gabun zum 100. Mal, und Sonja Poteau beginnt von vorne mit dem Erzählen. Die 84-Jährige beschreibt das Krankenhaus am Fluss Ogowé, in dem sie als junge Frau mitarbeitete. Sie erinnert sich daran, wie resistent die Ziegen gegen Malaria waren und „dass es für Geburtstagskinder zwei Spiegeleier extra gab“. Sie geht im Geiste die Sitzordnung im Speisesaal des Spitals durch,  während sie im Esszimmer des Gunsbacher Hauses Platz nimmt. Sie deutet auf den Stuhl links: „Dort saß Schweitzer. Von diesem Platz aus konnte er die Kirche sehen.“

Albert Schweitzer wurde 1875 in Kaysersberg geboren. Dass Gunsbach eher mit ihm verbunden wird, bedingte der unmittelbare Umzug der Familie. Das Elsass gehörte in den 1880er Jahren zum Deutschen Kaiserreich, Gunsbach hieß damals Günsbach. Seitdem es wieder französisch ist, fehlen die ü-Punkte, die Aussprache ist dieselbe. Schweitzer fühlte sich den Deutschen verbundener als den Franzosen. Letztere hatten ihn als Missionar abgelehnt, „das traf ihn hart“. Danach gefragt, welche Sprache er mit ihr sprach, antwortet Sonja Poteau auf Deutsch: „Elsässisch. Natürlich.“

Sie ist 25 Jahre alt, als sie Albert Schweitzer zum ersten Mal begegnet, am Tag ihrer Ankunft in Lambarene. 1954 heißt Sonja Poteau noch Mueller, sie ist Krankenpflegerin und der Aufforderung Schweitzers gefolgt, in seiner Klinik in Afrika mitzuhelfen. Humorvoll, bizarr und ein wenig oberlehrerhaft erscheint der Patron. Auf ihren späteren Ehemann, einen Ingenieur, wirft Sonja zwar ein Auge, „aber ehe er dazu kam, mir einen Heiratsantrag zu machen, hatte Schweitzer schon die Trauung arrangiert“. Er nahm sie selbst vor.

Mit Vollendung seines 30. Lebensjahres hatte er gelobt, sich nur noch der Theologie zu widmen. Zuvor studierte er Musik und Philosophie. Albert war 29 Jahre alt, als er in einem Brief der Pariser Missionsgesellschaft von deren Problemen las, die Bevölkerung in den Kolonien Kongo und Gabun medizinisch zu versorgen. Schweitzer beschloss, Arzt in Afrika zu werden. Im Medizinstudium in Straßburg hastete er einmal vom Operationssaal ins Münster, wo ein Brautpaar auf ihn wartete, Elly und Theodor Heuss. Schweitzer vollzog die Trauung. Der spätere Bundespräsident bemerkte aber, der Pfarrer habe „tüchtig nach Äther gestunken“.

„Albert Schweitzer war ein Einzelgänger. Dass er 1912, 37-jährig, heiratete, kam unerwartet. Aber er brauchte eine Gefährtin für Afrika“, urteilt Kurt Schröter. Helene, eine Professorentochter, äußert nach der ersten Begegnung mit Albert, er sei „charmant, aber sein Elsässisch grauenvoll“. Gemeinsam bauen sie Lambarene auf, doch während er in seiner Berufung aufgeht, lassen ihre Kräfte nach. Sie erholt sich in Königsfeld von den zehrenden Aufenthalten in Lambarene. In Gunsbach bauen Schweitzers analog ein Haus für ihre Mitarbeiter und schicken sie dorthin auf Kur.

Sonja Poteau kam zurück, weil sie Schweitzers Sekretärin Ali Silver bis zu deren Tod in Gunsbach pflegte. Wie so oft folgte sie Schweitzers ruhig-bestimmter Anweisung. „Er hob die Hand und sagte, tu es einfach. Genauso baute er sein Spital auf, zielstrebig, ohne zu diskutieren.“ In Lambarene, erinnert sich Sonja Poteau, sei sein Zimmer stets das am längsten erleuchtete gewesen. Benötigte er eine Pause, setzte er sich an seine Orgel und spielte Bach. „Das Orgelspiel im Urwald werde ich nie vergessen.“

Das moderne Schweitzer-Spital in Lambarene ist führend in der Behandlung von Malaria. Die Mehrheit der Ärzte ist heute farbig. Als Sonja Mueller das Krankenhaus zum ersten Mal sah, existierte es 31 Jahre. „Lambarene sah aus wie ein Dorf. Und so funktionierte es auch.“ Albert Schweitzer ließ jeden Kranken seine Familie mitbringen, damit er während der Behandlung nicht einsam war. „Die Afrikaner kochten auch für sich. Europäisch gekocht wurde nur für uns. Sauerkraut hätte kein Afrikaner gegessen.“

Information über das Albert-Schweitzer Haus und Museum

Albert-Schweitzer-Haus in Königsfeld im Schwarzwald

Geöffnet Freitag und Samstag 14 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr

Telefon: 07725-800945

Internet: www.albertschweitzer-haus.de

Albert-Schweitzer-Haus, Museum, Stiftung und Archiv in Gunsbach im Elsass

Geöffnet Dienstag bis Samstag 9 bis 11.30 Uhr und 14 bis 16.30 Uhr

Telefon: 0033-3-89773142

Internet: www.schweitzer.org.

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