Christliche Themen für jede Altersgruppe

Auf dem Weg

REUTLINGEN – Beschäftigte mit Handicap der Reutlinger Bruderhaus-Diakonie haben mit ihrer inklusiven Stadtführung den Nachhaltigkeitspreis der Evangelischen Bank erhalten. Mit Rap und Theater ­machen sie Stadtgeschichte lebendig. 

Die Experten packen Schilder mit Zahlen zu Reutlingen aus. Dort gibt es unter anderem fast 100 Schuhläden, 34 Millionen Pflastersteine und 46 Bäckereien. (Foto: Kety Quadrino)

„Folgen Sie dem gelben Schirm!“, ruft Emina Dindic? den 25 Teilnehmern zu, die sich im Garten des Reutlinger Heimatmuseums eingefunden haben, um einer ganz besonderen Stadtführung beizuwohnen. Denn Emina Dindic? ist eine von sechs Stadtführern mit Behinderung, die ihre liebsten Plätze in Reutlingen zeigen. Doch vorher stimmt das Team der Bruderhaus-Diakonie noch ein Begrüßungslied an: „Weißt du, wie viel Brünnlein fließen in der lauten Echazstadt?“

„Auf dem Weg“ lautet der Titel der einstündigen inklusiven Führung, bei der Werkstatt-Beschäftigte der Bruderhaus-Diakonie die schönsten Ecken der ehemaligen Freien Reichsstadt zeigen und mit allerlei Anekdoten, mit Gesang und Theater erklären. In einfacher Sprache. Die Stadtführung ermöglicht Begegnungen und Austausch zwischen Menschen mit und ohne Behinderung mitten in der Stadt. Ein lobenswertes Projekt, befand die Jury des Nachhaltigkeitspreises der Evangelischen Bank und zeichnete die Stadtführung jetzt mit dem dritten Platz aus. Bundesweit hatten sich 138 Einrichtungen aus Diakonie, Kirche, Gesundheits- und Sozialwirtschaft beworben. „Das ist eine schöne Wertschätzung für die Arbeit, die unsere Beschäftigten hier leisten“, sagt Anita Gauß, die zusammen mit Ulrike Lamparter das Projekt seit 2014 leitet.

Inspiriert hatte sie ein ähnliches Angebot in Stuttgart. Monatelang hatten sie in der Stadtbücherei und im Stadtarchiv geforscht, Lieblingsorte erkundet und in der Literaturwerkstatt der Werkstätten an den Texten gefeilt, berichtet Gauß. Das Reutlinger Theater Tonne half, sämtliche Texte choreografisch umzusetzen.

„Den Beschäftigten war es wichtig, dass jeder das machen konnte, was er gut kann“, sagt Anita Gauß. Und dabei kamen bisher unentdeckte Talente zum Vorschein: Dieter Werner, der sonst als Gebäudereiniger und Hausmeister arbeitet, konnte seine tolle Bassstimme einbringen. „Das Singen ist mir in die Wiege gelegt“, sagt er stolz. Anne-Kathrin Killguss entdeckte, dass sie Texte schnell auswendig lernen und vor einer Gruppe frei vortragen kann. „Das Team hat neue Stärken erprobt, neue Fähigkeiten entdeckt und ist dadurch viel selbstbewusster geworden“, erzählt Projektleiterin Anita Gauß.

Wenn die Truppe nicht durch die Stadt führt, arbeitet sie in den Werkstätten der Diakonie, wie in der textilen Fertigung, der Kartonage oder auch im Hofladen auf dem Bioland-Hofgut Gaisbühl. Derzeit finden 900 Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen dort einen Platz. „Uns ist jedoch wichtig, dass die Beschäftigten neben der Arbeit auch andere Aufgaben übernehmen“, sagt Gerhard Droste, Leiter der Werkstätten.

Mit Rap- und Gedichtelementen und szenischen Einlagen zieht die Führungsgruppe in gelben Westen von einer kurzweiligen Station zur nächsten und erläutert geschichtlich Interessantes: „Früher war der Spitalhof ein Krankenhaus – aus jedem Fenster schaute ein Kranker raus“, dichten sie. Am Gartentor packen sie bunte Tafeln mit Zahlen aus. 78 960 Mülltonnen gibt’s in Reutlingen, 100 Schuhläden und 34 Millionen Pflastersteine. Die Teilnehmer staunen. Lustig wird es, als sie sich alle an einem langen Seil festhalten sollen, sich durch das enge Treppenhaus des Parkhauses Stadtmitte hinauf schlängeln, bis ganz nach oben auf Deck 10. Oben sind dann alle außer Puste, aber dafür eröffnet sich ihnen ein herrlicher Blick über die Altstadt bis zum Hausberg, der Achalm.

Wieder unten angekommen geht’s von der Marienkirche in die Spreuerhofstraße, die seit 2007 als engste Straße der Welt im Guinness-Buch der Rekorde steht. „Eine Japaner soll dort einmal mit seiner Kamera steckengeblieben sein“, erzählt Anne-Kathrin Killguss und ermuntert die Gäste, einmal durchzuschlupfen.

Die inklusive Stadtführung endet hier. Die Truppe verbeugt sich stolz und bekommt einen dicken Applaus. Das 14-tägige Üben hat sich wieder einmal ausgezahlt. Obwohl das Projekt durch Spendengelder der Paul-Lechler-Stiftung getragen wird, steht es finanziell auf wackeligen Beinen. Die 3000 Euro Preisgeld können die Gelbwesten daher gut gebrauchen.

Die inklusive Stadtführung kann unter Telefon 07121-278581 oder Mail anita.gauss@bruderhausdiakonie.de gebucht werden.

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