Christliche Themen für jede Altersgruppe

Stille finden im Klostertrubel

MAULBRONN (Dekanat Mühlacker) – Das Kloster Maulbronn ist bekannt als Ort des Evangelischen Seminars, der Klosterkonzerte und nicht zuletzt als Unesco-Weltkulturerbe. Doch darüber hinaus ist es auch ein Ort der Stille und Besinnung. Findet man dort Ruhe? Ein Selbstversuch.  

Bild: Im Hier und Jetzt leben: Konzentration im Brunnenhaus. (Foto: Werner Kuhnle)

Samstagmorgen auf dem Klosterhof in Maulbronn. Drei Männer und sechs Frauen schlendern durch das Tor. Sie haben sich bei der Evangelischen Erwachsenenbildung Göppingen zur „Einführung in die nichtgegenständliche Meditation“ angemeldet.

Nichtgegenständliche Meditation, das heißt meditieren ohne ein Bild oder eine Skulptur. „Ein Gegenstand ist nur ein Hilfsmittel,“ erklärt der Maulbronner Gemeindepfarrer Ernst-Dietrich Egerer. Darauf zu verzichten, „ist der Versuch, sich ganz zu öffnen“, um „vom Göttlichen berührt zu werden“.

Die Göppinger treffen sich im Besprechungsraum des Klosterpfarramts mit Egerer. Jetzt sei es noch recht still im Kloster, aber das werde sich bald ändern, sagt der Pfarrer: „Heute gibt es viele Führungen. Das werden Sie hören.“ Denn der Meditationsraum ist nebenan, in der ehemaligen Wärmestube der Mönche. Von dort geht ein Fenster zum Herrenrefektorium, dem ehemaligen Speisesaal der Mönche. Zwar hat es eine Glasscheibe, aber die Geräusche von unten lassen sich nicht ganz ausblenden. Auch die Gebäude des Evangelischen Seminars grenzen an den Besprechungsraum.

Prozession im Kreuzgang

Die erste Übung ist eine Prozession im Kreuzgang. Egerer geht voraus. Alles schweigt. Nur das Wasser des Brunnens plätschert. Der Pfarrer stimmt eine kleine, einfache Melodie an, die in den Gewölben wiederhallt. Nach und nach stimmen die Prozessionsteilnehmer ein. Dann verstummt der Gesang. Egerer stimmt ihn erneut an, als die Gruppe ins Herrenrefektorium einzieht und durch den ganzen Raum schreitet. Die Gruppe schreitet singend zum Brunnen. Dort bleibt sie stehen, die Melodie verstummt. Das Wasser plätschert.

Eine Weile später zieht die Prozession weiter. Die erste Führung hat den Kreuzgang betreten. Die Leiterin beginnt mit ihren Erklärungen, während die Teilnehmer der Prozession schweigend vorbei gehen. Im Herrenrefektorium lässt sich ein Brautpaar fotografieren. Nachdem die Prozession zum dritten Mal den Kreuzgang durchschritten hat, sucht sich jeder einen Platz im Kloster zum Verweilen.

Schweigen und Verweilen

Schweigend in die Klosterkirche eintreten. Das Chorgestühl bewundern. Von Ferne ist die Stimme der Führerin zu hören, aber sie stört nicht. Zeit haben, die es bei Führungen, bei Klosterkonzerten nicht gibt. Einfach da sein. Ein Einzelbesucher geht durch die Kirche. Er hält sein Handy in eine Richtung, sagt „Klick“ und hat ein Foto geschossen. Doch wie die Führungen und die Brautpaare ist diese Beobachtung wie ein Gedanke, der kurz kommt und gleich wieder geht.

Im Besprechungsraum erzählt Pfarrer Egerer, dass er schon vor Jahren einen geistlichen Schwerpunkt im Pfarramt setzen wollte. So hat er eine Ausbildung zum Meditationsbegleiter gemacht, die von der Landeskirche unterstützt wurde.

Bevor die Teilnehmer den Meditationsraum betreten, ziehen sie die Schuhe aus. An den Wänden ist eine Holzbank montiert. Darauf rote runde Sitzkissen, davor weißer Teppich auf einem Holzboden. In der Mitte zeigt eine Glasscheibe den alten Steinfußboden. Darauf eine Bibel und ein kleines Metallkreuz und eine Kerze.

Sich selbst wahrnehmen, in diesem Raum, im Kreis dieser Menschen. Den Lärm, aber auch die Ruhe dieses Morgens zurücklassen, bewusst atmen. Der Seele Raum geben. Von unten dringt die Stimme einer Führerin herauf. Wieder eine neue Gruppe.

Egerer bittet die Meditierenden, sich zu erheben. Jeder dreht sich nach links und geht gemessenen Schrittes hinter dem Vordermann im Kreis. Egerer stimmt den Gesang aus dem Kreuzgang an. Als der zu Ende ist, bleibt die Gruppe stehen. Sie wendet sich wieder der Mitte zu. Pfarrer Egerer erklärt, dass er nun bestimmte Worte spricht und dazu seine Hände bewegt. Die Gruppe soll die Bewegungen mitmachen. „Himmel: Du.“ Die Hände zeigen weit geöffnet nach oben. „Erde: Du.“ Die Hände zeigen weit geöffnet auf den Boden. „Oben: Du.“ Die Hände gehen geschlossen nach oben. „Unten: Du.“ Die Hände gehen geschlossen nach unten. „Wohin ich mich wende, an jedem Ende: Du.“ Die Hände gehen waagerecht gestreckt nach außen. „Du. Du. Immer Du. Wieder Du. Du. Du. Du.“ Die Hände gehen von außen mit gebeugtem Ellbogen zur Mitte, bis sie sich wie zum Gebet schließen. Drei Mal geht die Gruppe durch den Raum. Danach setzt sie sich. Dem Atem nachspüren. Ganz bei sich sein.

Die Übung ist zuende. Schade.

Egerer bringt ein Schälchen zum Klingen. Die Übung ist zuende. Schade. Erneut der Wechsel aus gehen, stehen, Handbewegungen. Eine weitere Meditationseinheit schließt sich an, diesmal liest Pfarrer Egerer einen Text der Theologin Dorothee Sölle. Stille. Wieder beginnt die Promenade. Zum Abschluss verbeugen sich die Meditierenden, verlassen den Raum, gehen ins Besprechungszimmer.

Der Theologe erklärt, dass die Mönche sieben Mal am Tag Gebetszeiten hatten, das Mittagsgebet ist eine davon. Es findet heute im Altarraum vor dem Chorgestühl statt. Die Gruppe stellt sich im Kreis auf und singt alle Unternummern der 780, der Liturgie des Mittagsgebets im Evangelischen Gesangbuch, im Wechsel. Wenige Einzelbesucher gehen durch die Kirche, den Fotoapparat gezückt. Die Führungen haben gerade Pause.

Musik gehört einfach dazu

Während der Einführung in Meditation des Nachmittags klingt vom Evangelischen Seminar ein „Lalalalalalalala“ herüber. Die Kantorei probt, „denn morgen ist Kantatengottesdienst“, sagt Pfarrer Egerer. Und: „Sie erleben heute das Kloster so, wie es ist: lebendig. Musik gehört einfach dazu.“

Die nächste Übung beginnt. Wieder der Wechsel zwischen gehen, stehen, Handbewegungen, sitzen. Ernst-Dietrich Egerer liest einen zweiten Text von Dorothee Sölle. Stille. Vom Kreuzgang ist der Taizé-Gesang „Ubi Caritas“ zu hören. So schön. Die Schale erklingt und zeigt das Ende der Übung an. Im Anschluss sollen sich die Teilnehmer im Kloster verteilen, sich Gedanken machen über Alltagserfahrungen, in denen ihnen die Schönheit der Dinge bewusst wurde.

Schweigen, beobachten. Nachdenken. Es ist schwer, sich zu lösen. Aber es ist Zeit.

„Der Alltag ist meine Übung“: Mit der Einheit von eben, sagt Pfarrer Egerer, sollen die Teilnehmer ihre Augen dafür öffnen, wo sie in ihrem Alltag zur Ruhe kommen können. Zum Abschluss macht sich die Gruppe auf zum Abendgebet, der Vesper. Es ist die Nummer 781 im evangelischen Gesangbuch, der die Liturgie in der Klosterkirche folgt. Ganz zur Ruhe gekommen, macht sich die Gruppe auf den Weg zurück in den Alltag. 

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