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Auf welchem Fundament entfaltet die EKD – die Evangelische Kirche in Deutschland – ihren Familienbegriff? Seit der umstrittenen Orientierungshilfe zum Thema „verlässliche Familie“ rätseln Christen in Württemberg über diese Frage. Eine Tagung in Bad Boll brachte Licht ins Dunkel. Sie zeigt aber auch, dass der Graben zwischen EKD und Kirchenvolk größer ist als gedacht. 


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Ist alles nur ein großes Missverständnis? Fast hat man den Eindruck, wenn man den ehemaligen bayerischen Landesbischof Johannes Friedrich, der bis vor kurzem im Rat der EKD saß, hört. Nein, ein theologisches Papier zum Thema Ehe und Familie sei nicht geplant gewesen, beteuert er bei der Konsultation in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Sozialpolitische Fragen und Forderungen an die Politik seien im Vordergrund gestanden. Ziel sei gewesen, den Aspekt der Verlässlichkeit herauszuarbeiten und für politische Akteure durchzubuchstabieren: Was bedeutet die Berufstätigkeit der Frau? Welche Bedeutung hat häusliche Pflege? Wie verwirklicht man Gerechtigkeit? Dennoch räumt Friedrich ein:  „Ich würde das Papier heute nicht mehr Orientierungshilfe nennen.“ Und das theologische Kapitel gehöre eigentlich gar nicht in so eine Schrift hinein.

Also alles einen Gang zurück? Aufregung umsonst? Landesbischof Frank Otfried July hakt nach: „Warum ändert dann die EKD in dem angeblich nicht so wichtigen theologischen Kapitel ihre Positionen zu Ehe und Familie?“, fragt er. Schließlich werde in den 16 Seiten Theologie ein breiter Familienbegriff  definiert. „Wir können aber die grundlegende Bedeutung der Ehe nicht leugnen“, sagt er und wundert sich dabei auch über die Entwicklung der Kritik an der Kritik: Zuerst hieß es, die Kritiker hätten das Papier nicht gelesen, erinnert sich July. Dann hieß es, sie hätten das Papier nicht verstanden oder die Kritik würde von „angstbesetzten alten Männern“ geäußert und sei ideologisch geprägt. Dann sei die Phase gekommen, in der die EKD einzelne Positionen revidiert habe, um schließlich einzuräumen, dass das Papier überbewertet und nur sozialpolitisch zu lesen sei. Wieso hat die Schrift dann solche Wellen ausgelöst? Steckt hinter dem geschriebenen und gesprochenen Wort vielleicht auch eine Haltung, die zum Widerspruch reizt?

Mit welcher Haltung die EKD an die Orientierungshilfe herangegangen ist, erläutert Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, Referentin für sozial- und gesellschaftspolitische Fragen der EKD. Ihr Ausgangspunkt: Reproduktionskrise und demographischer Wandel. Zu Deutsch: Wir haben zu wenig Kinder und zu viele alte Menschen.

Was heißt das für die Familie? „Die Politik geht von einem westdeutschen Familienbild aus“, stellt Cornelia Coenen-Marx fest. Im vereinten Deutschland seien die Leitbilder aber von Anfang an strittig gewesen. Aufgrund der Erfahrung in totalitären Systemen hätten die Deutschen zudem darauf geachtet, dass die Familie vor dem Zugriff des Staates geschützt werde. Dennoch sei das Ziel eine höhere Erwerbstätigkeit der Frau und eine Steigerung der Geburtenrate. Ein Ziel, das der DDR als „eine große Errungenschaft“ angerechnet werden könne, wie Coenen-Marx referiert.

Das Modell Bundesrepublik verortet sie familienpolitisch in der Mitte. Das „staatlich-lutherische Skandinavien“ sowie das „laizistisch-zentralistische Frankreich“ wiesen im Vergleich eine hohe Frauenerwerbsquote, staatliche Fürsorge und Ganztagsschulen auf. Das katholisch geprägte Spanien und Italien setzten auf der anderen Seite auf Privatisierung und Fürsorgeleistungen, verzeichneten aber dennoch niedrige Geburtenraten.

Die Vielfalt der Familienformen, die Ansprüche an Fürsorge und Pflege und der Wunsch nach Individualität hätten eine Konsequenz: alle fürsorglichen Beziehungen zu stärken – ohne Rücksicht auf die Form dieser Beziehungen. Aus der Schöpfungserzählung leitet Coenen-Marx dabei ab, dass der Mensch auf andere angewiesen ist. „Strittig scheint mir bis heute, wie wichtig dabei die Vorstellung eines  Leitbildes der Ehe als des traditionellen Modells für uns als Kirche ist“, sagt sie und fügt noch eine andere Schlussfolgerung an: Da die Kirche auf die Familien angewiesen sei, müsse gefragt werden, welche Kirche diese Familien brauchen.

Dass jetzt so heftig über die Schrift diskutiert werde, sei eine Chance, die Kluft zwischen EKD und kirchlicher Wirklichkeit zu überbrücken, findet Coenen-Marx und stellt dabei regionale Unterschiede fest: Wenig Kritik kam aus Ostdeutschland, dem Rheinland und Hessen-Nassau. Heftige Vorwürfe gab es aus Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen.

Wie die Kritik aus Württemberg aussieht, macht Richard Mössinger von der Vereinigung „Evangelium und Kirche“ deutlich: „Aus der Sicht des Kindes ist es einfach besser, wenn Vater und Mutter für das Kind da sind“, sagt er. Alleinerziehende hätten es einfach schwerer. Steffen Kern von der „Lebendigen Gemeinde“ fordert eine deutlichere Gewichtung ein. Orientierung zu geben bedeute nicht, andere abzuwerten. Er warnt davor, Familie nur als eine Beziehung zu definieren, in der Fürsorge und Verantwortung übernommen würden. „Auch wo dies nicht geschieht, ist Familie.“

Friedemann Stöffler von „Kirche für morgen“ warnt davor, aus der Beschreibung der Wirklichkeit zu sehr die Norm ableiten zu wollen, plädiert aber auch für einen erweiterten Familienbegriff. „Überall, wo Kinder aufwachsen und Generationen zusammenleben, ist Familie.“ Ulrike Stepper von der „Offenen Kirche“ findet, dass das Familienpapier Menschen einlade, die sich schon von der Kirche verabschiedet hätten, und beklagt ein „altes Ehe-Bild“ bei den Kritikern.

Mit welcher Haltung und mit welchem Ziel ist das Papier also nun geschrieben worden? Antwort: Es geht um Beziehungen, in denen verlässlich Fürsorge und Verantwortung wahrgenommen werden. Politisch sollen diese Beziehungen gefördert werden, so dass Berufstätigkeit der Frau und Kinder sich nicht ausschließen. Dem Staat wird dabei mehr Kompetenz zugetraut, ähnlich wie dies in den skandinavischen Ländern der Fall ist. Und schließlich die theologische Komponente: Die Kirche soll sich diesen Erfordernissen anpassen.

Der Theologie-Professor Klaus Tanner, der auch Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission der Bundesregierung für Stammzellforschung ist, will  die Biologie nicht vergessen: Für ihn liegt der Text auf der Ebene der Gender-Politik, in der die Geschlechtlichkeit keine Rolle mehr spielt, sondern nur soziale Prägungen angenommen werden. „Aber aus einer Eizelle und einer Eizelle wird kein Mensch – Gender hin oder her“, sagt er. Und diese biologischen Fakten müssen in ethische Normen einfließen. Er sieht in dem Papier den Versuch, Verschiedenheit als Ungleichheit zu definieren und Ungleichheit als Ungerechtigkeit. Man müsse aber über Vorzugswürdigkeiten reden dürfen. Die Ehe berühre das Zentrum der Person und bedürfe daher des besonderen Schutzes.

Der emeritierte Theologie-Professor Wilfried Härle widersprach dem Eindruck, dass das Evangelium durch „Freiheit, Gleichheit, Familiengerechtigkeit“ ausgedrückt werde. Die Bibel sei das Zeugnis von der Selbstoffenbarung Gottes. Die Orientierungshilfe irre daher, wenn die Auslegung der Kirche an die Stelle des biblischen Textes trete. Härle plädiert dafür, Lebensformen zu gewichten. Wer keine Lebensform auszeichne, könne auch keine abwehren, wie Polygamie.

Die Deutungshoheit über die Familie will Landesbischof July jedenfalls nicht abgeben – auch nicht an die Ökonomen, die den Menschen verzwecken: „Ich möchte nicht, dass die deutsche Wirtschaft die Melodie in dieser Debatte vorgibt.“



Info

In der Orientierungshilfe mit dem Titel „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ wird eine Anerkennung aller Familienformen gefordert. Darunter auch homosexuelle Beziehungen oder Patchworkfamilien.

Die Broschüre kann beim Gemeindeblatt bestellt werden. Preis: 5,99 Euro. Telefon 0711-60100-28.

Mehr zur Bad Boller Tagung unter www.ev-akademie-boll.de

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