Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Heimat der blauen Brüder

BAD URACH – Das Einkehrhaus Stift Urach hat sich in den über 500 Jahren, die das Stift schon besteht, zu einem ganz besonderen Ort entwickelt. Wer dort jenseits der Angebote an Meditation oder Seminaren diese Atmosphäre kennen lernen will, der kann jeden Samstag um 14 Uhr eine öffentliche Hausführung  mitmachen – ganz spontan und ohne Anmeldung.


Der Innenhof ist umschlossen durch die drei Mauern des Stifts Urach und die Amanduskirche (Foto: Maria Bloching)

Unmittelbar grenzen die Mauern des Stifts Urach an die stattliche Amanduskirche und bilden gemeinsam mit ihr einen geschützten Innenhof. Das Karree schließt aber nur scheinbar das Leben auf der anderen Seite der Mauern aus. Denn schon immer war das Stift zwar ein Ort der Einkehr und der Stille, aber es war auch gleichzeitig ein Zentrum des Lebens, von dem aus Menschen in die Welt hinausgegangen sind.

Heute wäre es ein undenkbares Unterfangen, das Stift direkt an die Amanduskirche anzubauen, für Graf Eberhard im Barte war es im Jahr 1477 ein Leichtes, dieses Vorhaben umzusetzen. Er errichtete das Stift als Wirkstätte der „Brüder vom gemeinsamen Leben“, die er zum geistigen Aufbau seines Landes nach Urach holte. Die wegen ihrer Tracht auch „blaue Brüder“ oder „Kappenherren“ genannten Brüder sollten die mittelalterliche Kirche erneuern. Sie lebten aus den Stundengebeten und beschäftigten sich mit theologischen Studien („devotio moderna“) sowie der Übersetzung und Herstellung wichtiger Bücher, wofür eigens eine Druckerei angesiedelt wurde.

Auch wenn sie nach bestimmten Regeln des Mönchtums lebten, wollten sie dennoch keine Mönche sein. „Die „Brüder vom gemeinsamen Leben“ haben immer versucht, in der Mitte des Gemeinwesens zu sein“, erfährt man bei der Führung durch das Stift. Die „Kappenherren“ versahen Pfarr- und Seelsorgedienste, unterrichteten an der Lateinschule und übernahmen soziale Aufgaben im Spital, doch schon 1514 war ihre Zeit in Urach mit dem Tübinger Vertrag beendet.

Kreuzgang fehlt

Besonders durch das Fehlen eines Kreuzgangs unterscheidet sich das Stift von einem Kloster. Ganz bewusst sollte der Innenhof die Möglichkeit bieten, sich dem geistlichen Leben hinzugeben, ohne dass die Außenwelt ausgeschlossen wird. Durch die Bruderschaft konnten starre Standesunterschiede zwischen Adel, Bürgertum und abhängiger Bauernschaft unterbrochen und alle drei Schichten gleichzeitig aufgenommen werden. Der Ostflügel stellt mit einem steinernen Sockel und einer Fachwerkskonstruktion, die später verputzt wurde, den ältesten Bau des Stifts dar. Die anderen beiden Flügel kamen im späteren Verlauf der Zeit hinzu. Nach der Reformation im Jahr 1560 stellte der im Uracher Schloss geborene Herzog Christoph das Stift als Heimat für Glaubensflüchtlinge zur Verfügung.


Das Wappen des Herzogs Eberhard im Barte.Der Innenhof ist umschlossen durch die drei Mauern des Stifts Urach und die Amanduskirche. (Foto: Maria Bloching)

So kam auch Primus Truber, auch bekannt als slowenischer Luther, als Pfarrer  hierher und übersetzte die Bibel ins Slowenische. Rund 30 000 Bibeln wurden im Stift gedruckt und in Weinfässern nach Slowenien geschmuggelt. Von 1599 bis 1793 war das Stift Sitz der Uracher Leinwandhandelskompanie und Lagerstätte für Uracher Leinen. Herzog Friedrich I. erteilte Urach dafür ein Privileg als Entschädigung für die verloren gegangene Residenz.

Zwischen 1806 und 1818 ließ König Friedrich I. den Fohlenhof von Güterstein ins Stift verlegen und wurde für diese ungeeignete Nutzung mit dem Vers „Olim musis, nunc mulis“ („Einst für die Musen, jetzt für die Rösser“) verspottet. Unter König Wilhelm I. zogen 1818 die Fohlen wieder aus und die Seminaristen in das neu eingerichtete evangelisch-theologische Seminar ein.

Lange Zeit prägte die Schule im Geist des Neuhumanismus Pfarrer und Lehrer, Geistes- und Naturwissenschaftler, Historiker, Ärzte, Juristen, Techniker und auch Musiker. Darunter auch Dichter wie Eduard Mörike und Albrecht Goes als „Uracher Köpfe“. Im Zuge der Oberstufenreform wurde das Seminar 1977 geschlossen und schließlich zum Einkehrhaus der Evangelischen Landeskirche in Württemberg umgestaltet.

Vor vier Jahren musste das Stift für rund 6,1 Millionen Euro renoviert werden, dennoch sind nach wie vor Spuren der Vergangenheit sichtbar. Neben den Einzelgästen, die die Angebote des Stifts in Anspruch nehmen, kommen zunehmend Gruppen aus der Kirche, aber auch aus Wirtschaft und Gesellschaft zu eigenen Tagungen nach Bad Urach.

Die Hausführungen finden bis 4. Oktober statt. Telefon 07125-94990

Internet: www.stifturach.de

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