Christliche Themen für jede Altersgruppe

Verändern wir 2017 die Welt?

Tübingen – Auf seiner Reise nach Wittenberg hat der Truck des Europäischen Stationenwegs Halt in Tübingen gemacht. Das über 16 Meter lange Gefährt hatte auch eine Reihe von Veranstaltungen im ­Gepäck, die Tübinger Geschichten zur Reformation erzählen.

Der Reformationsbus eröffnet digitale Welten. (Foto: Carolin Albers)

Es gibt sicher akademischere Einführungen in das Thema Reformation als diese: Da blickt ein junger Kerl von einem Monitor und zeigt auf ein Jux-Schild : „Hier kotzte Goethe.“ Der Film zeigt einen gelben Turm: „Und hier starb Hölderlin.“ Der junge Mann fährt fort: „Und Luther war nie hier. Aber Luthers Beichtvater und Lehrer Johann von Staupitz hat hier gelebt.“ Willkommen in Tübingen!

Nein, Luther war nie hier. Aber die Stadt hat für die evangelische Konfession eine große Rolle gespielt, war sie doch mit ihrem Stift jahrhundertelang Kaderschmiede des württembergischen Protestantismus. Und sie ist heute noch durch ihre evangelisch-theologische Fakultät eine erste Adresse auf der religiösen Landkarte. Tübingen – eine Station der Reformation und deshalb Teil eines ungewöhnlichen Europäischen Stationenwegs.

Den pilgert ein ganz spezielles Gefährt ab, das an einem kalten Dezember-Wochenende in Tübingen steht. Ein riesiger hellblauer Truck, dessen Lastteil ein Ausstellungs-Container ist. Vor dem Truck balanciert ein Plastik-Seelöwe eine Weltkugel, Aufkleber und Ständer fragen: „Verändern wir die Welt oder verändert die Welt uns?“ Cranachs Lutherbild klebt an der Fahrerkabine, darunter der Schriftzug „Reformation 2017“.  Und aus dem Ladeteil ragt ein gläserner Vorbau samt Treppe heraus.

Das ist der Reformationsbus, ein Projekt des Vereins Reformationsjubiläum 2017, der all die Aktivitäten und Feiern zum Reformationsjubiläum organisiert und koordiniert. Start all dieser Aktionen ist der Reformationsbus, der sieben Monate lang über 68 Stationen in 19 Länder Europas reist. Gestartet ist er in Genf, er wird bis nach Irland, Finnland oder Lettland fahren, bis er am 20. Mai in Wittenberg ankommt.

Und er wird ganz viel mitbringen. Nicht irgendwelche Texttafeln oder Exponate, die man vielleicht in so einem rollenden Botschafter der Reformation erwartet. Nein, im Bus dominieren fünf große Flachbildschirme die Längswand. Zwei Bibeln auf einem Seitentisch, einige Prospekte – viel mehr an Gedrucktem enthält der Bus nicht. Stattdessen stellt auf dem Mittelbildschirm ein junger Mann Tübingen vor, und seine Bezüge zur Reformation. Und wenn der Besucher an ein Steuerpult geht, kann er auf einem weiteren Bildschirm sich viellleicht sogar selber sehen: auf einem Foto, dass wenige Minuten vorher gemacht wurde und den aktuellen Besuch im Bus zeigt.

Also: Auch wenn der Anlass die Reformation 1517 ist, so spiegelt der Bus doch die digitale Welt des Jahres 2017 wider. Und das ist gar nicht so ein Gegensatz, findet Ulrich Schneider, einer der Geschäftsführer vom Verein „Reformationsjubiläum 2017“: „Vor 500 Jahren brauchte es die Einführung einer neuen Technik, der des Buchdrucks, um der Reformation zu helfen. Jetzt, 500 Jahre später, haben wir mit der Digitalisierung wieder so eine neue Technik.“ Die einem neuen Ansatz helfen soll: „Reformation ist nicht nur ein historisches Ereigniss wie vor 500 Jahren, Reformation ist auch heute. Und Reformation ist ein europäisches Ereignis.“

Um das in all seiner Fülle zu dokumentieren, setzt der Reformationsbus ganz auf die neuen Medien. So sind zu jeder Station schon Filme produziert, mit den unterschiedlichsten Aspekten. So berichten in Graz ältere evangelische Christen, wie das Leben in einer katholisch dominierten Welt war, in Osnabrück berichten evangelische Christen von ihrem Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, einer erzählt beispielsweise von seiner Menschenrechtsarbeit während der Pinochet-Diktatur, und Bretten stellt das Melanchthon-Haus vor. Geschichte und Geschichten. Und von Station zu Station werden es mehr.

In jeder Station hat der Bus Kooperationspartner, die Filme vorbereiten und parallel Veranstaltungen machen. In Tübingen war es zum Beispiel das Stift, aber auch die Fakultät, die gleich mal ordentlich geklotzt hatten. Eine Podiumsdiskussion hatten sie organisiert mit Ministerpräsident Kretschmann und Landesbischof July. Und an gleich sieben Tübinger Reformationsorten Führungen oder szenische Lesungen veranstaltet.

Und wer nicht dabei war, hat Pech gehabt? Nach früherem Muster ja schon, aber der Bus hat eine sehr digital affine Besatzung: acht Freiwillige, die in Wittenberg zum Reformationsjubiläum ihren Bundesfreiwilligendienst machen und auch im Bus mitreisen. Sie filmen und fotografieren laufend diese Aktivitäten und stellen sie ins Netz. Von Station zu Station sammelt der Bus so mehr und mehr Geschichten. Eine ganze digitale Bibliothek kommt so zusammen, die man sich an den Steuerpulten aufrufen kann.

Vielleicht nicht der gewohnteste Zugang für manche, aber da steht dann beispielsweise Kevin Beier bereit. 20 Jahre alt, stammt aus Fulda und im roten Diensthoodie als Helfer kenntlich. „Ältere Leute sind manchmal schon etwas irritiert“, sagt er, „aber dann komme ich und helfe.“ Und dann würden die oft ganz interessiert durch die Filme klicken: „Durch uns ist das gar nicht so eine Barriere.“

Ein Besucherbuch hält die Reaktionen fest, und die sind oft begeistert. Eine Lieblingsseite von Kevin Beier ist in Genf gefüllt worden, mit lauter internationalen Botschaften von Indien bis China – kalligraphisch eine Augenweide. Leichter zu lesen die deutschen Kommentare: „Schade, dass ihr nicht länger bleiben konntet!“ Oder: „Endlich ist die moderne Technik auch in der evangelischen Kirche angekommen! Sehr tolle Initiative!“ Eine Schülergruppe fand den Bus auf ihre Weise gut: „Eine schöne Abwechslung zum Unterrichtsalltag!“ Und einer empfahl sie gleich einer besonderen Zielgruppe weiter: „Auch für Katholiken interessant.“ Tatsächlich hatte der Bus im katholisch dominierten Österreich solche Kontakte, und Kevin Beier hat sie bestens in Erinnerung: „Man kann sich nach der Gegenreformation wieder in die Augen gucken. Dort herrscht eine gute Ökumene.“

Der Bus rührt auch an tiefere Probleme und auch mancher Besucher hat diese. Damit die jungen Freiwilligen dann nicht überfordert werden, steht immer noch ein religiöser Experte bereit.
Wer den Bus verpasst hat, kann im Netz zusteigen, unter: www.r2017.org/europaeischer-stationenweg (und dort den etwas versteckten Blog anklicken). Und wer trotzdem Papier liebt: Eine gedruckte Dokumentation soll auch noch erscheinen.

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 34/2017

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Soll man an Weihnachten aufs Schenken verzichten?
Ja.
Nein
Ich bin unentschieden.