Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Wir säen und wir ernten“

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, die Volkskirche ist in der Krise. Schwierige Zeiten für eine Kirchenleitung. Der Finanzchef hat eine zentrale Rolle. Er muss für die Zukunft vorsorgen. Aber Martin Kastrup kommt aus der Fortwirtschaft. Er sprach mit Alexander Schweda über Nachhaltigkeit in der Kirche.

Der Wald und die naturnahe Forstwirtschaft: ein Vorbild für menschliches Haushalten auch in der Kirche? (Foto: epd-bild)


Herr Kastrup, Sie haben Forstwirtschaft studiert. Einen Begriff haben Sie sicher mitgenommen: Nachhaltigkeit.

Martin Kastrup: Ja, den Begriff der Nachhaltigkeit habe ich tatsächlich mitgenommen. Als ich das Amt des Finanzdezernenten übernommen habe, bin ich auch mit dem Ziel angetreten, Nachhaltigkeit in der Kirche zu verwirklichen. Die Schwierigkeit liegt dabei aber manchmal darin, dass jeder etwas anderes unter Nachhaltigkeit versteht und der Begriff inzwischen auch missbraucht wird und abgenutzt ist. Ich orientiere mich daher an der ursprünglichen Bedeutung: Die langfristige  Pespektive des ökonomischen Handelns. Diese Sichtweise versuche ich auch in der Kirche zu verwirklichen.

Was heißt das genau?
Martin Kastrup: Das heißt, wenn man sich gerade in einer ökonomischen Aufschwungphase befindet, in der hohe Kirchensteuerbeträge eingehen, muss man auch an die Zukunft denken. Das Geld zwischen der jetzigen Generation und den heutigen Ansprüchen sowie dem zukünftigen Bedarf gut aufzuteilen, das ist bis heute einer meiner Schwerpunkte. Vor allem bezüglich der Altersversorgung existierten teilweise große Löcher.

War es nicht selbstverständlich, die Altersvorsorge im Blick zu haben?
Martin Kastrup: Leider nein. Denn die Kirche hat sich als eine öffentliche Körperschaft wie der Staat verstanden, und das bedeutet: Generationenvertrag. Die Jungen zahlen im Umlageverfahren für die Alten mit. Das ist möglich, solange das Verhältnis von Einzahlenden zu Empfängern stabil bleibt. Wenn aber eine Tendenz besteht, dass der Nachwuchs zurückgeht und Sie eine schrumpfende Organisation sind, dann ist es nicht möglich, dass kommende Generationen die Versorgungslasten vorangegangener Generationen schultern. Dann müssen Sie mit dem frühzeitigen Aufbau einer kapitalgedeckten Vorsorge beginnen, damit  zukünftigen Verantwortlichen nicht alle Handlungsspielräume aufgrund hoher Pensionslasten genommen werden.

Nachhaltigkeit heißt ja in der Forstwirtschaft: Ich gehe mit meinen Bäumen so um, dass die nachfolgenden Generationen ebenfalls Bäume haben. Das gilt auch für die immateriellen Werte, oder?
Martin Kastrup: In der Tat. Nachhaltigkeit gilt natürlich für die Kirche als Ganzes, nicht nur bei den Finanzen. Wir müssen heute säen, was wir künftig ernten und zur Verfügung haben wollen. Das bedeutet auch, sich um Nachwuchsarbeit an allen möglichen Stellen zu kümmern. Die Schwierigkeit im Vergleich zum Forst ist aber: Der Wald erneuert sich von selbst. Sie ernten nachhaltig und er wächst wieder nach. Das geht über Jahrhunderte. Wenn Sie über Kirche sprechen, die in einem sozialen Kontext agiert, müssen Sie beachten, dass der soziale Kontext sich laufend stark verändert.

Sie müssen sich daher als System Kirche mitentwickeln. Wenn Sie immer noch dieselben Baumarten mit derselben Technik wie vor 100 Jahren einpflanzen, kann es sein, dass die Umgebung, also Klima, Konkurrenz, Schädlinge etc., nicht mehr so ist, dass diese Bäumchen auch etwas werden. Wir müssen also aufmerksam genug sein, um die Entwicklungen zu erkennen und das Richtige zu tun.

In Ihrem Haushalt gibt es wahrscheinlich unverrückbare Posten wie Pfarrersgehälter und Gebäudeunterhalt. Dann gibt es zusätzliche Ereignisse, um die man nicht herumkommt wie Kirchentag oder Reformationsjubiläum, und dann gibt es die Posten, von denen man nicht weiß, ob es sich lohnt, hierfür Geld auszugeben, aber man etwas ausprobieren will. In welchem Verhältnis stehen diese drei Blöcke?

Martin Kastrup: Fragen Sie nach dem Ist-Zustand oder nach dem Wunsch-Zustand?

Nach dem Ist-Zustand.
Martin Kastrup: 95 Prozent sind weitgehend fixiert: In der Landeskirche liegen die Personalkosten um 80 Prozent. Dazu kommen andere Fixkosten: Erhalt des Immobilienbestandes, Zuschüsse an kirchliche Einrichtungen und verschiedene unvermeidliche Sachkosten.

Diese 95 Prozent können schwanken. In wirtschaftlich guten Zeiten ist mehr Luft, da sind es dann vielleicht 90 Prozent. Wenn die Kirchensteuereinnahmen sinken, dann kann es sein, dass über 98 Prozent durch Fixkosten belegt werden.

Die zusätzlichen Schwerpunkte sind eine aktive Entscheidung. Wofür will sich Kirche engagieren? Das Reformationsjubiläum ist eine große Chance, die Bedeutung der Reformation sichtbar zu machen. Das Thema Flüchtlinge ist uns vor die Tür gelegt worden. Auch da müssen und wollen wir uns engagieren. Für weitere neue Impulse bleibt dann schon wieder relativ wenig Spielraum. Folglich wird intensiv diskutiert, was das Wichtigste ist und was man forcieren soll. Oft kommt es infolge von Entscheidungen zur weiteren Erhöhung der Fixkosten, weil dauerhaft Stellen geschaffen oder Immobilien ausgebaut werden.

Was wäre der Wunsch-Zustand?
Martin Kastrup: Wir müssen uns ein Mindestmaß an Freiraum erhalten, der nicht vorbelegt ist. Ich habe in der Landeskirche vor elf Jahren das so genannte Nachhaltigkeitsniveau eingeführt. Wir versuchen die Ausgaben so zu limitieren, dass wir mit Erspartem aus guten Jahren Konjunkturabschwünge ausgleichen können. Das heißt, in guten Jahren wird eine Art Schwankungsrücklage geschaffen. Zum Zweiten stellen wir ein bestimmtes  Investitionsmittelvolumen unabhängig von der Konjunkturlage zur Verfügung, um jedes Jahr Handlungsfreiraum zu haben. Das waren zunächst zehn Millionen Euro. Jetzt ist es auf acht Millionen Euro reduziert worden. Es ist ein fixer Posten, der aber frei belegt werden kann. Dieser Handlungsfreiraum muss erhalten bleiben. Und damit sind wir ganz gut gefahren.

Da fällt mir das Gleichnis vom Sämann ein. Manchmal geht die Saat auf, manchmal fällt sie unter Dornen. Erleben Sie das auch so?
Martin Kastrup: Ich will es so formulieren: Die Landeskirche ist wie alle Kirchen von ihrem Auftrag her absenderorientiert: Wir verkündigen die Botschaft Gottes in Wort und Tat. Daher sind wir weniger adressaten- oder kundenorientiert und kaum erfolgsorientiert. Das heißt, wir sind in Gefahr, unsere Botschaft in einer Weise weiterzugeben, wie wir es seit langer Zeit gewohnt sind. Ich glaube aber, wenn man die Adressatenorientierung stärker auf der Agenda hätte, dann hätte man eine höhere Chance, als Sämann noch erfolgreicher zu sein. Vergleichen Sie das mit einem Fernsehsender, der sein Programm in gleicher Weise über Jahrzehnte für sein Kernpublikum sendet. Wenn Sie sich auf diese Gruppe fokussieren, ist es nicht unwahrscheinlich, dass dieses Publikum in 20 Jahren stark geschrumpft ist und viele andere Personen ganz neue Kanäle bevorzugen oder nur noch im Internet surfen. So müssen wir eben auch schauen, welche Kanäle wir bedienen.

Wo hat es Sie in den vergangenen Jahren am meisten gefreut, dafür Geld ausgegeben zu haben?
Martin Kastrup: Es gab einen Zeitpunkt, da wurden in den Kindergärten die Gruppen für unter Dreijährige eingeführt. Damals gab es in der katholischen Kirche, aber auch bei uns Überlegungen, ob wir das unterstützen sollen und was es für die Erziehung von Kindern und für die Familienstrukturen bedeutet. Man hat sich aber dennoch entschieden, schnell zu reagieren. Wir haben spontan 7,5 Millionen Euro bereitgestellt, um die evangelischen Kindergärten  entsprechend dieser Anforderung ausstatten zu können. Das fand ich eine gute Aktion.

Weil die Kirche bei diesem zweischneidigen Thema über ihren Schatten sprang, um einfach zu helfen?
Martin Kastrup: Genau, es war eine Reaktion auf die veränderten Rahmenbedingungen. Immer mehr Frauen möchten arbeiten, manche müssen es schlichtweg auch. Da kann man nicht nur an alten Familienbildern festhalten, wenn sich die Welt um einen herum ändert.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Potenzial der Landeskirche, aus dem sie lebt und lebendig bleibt?
Martin Kastrup: Ich glaube, Württemberg hat verschiedene große Potenziale. Insgesamt sind die Menschen hier noch kirchennäher als in anderen Regionen Deutschlands. Ein anderes großes Potenzial ist das Evangelische Jugendwerk. Eine starke Organisation, die es schafft, immer wieder neu Jugendliche anzuziehen und für die Kirche zu gewinnen. Wenn ich neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einstelle, stelle ich fest, dass ein erheblicher Prozentsatz aus dem Bereich der Jugendarbeit kommt.

Wofür würden Sie gerne mehr Geld ausgeben, um in Jahrzehnten die Ernte zu sehen?
Martin Kastrup: In zwei Bereichen: Das diakonische Engagement ist sehr wichtig, und das würde ich nicht nur auf Flüchtlinge beziehen. Es gibt noch mehr Gruppen in unserer Bevölkerung, die Unterstützung benötigen und die in der Gesellschaft durchrutschen: Langzeitarbeitslose, die nicht so leicht Unterstützung erhalten wie Kinder, hochverschuldete Menschen, einsame Menschen.

Was ich zweitens positiv fände, wäre, das Quartierthema stärker zu traktieren: Wie kann man die Kirchen, die früher einmal auch sozialer Mittelpunkt waren, wieder zum Quartierzentrum machen, das nicht nur für die Kerngemeinde attraktiv ist, sondern zu der auch andere Menschen gerne hinkommen?

Geld allein garantiert noch keinen Erfolg. Welcher Funke ist nötig, damit ein Projekt gut wird?
Martin Kastrup: Ich glaube tatsächlich, dass ein Funke überspringen muss. Man muss überzeugend sein, und ich glaube auch, dass man echtes Interesse am Gegenüber signalisieren muss. Das heißt nicht, dass Kirche beliebig sein soll und nur noch den „Adressaten“ hinterherläuft.

Aber es heißt, dass man in der Lage ist, auf Menschen verschiedener Milieus einzugehen, um Anknüpfungspunkte zu finden, damit die Botschaft nicht über die Köpfe hinweggeht. Ich will nicht sagen, dass das bei uns passiert, aber ich glaube, wir könnten uns noch weiter steigern, wenn es darum geht, Personengruppen anzusprechen, die sich bereits abgewendet haben oder gerade dabei sind, verloren zu gehen.

Wenn die Kirche ein Wald wäre, was würden Sie als erstes tun?

Martin Kastrup: In der Forstwirtschaft gibt es verschiedene Waldbau-Konzepte. Das eine ist der Kahlschlag. Alle Bäume werden gleichzeitig groß, dann hauen Sie alles runter und pflanzen neu. Die naturnahe Waldwirtschaft geht anders vor: Sie entnimmt Bäume selektiv, um Platz zu machen für Jungwuchs. Das heißt, Sie müssen gar nichts mehr pflanzen, sondern der Wald verjüngt sich natürlich.

Ich finde, das ist ein schönes Bild.  Wir sollten auch immer Platz machen für neue Ideen und neue Konzepte, dann verjüngt sich auch die Kirche in guter Weise. Allerdings gehört Klugheit dazu, die richtigen Bäume an der richtigen Stelle rauszunehmen. Und es gehört auch Klugheit dazu, Raum für  den Jungwuchs zu schaffen. Je verkrusteter Strukturen sind, desto größer ist der Druck, dass Sie irgendwann einen Kahlschlag machen müssen, um wieder Platz zu schaffen. Und das sollte nicht das Ziel sein. Es sollte eine organische Parallelentwicklung mit den neuen Rahmenbedingungen und den veränderten sozialen Umwelten  geben.

Klingt einfach.

Martin Kastrup: Aber man muss etwas dafür tun. Das kommt nicht von  selbst. Wenn man zu lange an alten Strukturen festhält, gibt es die Revolution und die scharfen Umbrüche. Mein Standardspruch lautet: Fehler werden in guten Zeiten gemacht. In Zeiten, in denen man sich nicht aus wirtschaftlichen Gründen bewegen muss, sollte man sich aus inhaltlichen Überlegungen verändern.


Zur Person
Seit 2004 ist Martin Kastrup (53)  Leiter des Dezernats 7 und für den Haushalt und die Finanzen der Landeskirche verantwortlich. Der promovierte Forstwissenschaftler wechselte vom Finanzministerium des Landes Baden-Württemberg in die Kirchenleitung. Der gebürtige Münchner studierte Forstwissenschaft in Freiburg und Oregon sowie Umwelt- und Ressourcenökonomie in Berkeley.






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