Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wohnzimmer mit Perspektive

DERENDINGEN (Dekanat Tübingen) – Seit Jahrzehnten kommen in Derendingen Gemeindemitglieder zusammen, um sich in Hauskreisen über ihren Glauben auszutauschen. So auch bei der Gruppe unter Leitung von Barbara und Martin Heun. Obwohl der Kern des Hauskreises aus Gründungsmitgliedern besteht, ist es eine offene Runde, die regelmäßig neue Besucher anlockt.  


Zu Beginn wird gemeinsam gesungen. (Foto: Klaus Franke)

Das heimelige Licht des Wohnzimmers dringt bis nach draußen. Wer bei Familie Heun klingelt, wird gleich ins Wohnzimmer geleitet. Dort ist alles schon bis ins Detail vorbereitet: Auf dem flauschigen grauen Teppich stehen Sofa, aneinandergereihte Stühle und ein mit kleinen Häppchen gedeckter Tisch. Kerzen und Blumen sorgen für eine gemütliche Atmosphäre, wer eintritt, fühlt sich willkommen.

Wolfram Wanneck ist einer der ersten an diesem Abend. Der 70-Jährige ist erst zum zweiten Mal in der Runde, fühlt sich jedoch sichtlich wohl und plaudert zur Begrüßung genauso unbefangen wie Sissi Junger, die zu den Gründungsmitgliedern des Hauskreises gehört. Oder Beate Rodemann, die ihre Gitarre dabei hat und für das Musikprogramm zuständig ist.

„Wir sind ein sehr offener Kreis“, sagt Martin Heun. Er erzählt, dass es zwar einen festen Stamm gebe, jedoch immer wieder neue Besucher jeder Altersklasse kommen – bis vor kurzem auch eine junge Studentin. „So jemand bringt immer ganz neue Lebensperspektiven in die Runde“, sagt Frauke Auer. Die 52-jährige Erzieherin gehört seit über 30 Jahren dazu. Der Hauskreis, sagt sie, sei für sie im Alltag inzwischen „etwas ganz Selbstverständliches“ geworden. „Es ist eine große Vertrautheit da, man hat viel zusammen erlebt und muss sich nicht verstellen.“ „Trotzdem“, betont auch sie, „haben wir unsere Offenheit bewahrt“.

Auch deshalb ist öfter ein Referent von außerhalb zu Gast, der zum Auftakt zu einem bestimmten Thema spricht. Der Hauskreis findet jeden Mittwoch statt, immer bei jemandem anderen. Vom Ablauf her ähneln sich die Abende: Nach der Begrüßung singen die Besucher gemeinsam, es gibt eine Gebetsrunde, wo jeder persönliche Anliegen vortragen kann. Im Mittelpunkt steht dann meist der Predigttext des kommenden Sonntags; die Diskussionen darüber enden schließlich in einer lockeren Gesprächsrunde.

An diesem Abend sind es sieben Besucher, die sich im Wohnzimmer von Ehepaar Heun versammelt haben. Die meisten haben ihre Schuhe ausgezogen und sitzen in dicken Wollsocken oder Hausschuhen im Kreis. Beim persönlichen Gebetsanliegen geht es um private Sorgen und Ängste, um Pflegefälle in der Familie, um Gespräche mit Ärzten oder Erfahrungen beim Besuch eines Jugendgottesdienstes. Manche formulieren ihre Wünsche und Gebete laut und mit geschlossenen Augen.

Ausnahmsweise gibt an diesem Abend ein Hauskreisbüchlein zur Bergpredigt den thematischen Rahmen vor. Martin Heun orientiert sich an einigen Impulsen, die in dem Heft als Leitfaden vorgegeben sind. Es geht um die „Feindesliebe“ bei Matthäus 5, und Martin Heun liest die Einstiegsfrage dazu vor: „Wer war in Ihrer Kindheit der größte Feind und warum?“

Minuten der nachdenklichen Stille folgen, ehe sich Bilder dazu langsam herauskristallisieren. Wolfram Wanneck erinnert sich an das Gebaren einer „laut keifenden“ Nachbarin, der er als Kind begegnet ist, Dietrich Welz berichtet, wie er als Jugendlicher einmal auf verletzende Art und Weise ignoriert wurde und Frauke Auer fallen zu dem Begriff „feindliche Attacken“ die verbalen und körperlichen Auseinandersetzungen mit ihrer Schwester ein.

Den starken Begriff des „Feindes“ empfinden viele als schwierig. Doch bald entspannt sich eine rege Diskussion darum, wie ein fairer, respektvoller Umgang trotz persönlicher Abneigung miteinander möglich ist. Barbara Heun gesteht, sie sei bereits dankbar, „wenn ich es schaffe, in so einem Fall halbwegs neutral zu sein“. Frauke Auer mahnt, man müsse aufpassen, „dass der Umgang miteinander nichts Heuchlerisches bekommt“. Und gemeinsam kommt die Runde zur Schlussfolgerung, „dass es manchmal hilft, die Perspektive zu wechseln“. Dem schließt sich am Ende die Hausaufgabe für das nächste Mal an: Einem Mitmenschen im Alltag einmal anders zu begegnen als sonst.

Was sich bei der Auseinandersetzung mit dem Bibeltext andeutet, bestätigt Frauke Auer hinterher: Auch inhaltlich lässt sich der Hauskreis der Familie Heun in Derendingen nicht auf eine Richtung festlegen. „Derendingen ist zwar eher pietistisch orientiert. Aber bei uns stoßen ganz unterschiedliche Haltungen und sehr konträre Meinungen aufeinander.“ Das mache den Reiz solch eines Hauskreises aus.

Dazu gehört auch die Wohnzimmer-atmosphäre, bei der die persönliche Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten im Mittelpunkt steht, sagt Dietrich Welz: „Der lockere Rahmen gefällt mir gut.“ Anders als beim Gottesdienst, „wo der Pfarrer predigt und man hört zu“, müsse man sich hier bei manchen Themen „richtig durchbeißen“.¦

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