Christliche Themen für jede Altersgruppe

Über den Tod hinaus Gutes tun

Tübingen – Medizinstudenten lernen im Wintersemester die Anatomie des Menschen an echten Leichen kennen. Für die Angehörigen ist es nicht einfach, ihre Verstorbenen an der Universität zu wissen, denn eine Beerdigung gibt es nicht. Dafür gestalten die Studenten eine Aussegnungsfeier. Bis die Angehörigen eingeladen werden, können allerdings zwei Jahre vergehen. Das verlängert die Trauerphase.  


Jede Kerze steht für ein Menschenleben. (Foto: Kruwt/fotolia)


Die Tübinger Stiftskirche ist voll besetzt. Viele der Besucher tragen schwarze Kleidung, doch zwischen den dunklen Mänteln blitzt auch der eine oder andere rote hervor an diesem eisig kalten Morgen. Rund 700 Menschen sind zur Aussegnungsfeier für Körperspender gekommen: Angehörige und Freunde der Verstorbenen, Eltern und Geschwister der Medizin-Studenten, die in diesem Wintersemester am Präparierkurs teilgenommen haben. In diesem Kurs haben sie Leichen aufgeschnitten, um den Aufbau des menschlichen Körpers in echt und nicht nur am Modell zu sehen. Heute werden die Menschen ausgesegnet, die ihren Körper nach ihrem Tod der Universität für den Präparierkurs gespendet haben.

Zu Beginn spielt ein Streichensemble ein Stück von Edward Elgar. Nach einer kurzen und freundlichen Begrüßung singt der Studentenchor das Lied „Ins Wasser fällt ein Stein“ mit Streicherbegleitung – und die Versammelten singen mit.

Nachdem das Lied verklungen ist, tritt ein Student nach vorne und sagt: „So ist das Wesentliche einer Kerze nicht das Wachs, das seine Spuren hinterlässt, sondern das Licht.“ Mit diesem Zitat aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupery leitet er die Rede ein, die er zum Dank an die Angehörigen und stellvertretend für seine Kommilitonen hält. Das Licht der Verstorbenen habe für die Studenten und für die Angehörigen eine ganz unterschiedliche, aber besondere Bedeutung: Für die Angehörigen leuchte das Licht der Erinnerung, zum Gedenken an die Momente und das Leben mit dem Verstorbenen. An seine Gesten, an seine Sprache, an seine Eigenheiten.

„Für uns Studenten ist dieses Licht das Wissen über den menschlichen Körper. Ihn in seiner Komplexität zu begreifen.“ Im Kurs hätten sich die Studenten ganz intensiv mit der Anatomie des menschlichen Körpers auseinander gesetzt: „Wir konnten eine unglaubliche Masse an Wissen ausloten.“ Aber nicht nur das. „Der Kurs bedeutet auch, seine eigenen Grenzen auszuloten und über sich hinauszuwachsen. Für die meisten von uns war es die erste Erfahrung mit dem Tod.“ Das sei für sie als künftige Ärzte eine sehr wichtige Erfahrung. Diese habe viele Studenten auch innerlich reifen lassen. „Danke, dass wir dieses Privileg erfahren durften. Das Licht erlischt nicht, sondern begleitet uns in unserem zukünftigen Berufsleben.“

In der Zwischenzeit sind im hinteren Teil der Stiftskirche etwa 60 Studenten aufgestanden und zu zwei Tischen gegangen, die rechts und links von ihren Plätzen stehen. Darauf finden sich Gläser mit grauen Dekosteinen und je einer weißen Schwimmkerze. Während das Streichensemble „Air“ aus der dritten Suite für Orchester D-Dur, 2. Satz (BWV 1068) von Johann Sebastian Bach spielt, werden die Kerzen angezündet. Nun wird der Name eines Körperspenders genannt, danach schreitet einer der Studenten mit einer der angezündeten Kerzen im Glas nach vorn und stellt sie auf einem Tisch seitlich des Altars ab.

Es ist eine lange Liste mit Namen, die langsam, einer nach dem anderen, verlesen wird, es sind viele Kerzen, die nach vorn getragen werden. Der Toten zu gedenken, braucht Zeit. Und deshalb beginnt das Streicherensemble das Bach-Stück in aller Ruhe und Würde immer wieder von vorn.

Manche der Angehörigen stehen auf, sobald der Name „ihres“ Verstorbenen genannt wird und setzen sich danach wieder. Andere bleiben die gesamte Zeit über stehen. Wieder andere sind eher verunsichert und bleiben sitzen. Nachdem 55 Namen verklungen sind, trägt ein Student eine weitere Kerze nach vorn: Sie steht für die acht Menschen, die ihren Namen nicht öffentlich verlesen haben wollten. Damit findet die so genannte „Lichterprozession“, der Höhepunkt der Aussegnungsfeier, ihren Abschluss.

Während des Anatomiekurses waren die Verstorbenen anonym geblieben, damit die Studenten eine professionelle Distanz wahren konnten. Aber gerade weil die Verstorbenen im Kurs Nummern waren, sei es wichtig, ihnen nun ihre Namen wieder zurückzugeben. Und ihrer nicht nur als Forschungsobjekte zu gedenken, sondern als Menschen, die viele glückliche Stunden mit ihren Angehörigen verbracht haben, erklärt einer der Studenten. Viele der Besucher haben Tränen in den Augen, als sie diese Worte hören.

Der Chor greift das auf und singt „Tears in Heaven“ von Eric Clapton. Die Melodien schwingen sich nach oben, verfangen sich im Kreuzgewölbe – und Angehörige sowie Freunde haben das Gefühl, dass der Geist des lieben Verstorbenen sich endlich nach oben schwingt und frei ist.

Frei sind auch die Trauernden, jedenfalls ein Stück. Für sie hat eine lange Zeit des Zwischenstadiums ihr vorläufiges Ende gefunden. Während bei herkömmlichen Sterbefällen die Beerdigung ziemlich bald nach dem Eintritt des Todes stattfindet, müssen die Angehörigen von Körperspendern lange auf ein Abschiedsritual warten. Bis zu zwei Jahre sind da keine Ausnahme.

Wir können das nicht anders machen“, sagt Hans-Joachim Wagner vom Anatomischen Institut an der Universität Tübingen. Allein das Gesetz schreibe vor, dass die Körper für die Anatomiekurse mindestens sechs Monate lang in Formalin, einem Konservierungsmittel, liegen müssen. Zudem würden nicht alle Leichen im Wintersemester beim Anatomiekurs zum Einsatz kommen; vielmehr gebe es auch Leichen, die für die Prüfungen im Sommer vorgesehen sind.

Wie schwer das für Angehörige ist, hört man am Seufzer einer Trauernden: „Oh, Vater, was hast Du uns da angetan!“ Die Tochter konnte sich in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht wirklich von ihrem Vater verabschieden, denn irgend etwas hatte ihr immer gefehlt. Jetzt ist sie damit einen großen Schritt weiter gekommen: Nach der Aussegnungsfeier wird die Leiche des Vaters verbrannt, die Asche in eine Urne gefüllt. Und die wird in den kommenden Wochen auf dem Friedhof beigesetzt. „Dann hat die lange Trauerzeit ein Ende“, meint die 50-Jährige.

Den Studierenden, den Dozenten, den Hochschulpfarrern und Klinikseelsorgern ist bewusst, dass Körperspender den Trauerprozess bei Angehörigen verlängern. Deshalb versuchen sie, den Hinterbliebenen den Abschied zu erleichtern, indem sie sie zu einer würdigen Aussegnungsfeier einladen.

In Tübingen, aber auch in Ulm gibt es solche Feiern schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs. „In den 1980er Jahren war ich in Marburg tätig, damals gab es dort solche Feiern noch nicht“, sagt Hans-Joachim Wagner. „Das macht es für die Angehörigen noch schlimmer.“

Auch wenn sich für die Angehörigen die Trauerphase verlängert, verzichten möchte Wagner auf Körperspenden nicht: „Man kann sich das Wissen über den menschlichen Körper auch an Modellen aneignen oder über Computerprogramme. Aber der Respekt vor dem Leben und vor Toten entwickelt sich nicht, wenn man sich nur ein Modell am Computer ansieht“, sagt Wagner.

Die Aussegnungsfeiern in Ulm heißen Anatomie-Gottesdienste. Hier gibt es eine Predigt von einem Pfarrer und Dankesworte der Studenten. In diesem Jahr auch mit Worten aus dem Islam. Auch in Ulm wird für jeden Körperspender eine Kerze angezündet. In Tübingen will man bewusst keinen Gottesdienst feiern, um auch Menschen anderen Glaubens in die Feier mit einzubeziehen, erklärt Hochschulpfarrer Michael Seibt. Deshalb werden die Feiern in Tübingen Aussegnungsfeiern genannt. Im Anschluss werden die Angehörigen zu Hefezopf und Kaffee eingeladen. Das ist vielen Angehörigen oft ein weiterer Trost, sagt Seibt. Diese seien immer sehr bewegt von der Feier und es gebe viele dankbare Reaktionen.


Information

Der nächste Aussegnungsfeier für Körperspender in Tübingen findet am 20. Februar 2014, 11 Uhr, in der Stiftskirche Tübingen statt. In Ulm ist der Anatomiegottesdienst am 12. Februar, 14 Uhr, im Ulmer Münster.


Informationen für Körperspender im Internet

Universität Tübingen oder Universität Ulm

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