Christliche Themen für jede Altersgruppe

Droben klingt die Woche aus

WURMLINGEN (Dekanat Tübingen) – Die Wurmlinger Kapelle ist ein beliebtes Ausflugsziel und wurde auch von Dichtern schon verewigt. Im Sommer lädt die Theologin Beate Weingardt einmal im Monat sonntagabends an diesen besonderen Ort ein. Für Lieder, Gedichte und Geschichten.

Ernst-Werner Briese und Beate Weingardt gestalten den Sonntagsausklang. (Foto: Martin Janotta)

Während einige Besucher noch draußen bei den Gräbern stehen und den weiten Blick über Alb und Neckartal genießen, haben sich die meisten bereits auf den Bänken niedergelassen. Zwei Frauen mittleren Alters kommen herein, offenbar geschafft von dem steilen Aufstieg. „Erst mal noa sitze“, sagt die eine zu ihrer Freundin, bevor sie einen tiefen Schluck aus ihrer Wasserflasche nimmt. Die Bankreihen sind mit weißen Bändern geschmückt, vorne stehen Blumengestecke. Überbleibsel einer Hochzeit. In der Mitte steht, wie meist, wenn die Kapelle geöffnet ist, ein Tisch mit brennenden Kerzen.

Die Sankt Remigius Kapelle, besser bekannt als „Wurmlinger Kapelle“, ist ein beliebtes Ausflugsziel, gerade an so einem sonnigen Sonntag. Die weithin sichtbare Kapelle gilt als eines der schönsten Bauwerke der Gegend, beschrieben in zahlreichen Gedichten – das berühmteste stammt von Ludwig Uhland: „Droben stehet die Kapelle.“

Auch für Beate Weingardt ist die Wurmlinger Kapelle ein besonderer Ort. „Hier oben steht man ein bisschen über den Dingen, gewinnt Abstand zu ihnen“, sagt sie. Seit elf Jahren organisiert die freischaffende Theologin mit ihrem Mann Ernst-Werner Briese hier einmal im Monat einen „Sonntagsausklang“. Jeweils zu einem bestimmten Thema wählen sie Lieder, Gedichte und Texte aus. Das Motto des Jahres 2015 stammt aus Prediger 3: „Alles hat seine Zeit.“ Heute geht es um ein gärtnerisches Thema: „Pflanzen und Ausreißen.“ Unterstützt werden Weingardt und Briese bei den Sonntagsausklängen von wechselnden Musikern. Akkordeon, Gitarre oder Panflöte, manchmal ein Posaunenchor.

An diesem Abend sind es der Tübinger Cellist Jonathan Gray und seine Schülerin, die vorne in der Kapelle sitzen und ihre Instrumente stimmen, während die Leute eintreten. Beate Weingardt jedoch kommt erst fünf Minuten vor Beginn hereingestürmt, räumt hastig den Tisch mit den brennenden Kerzen zur Seite und lässt Liedblätter verteilen. Aufgrund des Lokführer-Streiks habe sie ihren Mann in Stuttgart abholen müssen, erzählt sie und erntet ein verständnisvolles Schmunzeln der Besucher. Viele von ihnen sind selbst von weiter her gekommen. Aus Herrenberg, Sindelfingen oder Stuttgart.

Ernst-Werner Briese beginnt dann mit dem ersten „Gedichtblock“: Hilde Domin, Goethe. „Ich ging im Walde so vor mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn“, rezitiert Briese. Alle Gedichte drehen sich um die Natur.. Der Autorenkreis erweitert sich: Schiller, Hesse sind dabei, auch Wilhelm Busch. Währenddessen kommen noch einige Nachzügler in die Kirche, so dass nahezu alle Plätze besetzt sind.

Die Menge und vollen Gesang braucht es auch, damit die Akustik der Kapelle voll zur Geltung kommt. Das klappt beim Lied „Der Mai ist gekommen“ noch gut. Das zweite Lied ist deutlich weniger bekannt. Nur mit Mühe finden sich die Besucher in die Melodie des Liedes „Komm, bau ein Haus“ ein. Beate Weingardt ist offensichtlich unzufrieden und bricht nach zwei Strophen ab. „Ich hab den Eindruck, das kennt niemand außer mir“, sagt sie. Anschließend fordert sie mit einem Augenzwinkern dazu auf, „einfach mitzusummen, damit es ein bisschen Volumen gibt“. Das Problem wiederholt sich bei dem Lied „Wir sind des Heilands Himmelsblumen“. Das beschwingte Kinderlied findet allerdings auch neue Freunde: Beim Abschied erzählt eine alte Frau, das Liedblatt in der Hand gefaltet, dass sie dieses Lied unbedingt zuhause mit ihren Enkeln singen muss.

Zwischen den Liedern und Gedichten spielen die Cellisten klassische Musik, aber auch das englische Volkslied „Scarborough Fair“. Beate Weingardt fordert die Besucher auf, sich ein paar Minuten zu unterhalten. Sie sollen ihrem Nachbarn erzählen, was es für Abschiede in ihrem Leben gegeben hat. „Murmelphase“ nennt Beate Weingardt diese Minuten – und der Name passt: Es wird laut in der Kapelle, einzelne Gesprächsfetzen fliegen hin und her.

Nach Abschluss des Sonntagsausklangs strömen die Besucher nach draußen. „Es dunkelt schon in der Heide“ haben sie zuletzt gesungen – um die Kapelle allerdings dunkelt es noch kein bisschen. Zwar dauerte der Sonntagsausklang ein wenig mehr als eine Stunde, aber die Sonne strahlt noch immer auf das Neckartal. Die Besucher machen sich beschwingt auf den Weg nach unten ins Tal. Und in die neue Woche.

Beate Weingardt in:

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