Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sich einmischen ist unbequem

„Die soziale Marktwirtschaft ist urevangelisch“, sagt Dieter Heidtmann, Studienleiter der Evangelischen Akademie in Bad Boll mit Schwerpunkt Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsethik. Vor 70 Jahren formulierten Wissenschaftler im Auftrag der Bekennenden Kirche Grundsätze für eine Wirtschafts- und Werteordnung, die Freiburger Denkschrift. Nicole Marten sprach mit Heidtmann über Wirtschaftsethik.

Bild: Dieter Heidtmann kümmert sich an der Evangelischen Akademie in Bad Boll um Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsethik. (Foto: privat)

 

Weshalb ist die Freiburger Denkschrift heute so interessant?

Dieter Heidtmann: Unsere wirtschaftlichen Probleme haben damit zu tun, dass die Rahmenbedingungen, die in der Freiburger Denkschrift erarbeitet wurden, nicht mehr eingehalten werden. Ein Beispiel ist das Thema Freiheit und Verantwortung: Wer ein Risiko eingeht, muss dafür auch geradestehen. Dieses Prinzip findet sich in der Denkschrift als grundlegendes Element der sozialen Marktwirtschaft. Eine Ursache der Finanzmarktkrise ist der Verstoß gegen dieses Prinzip. Es wurde den Banken erlaubt, Produkte zu entwickeln, für die sie nicht haften mussten. Stattdessen haben am Ende alle dafür bezahlt.

Warum ist diese Verbindung von Freiheit und Verantwortung ein evangelisches Prinzip?

Dieter Heidtmann: Nicht nur bei Paulus finden wir diese Verknüpfung: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“ (1. Korinther 6,12). Wir finden diesen Zusammenhang auch bei Luther: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ (Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520). Freiheit heißt nach evangelischem Verständnis nicht „Freiheit von“, sondern immer „Freiheit zu“, also Freiheit zur Verantwortung.

Vor welchen Herausforderungen steht die Wirtschaft heute im Hinblick auf die Werteordnung von damals?

Dieter Heidtmann: Die Freiburger Denkschrift sagt, „die Wirtschaft soll den heutigen und den künftigen Menschen dienen.“ Die erste Frage ist also, wie dies heute geschehen kann. Die zweite Frage ist, wie wir solche Werte und Ziele in einem globalen Wettbewerb umsetzen können. Die dritte Herausforderung ist die Frage, wie wir mit weniger Ressourcen anders und besser leben können.

Und wie kann die Wirtschaft den Menschen dienen?

Dieter Heidtmann: Das natürliche Spannungsverhältnis zwischen Eigennutz und Gemeinwohl lässt sich zum Beispiel dadurch in Einklang miteinander bringen, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht nur am Wirtschaftswachstum gemessen wird. Man kann wirtschaftlichen Erfolg ja auch daran messen, ob das Einkommen gerecht verteilt ist und die Umwelt geschont wird. Die Europäische Union ist gerade dabei, einen gemeinsamen Standard für die Messung des gesellschaftlichen Wohlstands zu entwickeln, der sich nicht nur am Bruttoinlandsprodukt  orientiert, sondern andere Indikatoren mit einbezieht.

Wie können wir unsere Standards in einer globalisierten Welt durchsetzen?

Dieter Heidtmann: Im aktuellen Fünfjahresplan von China steht, dass das Land in fünf Jahren 20 Prozent der Standards weltweit festsetzen will. Wenn wir hohe Sozial- und Umweltstandards haben wollen, können wir das nur gemeinsam über die Europäische Union durchsetzen.

Aber die Europäische Union ist doch in vielen Fragen zerstritten?

Dieter Heidtmann: Wir haben in der Finanzmarktkrise tatsächlich bei den europäischen Staaten die Haltung erlebt „Rette sich, wer kann“ – bis einige untergegangen sind. Daraus haben wir gelernt, dass wir nur gemeinsam aus den Problemen herauskommen. Eine der Schwierigkeiten ist, dass uns die „großen Europäer“ fehlen. Aber die kann man nicht backen. Die Frage ist, wie wir die Begeisterung für Europa wieder anfachen können. Dazu dürfen wir Europa nicht nur auf die Wirtschaft reduzieren, sondern müssen die gemeinsamen Werte, Frieden und Freiheit in den Mittelpunkt stellen. Wir dürfen nicht vergessen, wie viel wir verlieren, wenn Europa scheitert.

Was kann denn der Einzelne tun, um Europa zu stärken?

Dieter Heidtmann: Bei der Bundestagswahl spielt die Europapolitik eine wichtige Rolle. Da hilft es, zu schauen, welche Parteien das Europaparlament und die Europäische Kommission unterstützen und das Eigeninteresse auch mal zurückstellen. Auch unsere kirchlichen Partnerschaften helfen: Wenn viele Menschen die befreundeten Gemeinden in unserer Partnerkirche in der Slowakei besuchen, merken sie sehr schnell: Die Slowakei ist nicht Osteuropa, sondern Mitteleuropa!

Die dritte Herausforderung für die Wirtschaft heute ist das Thema Nachhaltigkeit. Wie kann das flächendeckend gelingen?

Dieter Heidtmann: Wir müssen den Ressourcenverbrauch schnell und umfassend reduzieren. Das geht nur, indem wir den Menschen vermitteln, dass weniger Ressourcenverbrauch ein Mehr an Lebensqualität bedeuten kann. Nachhaltiges Handeln und Gewinn sind übrigens keine Gegensätze. Denn es gibt immer wieder Unternehmen, die mit hoher Qualität und ökologischer Verantwortung gute Gewinne machen. Es fehlt nicht an Ideen, wie man das macht, hier liegt gerade für ein Land mit wenigen Rohstoffen wie Deutschland die wirtschaftliche Zukunft.

Aber viele dieser ethisch wertvollen Handlungsweisen sind teuer.

Dieter Heidtmann: Verantwortungsbewusste Beschaffung muss nicht teurer sein als die herkömmliche. Weniger Fleisch essen, dafür aber in besserer Qualität. Manches ist anstrengender, weil ich mich informieren und meinen Lebensstil verändern muss. Aber es lohnt sich. Und es gibt auch Bereiche, in denen nachhaltiges Handeln einfach geworden ist. Der Wechsel des Stromanbieters ist nicht mehr schwer.

Wie kann es gelingen, dass neue Verhaltensweisen sich flächendeckend durchsetzen?

Dieter Heidtmann: Wir müssen die Mechanismen in unserer Gesellschaft verändern. Das ist eine große Herausforderung an die Politik. Ich wünsche mir, dass nicht die Parteien gewählt werden, die große Versprechungen machen, sondern diejenigen, die ehrlich sagen, was die Leute erwartet. Wir müssen darüber diskutieren, dass es unbequeme Maßnahmen geben muss, um gut für die Zukunft vorzusorgen. Viele Parteien sagen das aber nicht, weil sie fürchten, bei der Wahl abgestraft zu werden, indem man sie nicht wählt. Hier müssten die Kirchen ihre Stimme erheben.

Haben die Kirchen denn überhaupt noch einen so großen Einfluss?

Dieter Heidtmann: Unbedingt. Kirchen erreichen viele Menschen über die Gemeinden. Dort muss nachhaltiges Handeln gelebt werden. Auch der Kirchentag und die Evangelischen Akademien sind wichtige Orte, an denen solche Projekte wahrgenommen werden. Allerdings müssen sich die Kirchen dafür zusammentun, denn nur so haben sie großes Gewicht. Ich gebe zu, wenn es darum geht, gemeinsam als Kirchen die Stimme zu erheben, sind wir verbesserungsfähig.  

 

Ist die soziale Marktwirtschaft in Deutschland nicht eine leere Hülle?

Dieter Heidtmann: Ordnungspolitik bedeutet, Wirtschafts- und Sozialpolitik miteinander zu verbinden. Die Sozialreformen der Agenda 2010 waren deshalb nicht automatisch ein Gegensatz zur sozialen Marktwirtschaft. Da gibt es Fehler und Härten, die man korrigieren muss. Das Programm hat aber auch dazu beigetragen, dass es Deutschland heute wirtschaftlich gut geht.

Damit steht Ihre Meinung gegen die Position der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die möchte die Agenda 2010 am liebsten rückgängig machen ...

Dieter Heidtmann: Ich finde es richtig, dass sich die EKD einmischt, aber diese Schlussfolgerung halte ich für falsch. Konsens ist, dass bei der Agenda 2010 viele Eckpunkte nicht stimmen. Das muss man korrigieren. Zum Beispiel beim Arbeitslosengeld. Da zahlt jemand 30 Jahre in die Arbeitslosenversicherung ein und nach gut einem Jahr rutscht er von Arbeitslosengeld I auf Arbeitslosengeld II, also Hartz IV, ab. Das ist ungerecht. Hier hat die Kirche eine Mahnfunktion. So wird sie wahrgenommen. „Die Wirtschaft soll den Menschen dienen!“ Das Anliegen der Freiburger Denkschrift gilt auch hier.

  • 1942 versammelte Dietrich Bonhoeffer im Auftrag der Bekennenden Kirche in Freiburg Professoren aus der Christuskirchengemeinde, um mit ihnen ein Konzept für eine wirtschaftliche Neuordnung Deutschlands nach dem Krieg zu entwerfen. Der Freiburger Kreis entwickelte bis 1943 Grundelemente einer neuen Wirtschafts- und Sozialordnung. 1944 wurden seine Mitglieder verhaftet, Bonhoeffer und Carl Goerdeler hingerichtet. Walter Bauer, Constantin von Dietze und Adolf Lampe überlebten. Adolf Lampe übergab auf dem Heimweg eine Kopie der Freiburger Denkschrift an General Eisenhower. Die Mitglieder des Freiburger Kreises spielten in der Theorieentwicklung und in der praktischen Neugestaltung der Wirtschaft nach dem Krieg eine wichtige Rolle.

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