Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Mäulesmühle in der Kirch’

ROTTENBURG (Dekanat Tübingen) – Schwäbische Mundart wird heutzutage vor allem von Komikern ­gepflegt. Dass der schwäbische Dialekt aber auch zur Verkündigung taugt, beweist Pfarrer Rudolf Paul. Zu Besuch bei der „Schwäbischa Kirch“ in Rottenburg-Oberndorf. 



Ob der Herrgott schwäbisch schwätzt weiß man nicht, aber Rudolf Paul tut es. Gerne. (Foto: Klaus Franke)

Es gibt einen Witz, den Rudolf Paul gerne erzählt: Am achten Tage schuf Gott die Dialekte und verteilte sie an alle Volksstämme. Als er fertig war, saß in der Ecke nur noch der einsame Schwabe, der weinte, weil er keinen Dialekt abbekommen hatte. Als Gott das sah, ging er zum Schwaben und sagte: „Kerle, no schwätzscht halt so wie i.“

Keiner weiß, ob „dr Herrgott“ wirklich schwäbisch schwätzt. Aber dass man sein Wort auch auf Schwäbisch verkünden kann, das beweist Rudolf Paul. Seit über 40 Jahren predigt er in schwäbischer Mundart, seit seinem Ruhestand 1996 ausschließlich.

Dabei begann diese Geschichte für ihn weit weg von Alb und Neckar: im Urlaub an der Ostsee. Und in einer Sprache, die dem Schwäbischen nicht nur geografisch fern liegt: Plattdeutsch. Eine Mundartpredigt, vorgetragen von einem örtlichen Pfarrer. Rudolf Paul war inspiriert. „Da hab i gspürt: die Predigt erreicht die Leute ganz anders als sonst“, sagt er.

Die Idee eines Mundart-Gottesdienstes nahm er mit in den Süden. An Heiligabend 1972 predigte er das erste Mal auf Schwäbisch. Und heute tut er es immer noch. Regelmäßig, einmal im Monat.

Das „Sonnenzentrum“ am Rande des Rottenburger Ortsteils Oberndorf macht seinem Namen an diesem Morgen Ende April alle Ehre. Die Sonne scheint leuchtend vom blauen Himmel herab durch die großen Fenster des Gebäudes, in dem eine örtliche Firma Solartechnik fertigt und verkauft. Im Innenraum, der zum firmeneigenen Restaurant „Sonne“ gehört, sind bereits die meisten Plätze belegt. Viele ältere Leute, einige mittleren Alters, aber auch ein paar junge Gesichter sind dabei.

Der Ort erscheint ungewöhnlich für einen Gottesdienst. Für zwölf Jahre war die Kirche des Hofguts Mauren bei Ehningen die Heimat der „Schwäbischa Kirch“. Doch irgendwann wollte man Rudolf Paul dort nicht mehr haben. Paul, zu dem Zeitpunkt schon weit über 70, dachte ans Aufhören. Als er dann einmal im Sonnenzentrum zu einer Lesung zu Gast war und mit dem Eigentümer Thomas Hartmann ins Gespräch kam, war der aber begeistert von der Idee. „Na, dann mach’s doch bei uns“, sagte Hartmann und für Rudolf Paul war klar: „Des war ein Wink mit dem Zaunpfahl von meim oberste Chef, dass ich weitermachen soll.“

Und so steht Rudolf Paul nun einmal mehr im Raum des Sonnenzentrums und begrüßt seine Gemeinde: „Guada Morga alle mideinander.“ Dann übergibt er an die jungen Sänger des Martinihaus-Chors. Die Jungen und Mädchen aus einem katholischen Internat in Rottenburg singen zum Einstieg, anschließend singt auch die Gemeinde ein Lied.

Die Lieder im Gottesdienst sind nicht auf Schwäbisch, auch die Liturgie ist nicht anders als irgendwo sonst in der Landeskirche, auch wenn die Gottesdienste – wie in Rottenburg zu erwarten – auch von vielen Katholiken gerne besucht werden. Was die „Schwäbischa Kirch“ besonders macht, sind die Gebete und die Predigt in Mundart sowie die Bibelstellen aus der von Rudolf Paul aus den Urtexten eigenhändig übersetzten „Bibel für Schwoba“.

Und die hat einen ganz eigenen Klang: „I brauch et sterba, i därf leba ond vrzähla, was dr Herrgott dao hat“, heißt es in Psalm 118, den die Gemeinde im Wechsel mit dem Pfarrer spricht. Aber es ist auch hörbar, was Rudolf Paul meint, wenn er sagt, die Mundartpredigt sei „näher“ an den Menschen.

Wo es im Schriftdeutsch heißt: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden“, klingt es auf Schwäbisch nach Problemen, die Handwerker kennen dürften: „Der Stoe, den mo d Bauleut weggeschmissa hent, aus dem ischd a Eckstoe wora.“ Der Text auf dem Liedblatt folgt der schwäbischen Rechtschreibung, in der Paul seine „Schwoba-Bibel“ verfasst hat. Manche aus der Gemeinde haben mit der ein wenig ihre Probleme und stocken etwas beim Sprechen des Psalms.

Dann folgt wieder „ebbes vom Chor“. Und der bringt mit seinen Liedern eine dritte Sprache ins Spiel: Englisch. „Let it shine – Lass es scheinen“ singen die jungen Sänger, passend zur Sonne, die draußen die gelben Rapsfelder bestrahlt.

Der Gemeinde gefällt‘s, manche wippen mit, am Ende des Lieds wird geklatscht. Schwäbische Texte und englische Songs sind für die Besucher offensichtlich kein Widerspruch. „Singed ihr no ois oder wollt ihr noasitze?“, fragt Rudolf Paul die Chorleiterin. Man einigt sich darauf, dass der Chor nachher weitersingt und erstmal die „Läsung“ folgt.

Der Predigttext kommt dann aus dem Johannes-Evangelium, wieder in der schwäbischen Übersetzung von Rudolf Paul. Und Christus spricht dort über ein Thema, das auch den Schwaben naheliegen dürfte: Wein. „I bin dr wahre Weistock und mei Vadr is dr Wengerter“, lautet die Übersetzung. Pfarrer Paul predigt über die Lebensfreude. Und erlaubt sich an der Stelle auch mal eine Formulierung, die die Leute zum Schmunzeln bringt: „Wann hab i oigetlich s’ letzte Moal so a Lache im Gsicht ghet, das d‘ Ohrlappe Bsuch gkriegt hent?“.

Schmunzeln ist erlaubt und gewollt, aber „bauernschlaue Plattheiten“, die schwäbischen Predigern oft vorgeworfen werden, sucht man hier vergebens. Im Gegenteil: Rudolf Paul bleibt nicht bei der biblischen Stelle, seine Predigt ist politisch. Er klagt Politiker und Banker an, die die Menschen in Griechenland „d‘ Zech zohle lasse“ und wettert gegen Fundamentalisten, die meinen, im Namen Gottes Ungläubige töten zu dürfen. Dem gegenüber stellt er Jesus, der „die Spirale von dr Gwalt“ durchbricht. Sich auf Gott zu verlassen, sei das Wichtigste. Denn für die Ernte der Reben sei „dr Wengerter“ da.

In der Gemeinde nicken viele zustimmend. Die schwäbische Mundart kommt bei ihnen gut an. „Das ist mal was anderes“, sagt eine ältere Frau. Ein alter Mann hebt noch einen weiteren Vorteil hervor: „Ich fühl mich hier in meiner eigenen Sprache angesprochen.“ Viele der Besucher sind schon mehrmals dagewesen.

Am Schluss des Gottesdienstes geht das Opfer  immer an die Aktion „Straßenkinder“ der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. Eine Sache, die Rudolf Paul wichtig ist. Und er kann sich eine kleine Spitze gegen die Hauptstädter nicht verkneifen, die bei der Gemeinde Zustimmung findet: „Die Stuegarter san e bissle knickrig gworde, seit se ihrn neue Bahnhof kriege.“

Nach dem letzten Stück des Chors geht der Gottesdienst für viele der Besucher nahtlos ins Mittagessen über – schließlich sitzt man ja bereits im Restaurant. Maultaschen und Wurstsalat werden aufgetischt, dazu eine Apfelschorle. Alles typisch schwäbisch, passend zum Gottesdienst.

Rudolf Paul sitzt noch ein paar Minuten auf seinem Stuhl und ruht sich etwas aus. Immerhin ist er bereits 81 Jahre alt. Herum kommt er immer noch viel im Ländle und hält auch in anderen Gemeinden schwäbische Gottesdienste. Immer im Kampf gegen Vorurteile. „Ja, kriegen wir jetzt die Mäulesmühle in der Kirche?“, hätten Kirchengemeinderäte einmal gefragt, bevor Rudolf Paul das erste Mal in ihrer Gemeinde predigte. Inzwischen ist er fünfzehnmal dort gewesen.

Als der Martinihauschor im Gottesdienst ein indianisches Lied gesungen hat, gab es eine kleine Rezitation dazwischen. „Wichtig sind nicht nur die Worte des Liedes, sondern auch die Art, wie sie gesprochen werden.“ Dieser Satz passt auch auf Rudolf Paul und seine „Schwäbischa Kirch“.

Information zum Sonnenzentrum Rottenburg-Oberndorf

Die Gottesdienste der „Schwäbischa Kirch“ im Sonnenzentrum in Rottenburg-Oberndorf, Im Leimesgrüble 14, finden in der Regel am vierten Sonntag im Monat statt. Die nächsten Termine sind der 28. Juni, der 26. Juli und der 23. August, jeweils um 10.30 Uhr. Rudolf Paul und sein Kollege Wilhelm Kern bieten auch schwäbische Gottesdienste oder Konzertlesungen für Gemeinden an, etwa die Johannespassion oder die Bergpredigt auf Schwäbisch. Informationen im Internet unter www.schwaebischa-kirch.de oder bei Pfarrer Rudolf Paul, Telefon 07457-3426.

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