Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bob macht’s möglich

RANGENDINGEN (Dekanat Balingen) – Immer dienstags verlassen die Schüler des Diasporahauses Bietenhausen ihr Klassenzimmer und sammeln praktische Erfahrungen in der Arbeitswelt. Selbst eine kleine Dienstleistungfirma ist dabei entstanden. 


Die Schüler aus dem Diasporahaus lernen beim Arbeitstag zum Beispiel die Abläufe im Büro eines Versandgroßhändlers kennen. (Foto: Julia Klebitz)


Ein bisschen „komisch“ ist es für Markus schon noch, wenn er morgens ins Großraumbüro kommt. Immerhin arbeiten fast 180 Leute dort. Der 15-jährige Schüler findet sich dennoch ganz gut zurecht. Einmal in der Woche schnuppert er als Praktikant in die vielen Arbeitsfelder eines Versandgroßhandels für Heizungs- und Badinstallationen hinein. Immer dienstags. Denn da ist „Arbeitstag“ für die Schüler des Diasporahauses Bietenhausen. „Mit diesem Arbeitstag schaffen wir für die Schüler der Klassenstufen 7 bis 9 Lernfelder für das, was über den normalen Unterricht hinausgeht“, sagt Horst Rein, Rektor des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, das zum Diasporahaus gehört.

Markus, der in Wirklichkeit anders heißt, und seine Klassenkameraden, deren Namen in diesem Artikel ebenfalls geändert sind, sind Jugendliche, die eine besonders intensive und auf sie zugeschnittene Betreuung und Förderung brauchen. Viele der Kinder und Jugendlichen stecken in schwierigen Lebenssituationen, wurden vernachlässigt, mangelversorgt oder waren Gewalt ausgesetzt. Manche sind traumatisiert, fielen in der Regelschule durch ihr Verhalten auf.

Markus ist ein ruhiger, zurückhaltender Junge. Nach dem Abschluss möchte er weiter lernen, eine weiterführende Schule besuchen. Der Arbeitstag im Betrieb ermöglicht es ihm schon jetzt, verschiedene Berufe kennenzulernen, vor allem aber auch sein Selbstbewusstsein und die sozialen Kompetenzen zu stärken. „Es gefällt mir gut hier in der Firma“, erzählt er, während er an einem großen Schreibtisch sitzt und Bestellungen einsortieren darf. In der Marketingabteilung habe  er gesehen, wie ein Produktkatalog entsteht, auch in verschiedene andere Abteilungen des Unternehmens habe er schon reingeschaut. In den Einkauf zum Beispiel. Eines aber hat den 15-Jährigen besonders beeindruckt: „Das Lager. Das ist wirklich riesig.“ Ob er sich vorstellen könnte in der Firma zu arbeiten, vielleicht eine Ausbildung zu machen? „Das weiß ich noch nicht“, sagt er. Die Mitarbeiter seien nett und der technische Bereich interessiere ihn schon. Warum also nicht? „Das liegt mir besser als die Arbeit im Pflegeheim“, sagt der Schüler und meint damit das Sozialpraktikum, das ebenfalls Teil des „Arbeitstages“ ist.

Während Markus ein großes Unternehmen kennenlernt, sind einige seiner Klassenkameraden zu Besuch in einem Pflegeheim. Der Umgang mit Menschen und das Kennenlernen eines Arbeitsalltags stehen auch dort im Mittelpunkt. Durch die Gänge hallt  Gitarrenmusik. Die Bewohner und eine kleine Schülergruppe singen „Mein kleiner grüner Kaktus“. Eine alte Dame wippt begeistert mit dem Fuß im Takt und winkt mit den Händen. „Wollen Sie tanzen?“, fragt Chakib. Er hat schon ein paar „Arbeitstage“ im Pflegeheim verbracht und kennt die Dame gut. „Kommen Sie. Das können Sie doch so gut. Sie müssten mal ins Penthouse gehen.“ Die Dame schaut den 13-Jährigen fragend an. „Das ist eine Disco“, erklärt er und lacht. Mit seiner Schulkameradin Aylin und der Bewohnerin des Pflegeheims läuft er – mitsamt Rollator – in einer Art Polonaise durch den Gang. Ein anderer  Sozialpraktikant  macht dazu Musik. Auch Ludwig hat sichtlich Spaß. Er möchte noch ein richtiges Berufspraktikum anhängen und dann vielleicht sogar eine Ausbildung zum Altenpfleger machen. Chakib findet es wichtig, „dass die alten Leute mal rauskommen“. Deswegen würden die Schüler oft mit ihnen spazieren gehen im Ort, oder sie im Rollstuhl schieben.

Damit die Schüler diese besonderen Erfahrungen machen können, hat die Schule vor drei Jahren den „Arbeitstag“ eingeführt. Fast drei Jahre lang, von Klasse 7 bis 9 wechseln die Jugendlichen jeweils trimesterweise die Stationen. Neben dem Betriebspraktikum und dem Sozialtag im Pflegeheim gibt es weitere Module, die Bestandteil des Projekts sind. Eine Schülerfirma etwa. „Dort entstehen tolle Dinge“, erzählt der Rektor. Aktuell würden die Schüler an Holzbänken bauen. „Die verschenken wir dann zu besonderen Anlässen“, sagt Rein.

Wichtig im Rahmen des Projekts sei auch das gemeinsame Mittagessen. Während einige der Schüler dienstags unterwegs sind, gibt es eine Gruppe, die in Bietenhausen in der Schulkantine das Essen zubereitet. „Planung und Einkauf gehören natürlich dazu“, sagt Rein. Beim Essen haben die Schüler die Möglichkeit, sich über ihren persönlichen „Arbeitstag“ auszutauschen und den knurrenden Magen zu füllen. Das ist vor allem für die Schülergruppe von „Bob macht‘s“ wichtig. Eine Art Mini-Dienstleisterfirma, die auch zum „Arbeitstag“ gehört.

Die Schüler haben seit Projektbeginn vor drei Jahren schon 5000 Kilo Sperrmüll und 2000 Kilo Grünzeug entsorgt. Sie haben Wände gestrichen, Holz transportiert, Gartenarbeiten übernommen, Autos sauber gemacht und zwei Familien beim Umzug geholfen, erzählt Horst Rein. Dennis und Lukas haben im Auftrag von „Bob macht‘s“ an diesem Dienstagmorgen schon die Büsche vor einer der Einrichtungen des Diasporahauses geschnitten und den Rasen gemäht. „Das war vor allem am Hang anstrengend“, sagt Lukas. Da hat er sich das Mittagessen doppelt verdient.

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 34/2017

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Die Landessynode berät im Herbst über die Segnung von homosexuellen Paaren. Soll sie bei der Entscheidung die Meinung der Kirchenmitglieder stärker berücksichtigen?
Ja.
Nein
Ich weiß es nicht