Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Unermüdlichen

BALINGEN – Jeden Sonntagmorgen steigen sechs Blechbläser mit ihren Instrumenten 188 Stufen hoch. Nach diesem Frühsport spielen sie um kurz vor acht Uhr vom Turm der Stadtkirche das Wochenlied. Seit 1955 gibt es diese Tradition des sonntäglichen Turmblasens in Balingen schon. 


Die Blechbläser halten in Balingen die Tradition aufrecht. (Foto: Julia Klebitz)


Das Licht in der Turmstube flackert kurz, dann geht es aus und gleich danach wieder an. „Das ist unser Zeichen“, sagt Helmut Jenter. „Jetzt kommt jemand.“ Die Gruppe ist fast komplett. Nur der Älteste fehlt noch. 188 Stufen trennen Helmut Geiger, der gerade das vereinbarte Lichtzeichen gegeben hat, noch von den anderen Turmbläsern, die jeden Sonntag kurz vor acht Uhr die Innenstadtbewohner Balingens mit dem Wochenlied wecken. Oben machen die anderen fünf Turmbläser solange ihre Instrumente bereit. Außer Puste vom Treppensteigen ist dabei keiner. Die 61 Meter Turmhöhe überwinden die Musiker scheinbar mit links. „Wenn man das jeden Sonntag macht, ist man es schnell gewöhnt“, sagt Jenter und lacht. „Da haben wir immer gleich ein bisschen Frühsport.“

Während Geiger sich mit seinem Instrumentenkoffer die ersten Stufen durch den engen Turmaufgang schlängelt, werden oben Notenständer aufgebaut. Jenter schließt die Tür, die zum Turmumgang führt. „Es soll uns ja keiner hören, bevor wir offiziell blasen.“ Dann spielen sich die Fünf ein. Erst einmal Tonleitern. „Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun (EG 497)“ ist als heutiges Wochenlied vorgegeben. Zweimal spielen es die Musiker durch. Beim zweiten Mal hat auch Helmut Geiger die Turmstube erreicht und probt mit. Viel üben brauchen die Musiker nicht. Sie sind routiniert, teilweise seit vielen Jahren bei den Turmbläsern.

1955, also schon vor 61 Jahren, haben Mitglieder des Posaunenchors Balingen das Turmblasen von der Stadtkapelle übernommen. Ohne Unterbrechung spielen sie seither jeden Sonntag um kurz vor acht das Wochenlied auf dem Turm. In drei Richtungen. „D‘Stadt nuff und na, wie es so schön heißt“, erklärt Jenter. Nicht nur das Turmblasen, auch der Turm der Stadtkirche selbst spielt schon seit Jahren eine wichtige Rolle für die Mitglieder des Posaunenchors. In der Turmwächterstube, die 1541 auf den Turm aufgesetzt wurde, hängen alte Fotografien, die Mitglieder des Chores zeigen, wie sie an einem Tisch im Turm sitzen. „Früher haben wir uns zu unseren Weihnachtsfeiern direkt hier oben getroffen“, erinnert sich Jenter. Seit einiger Zeit ist das nicht mehr möglich. „Die Drehleiter der Feuerwehr ist nicht hoch genug“, sagt Jenter. Falls es bei einer Feier zu einem Brand käme, könnten die Musiker deshalb nicht rechtzeitig gerettet werden. Ein bisschen schade findet Jenter es schon, dass die Feste nicht mehr direkt im Turm stattfinden können. „Aber Sicherheit geht natürlich vor.“

Er blickt auf den Boden. Durch einen Spalt zwischen den alten Holzdielen kann man einige Meter nach unten schauen. Fast bis zum Glockenstuhl. Vieles im Turm ist noch Originalzustand. Ein Feuer hätte schlimme Auswirkungen. Aus diesem Grund und wegen der Sicherheit der Turmbläser gibt es mittlerweile auch das traditionelle Neujahrsblasen an Silvester nicht mehr. Eine Rakete, die Feiernde am Fuß des Turms abgeschossen hatten, setzte oben auf dem Turm die Jacke eines Musikers in Brand. 

Das alte Holzgebälk, der Staub, ein großer antik anmutender Schrank und die Lage über der zum Großteil noch schlafenden Stadt verbreiten eine ganz besondere Stimmung. Die Turmbläser machen sich bereit. 7.57 Uhr. Die Wettervorhersage war richtig. Am Vorabend und in der Nacht hat es noch geregnet, jetzt schickt die Sonne erste, noch sanfte Strahlen durch die kleinen Wolken am Himmel. „Ich habe heute morgen schon die Vorhersage der Heselwanger Wetterstation abgefragt“, sagt Hans Schühle. „Alles bestens.“ Dann geht alles recht schnell. Die Musiker treten auf den Turmumgang hinaus, platzieren sich am ersten von drei Vorspielplätzen. Zweimal tönt das Wochenlied Richtung Heuberg.

„Guten Morgen“, rufen die sechs Turmbläser. Die Fußgängerzone ist noch menschenleer. In einem Café rückt das Personal die Stühle zurecht, macht sich für den Frühstücksansturm bereit. Auf einem Balkon fast direkt neben der Kirche steht eine ältere Dame. Sie schwenkt ein Handtuch zum Gruß. Die Turmbläser winken ihr zu. „Sie steht fast jede Woche dort“, erzählt Jenter. Das nächste Lied erklingt Richtung Rathaus, dann noch eins Richtung Sichelschule. Zwei Radfahrer bleiben vor einer Baustelle stehen. Auch sie winken den Musikern auf dem Turm zu. Wünschen einen schönen Tag.

Die Turmbläser verstauen ihre Instrumente. Der Schrank in der Stube bleibt heute zu. „Da steht der Turmschnaps drin“, verrät Jenter. Den braucht die Gruppe hauptsächlich im Winter. Wenn es zugig und kalt ist draußen auf dem Rundgang und die Finger bei Schneefall auf den Klappen und Ventilen der Instrumente zittern. Heute schwitzen die Musiker eher, als sie so schnell wie möglich nach unten steigen. Das Gemeindefest wartet. „Ich muss noch meine Muffins holen“, sagt Maria Häberle und eilt davon. „Bis nächste Woche.“ Helmut Jenter macht das Licht im Turm aus. In der Fußgängerzone sind die ersten Passanten mit Brötchentüten unterwegs.
http://www.stiftung-gegen-gewalt-an-schulen.de

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