Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wenn Kulturen aufeinanderprallen

Mit über zwei Dutzend Kirchen im Ausland unterhält die württembergische Landeskirche Beziehungen. Zur ersten Partnerschaftskonsultation kamen jetzt Vertreter aus 25 Kirchen in Stuttgart zusammen und berichteten von ihren Erfahrungen und Problemen. 

Für Bischof Zakharias Widodo ist die Bewahrung der Schöpfung ein Herzensanliegen.


Zakharias Widodo hat von Indonesien nach Deutschland eine Wasserflasche mitgebracht. Sie ist aus recyceltem Plastik und steht für das Umwelt-Engagement der evangelischen Kirchen in Indonesien. Der Theologe weiß: Umweltschutz ist in Ländern Asiens und Afrikas ein wenig beachtetes Thema. Aber die vier Millionen Protestanten in Indonesien wollten ein Zeichen setzen und ließen eine Plastikflasche produzieren, die immer wieder benutzt werden kann.

Der Plastikmüll ist nur eines von vielen Umweltproblemen Indonesiens. Die großen Waldbrände sind ein anderes. Bischof Zakharias Widodo, Vizepräsident aller protestantischen Kirchen in Indonesien, berichtet außerdem von illegalen Abholzungen und illegalen Gold- und Kupferminen. Und klagt die Monokultur der Ölpalme an, aus der Palmöl gewonnen wird.

Die Bewahrung der Schöpfung ist für Christen in Europa seit Jahrzehnten ein Dauerthema. Aber die Kirchen gehen noch weiter. In Württemberg etwa können sich umweltfreundliche Kirchengemeinden mit dem Grünen Gockel zertifizieren lassen.

Umweltschutz war in osteuropäischen Ländern bis Anfang der 90er-Jahre kein Thema. Erst mit dem Mauerfall gewann es an Bedeutung, sagt Daniela Ženatá, Chefredakteurin der Kirchenzeitung der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (Prag).

Tatsächlich wird das Thema „Schöpfung“ ganz unterschiedlich diskutiert. Kirchenrat Klaus Rieth hat von anderen Kirchen etwa die Frage gehört: „Sind Bäume nicht genauso heilig wie ungeborene Kinder? Weil beide zu Gottes Schöpfung gehören.“ Rieth ist im Stuttgarter Oberkirchenrat für Mission, Ökumene und Entwicklung zuständig und für die Kontakte zu Kirchen in aller Welt. Er hat die Konsultation organisiert. Die Kirchen können voneinander profitieren, davon ist er überzeugt. Er selbst habe von anderen gelernt, dass man auch in größter Bedrängnis fröhlich seinen Glauben leben kann.

Ein Beispiel dafür ist Nigeria. Dort ist jeder Gottesdienst mit der Angst vor einem Attentat verbunden. „Terrorismus ist bei uns ein großes Problem“, sagt Manasseh Katsa, Vorsitzender des YMCA in Nord-Nigeria. Über Boko Haram redet er lieber nicht. Die islamistische Terrorgruppe ist gegen alles Westliche. Dazu gehören auch Schulen. Boko Haram hatte vor zwei Jahren aus einem Internat 200 Mädchen entführt. Was ihnen geschah, ist nicht bekannt.

Vom lebendigen Glaubensleben in Nigeria berichtet Manasseh Katsa dagegen gern. Im YMCA seien alle Konfessionen vertreten. Das mache es leichter, andere Gottesdienste zu feiern. Gottesdienste, in denen sich Lutheraner, Presbyterianer und auch Katholiken begegnen. „Ein Liederbuch brauchen wir dafür nicht“, sagte Manasseh Katsa und zeigt auf die eigens für die Partnerschaftskonsultation erstellte Broschüre mit Liedern und Gebeten. „Wir tanzen, klatschen und sind fröhlich“, beschreibt er seine Gottesdienste. Seit 50 Jahren verbindet den YMCA mit dem Evangelischen Jugendwerk in Württemberg eine Partnerschaft.

Terror gibt es auch in Europa, doch längst ist er nicht so präsent wie in Afrika. Europäer plagt eher die Säkularisierung. Das Christentum ist nicht mehr interessant. In Frankreich gibt es seit mehr als einem Jahrhundert einen staatlich vorgeschriebenen Laizismus – also eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat. Andreas Seyboldt, Pfarrer in Besançon, sagt: „In Frankreich ist es unvorstellbar, dass eine Bundeskanzlerin beim Evangelischen Kirchentag eine Bibelarbeit macht.“

Manchmal prallen Kulturen mitten in Europa aufeinander. In Vicenza in Italien ist das der Fall. William Jourdan ist Waldenserpfarrer, doch 60 Prozent seiner Gemeindemitglieder sind keine Italiener, sondern Ghanaer. Sie haben ganz andere Vorstellungen vom Gottesdienst. Bei ihnen sind Trommeln und Tanzen selbstverständlich, die italienischen Waldenser mögen es lieber traditionell. William Jourdan bewegt sich also immer zwischen den Kulturen.

Alle Kirchen bewegt derzeit das Thema „Homosexualität“. Für Afrikaner ist das Thema tabu, andere lehnen Homosexualität offen ab, Europäer sind in der Tendenz dagegen liberaler. In waldensischen Gemeinden ist die Segnung zwar erlaubt, doch jede Gemeinde muss das noch einmal für sich entscheiden. William Jourdan braucht darüber nicht abstimmen zu lassen, denn seine Ghanaer würden das sicher nicht zulassen.

In Stuttgart wurden deshalb Afrikaner gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, sich anderen Kulturen zu öffnen? Natürlich, sagen sie selbstbewusst. Dasselbe gelte aber auch für Europäer. Sie wiederum sollten Polygamie erlauben, die für Afrikaner selbstverständlich sei. Eine evangelische Kirche schließt keinen Mann aus seiner Gemeinde aus, nur weil er zwei Frauen hat. Nur Bischof kann er dann nicht werden.

Auch deshalb sind Partnerschaften und ein intensiver Austausch wichtig, weil „uns Partnerschaften herausfordern, uns auf andere Kulturen und Kontexte einzustellen“, sagt Stefan Cosoroaba. Er ist in der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien für die ausländische Diapora zuständig. Auch wenn es auf manche Frage keine schnelle Antwort gibt, sieht der Theologe den Austausch positiv. „Wenn man Partnerschaften hat, dann verknöchert man nicht.“


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