Christliche Themen für jede Altersgruppe

40 Jahre Zeit zum Bauen

MESSKIRCH – „Campus Galli“ liest man an der Landstraße bei Meßkirch und denkt an Asterix. Richtig wäre, an den Klosterplan von St. Gallen zu denken. Denn in der karolingischen Klosterstadt bei Meßkirch wird jetzt eine Kirche nach Vorlagen aus dem 9. Jahrhundert gebaut.


So viel 9. Jahrhundert wie möglich soll auf dem Campus zu sehen sein. (Foto: Angela Körner-Ambruster)

Die Darstellung dieses Klosterbezirks  ist zu Beginn des 9. Jahrhunderts auf der Insel Reichenau entstanden. Gebaut wurde die in Fachkreisen als perfekt eingeschätzte Anlage aber nie – doch das soll sich nun ändern. Fünfzig Gebäude gruppieren sich auf dem Originalplan um die Klosterkirche. 100 Mönche und 200 Arbeiter sollen ein Plätzchen finden und Raum für Gärten und Felder darf auch nicht fehlen. Campus Galli. Die einen nennen es ein gigantisches Tourismusprojekt – die anderen ein wissenschaftliches Event. Und dann gibt es jene, die von Träumen und neuen Chancen erzählen. Die vom Geld sprechen, haben ernste Gesichter. Die mit den Träumen strahlen. Die mit den Geldsorgen haben nie Zeit, die mit den lachenden Gesichtern haben viel Zeit. Um genau zu sein: 40 Jahre.

Vier Jahrzehnte lang soll im Kreis Sigmaringen mit experimenteller Archäologie eine Vision verwirklicht werden. Zur Eröffnung teilte Martin Schulz, der Präsident des Europaparlaments, im Frühjahr per Video mit: „Selten hat mich eine Idee spontan so beeindruckt.“ Die Anschubfinanzierung durch Stadt und Landkreis läuft zwei Jahre. Außerdem bezuschussen das Land Baden-Württemberg und die Europäische Union die Aktion mit 450.000 Euro.

Eine Vision wird lebendig

Bert M. Geurten, der vielbeschäftigte Initiator der Klosterstadt, wird gleichermaßen bejubelt und kritisiert. Der Profit interessiere ihn mehr als die Wissenschaft, heißt es bei einigen Mitarbeitern und strengen Historikern. Zwist entstand auch wegen neuzeitlicher Schutzbrillen oder dem modernen Eichstrich auf dem Trinkbecher. Geurten will, so liest man, so viel 9. Jahrhundert wie möglich und so viel 21. Jahrhundert wie nötig. Dabei bekommt er Unterstützung von Ernst Tremp, dem Stiftsbibliothekar von St. Gallen und Beirat des Klosterstadtvereins. Dieser wurde gegründet, damit aus historischer Sicht hieb- und stichfest gebaut wird.

Die Campus-Mitarbeiter kommen aus der ganzen Republik und füllen die Vision mit Leben. Da ist die Aachener Bankkauffrau Simone Jansen. Nach der Kinderpause sattelt sie um, wird Architektin und präpariert den Klosterplan für den Computer. Bauleiter Thomas Fuhrmann setzt ihren Plan um. Er zieht aus Mecklenburg her, und wenn er von 1000 Meter Wallhecke, von Linsen und Emmer redet, glänzen seine Augen ebenso wie bei der Erwähnung der inzwischen 25 Festangestellten. Wenn er dann noch von einem Walnussblättersud erzählt, den man gegen Pferdebremsen gebraut habe, dann klingt das überzeugend fachmännisch.

Bei der ersten Hütte lässt Andreas Herzog einen italienischen Hahn zwischen seinen Beinen hindurch spazieren, ehe er sich auf den Weg zur Wasserstelle macht. Westfale, Buchbinder, Schreiner ist er. „Am Anfang war es ein Kraftproblem ohne das gewohnte Werkzeug“, erinnert er sich und erzählt, wie gut ihm das Gemächliche tut. Der andere Wasserträger ist erst 15 Jahre alt. Ein Schüler aus Tübingen, der bereits am dritten Praktikumstag sicher ist: „Ich will hier nicht mehr weg.“

Einen Steinwurf weit entfernt ruft die Steinmetzin fröhlich: „Hören Sie die Mönchsgrasmücke? Wo hat man schon so einen herrlichen Arbeitsplatz!“ Auch die anderen, die bei Blasebalg, Bienenstock oder Ziegenstall sitzen, haben prachtvolle Laune. Man darf fragen, so viel man möchte. „Kein Problem“, lautet die entspannte Antwort. „Ich hab viel Zeit“, und alle drum herum ergänzen lachend „40 Jahre, wenn es sein muss“.

Das ist der geflügelte Satz, er eilt übers Gelände bis zu Veronika Schmid aus Wilsingen und ihren Seilen aus Buchenrinde. „Ich werde das Campus­ende nicht erleben, aber das ist egal. Ich bin hier verbunden mit der Natur und die Arbeit beruhigt so schön.“ Dann legt sie den Kopf schief und empfiehlt: „Das sollte jeder mal probieren – das macht demütig.“

Ausbruch aus dem Alltag

Michael hat die Großküche gegen die Waldküche getauscht und sieht dabei genauso zufrieden aus wie der Stuckateur, der Weidenkörbe flicht, oder Michael Straub, der Möbelschreiner, dem Hektik und Druck zuwider waren. Sie wollten alle ausbrechen aus ihrem unbefriedigenden Alltag, in dem der einzelne Arbeiter nichts mehr zählte. Im Campus Galli erleben sie: „Geld ist nicht alles. Abends mit einer gesunden Müdigkeit ins Bett fallen – das macht zufrieden.“

Viele wurden vom Arbeitsamt vermittelt und freuen sich über neue Perspektiven. „Ich arbeite mit meinen Händen wie der Großvater“ hört man, und wie wohltuend es sei, abends auf das Geschaffte zu blicken. „Hier gibt es keinen Akkord, keine Herzrhythmusstörungen“, betonen sie und loben den Zusammenhalt. Sie sehen nach Langem einen Sinn in ihrer Arbeit. „Und wir haben genug Zeit.“ Da ist er wieder der Satz, der wie Medizin wirkt.

Jeder trägt so viel Verantwortung, wie ihm gut tut, und jeder entdeckt sich hier neu. So wie Annette, die von Andrea das „Nadelbinden“ erlernt. Warum macht sie das? Die Antwort: „Weil der Winter kommt und die Männer Mützen brauchen.“ Das scheint die Botschaft des Waldlagers zu sein: „Draußen zählt der Profit – hier zählen wir.“

Vorab wurde gerodet und urbar gemacht. Natürlich mit einem Ochsengespann. Wege wurden angelegt, Unterkünfte geschaffen. An 20 Stationen soll auf dem acht Hektar großen Waldgelände vielfältiges Handwerk präsentiert werden. Ziegen, Schafe und Hühner tummeln sich, und irgendwo treffen ein Experte für Wassertechnik und ein Mittelalter-Tierarzt ihre Entscheidungen. Der Besucher ahnt die Vielschichtigkeit des Projektes und dass auch kräftezehrende Kämpfe ums Detail geführt werden.

Dass sich der Bau der Holzkirche verzögert hat, erfährt man von den Arbeitern. Im künftigen Altarraum wühlen unterm Holzkreuz immer noch die Schweine und verspeisen genüsslich die Wurzeln. „Das ist gut, dann kann man ohne Unkraut irgendwann den Kirchplatz bauen“ erklärt Steinmetzin Ute. „Jeder hat hier seine Aufgabe, auch die Schweine. Wenn die Besucher immer wieder kommen, können sie das beobachten und als Zeitzeuge dabei sein, wenn etwas Großartiges entsteht.“



Campus Galli kann besichtigt werden: Es liegt vier Kilometer nördlich von Meßkirch an der Bundesstraße B 313, Abzweigung Langenhart. Die Saison 2014 beginnt am 2. April und geht bis 2. November. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

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