Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eier, so weit das Auge reicht

DAPFEN (Dekanat Münsingen) – Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Mit dem Vers aus Psalm 98 und anderen Psalmworten verziert Ursula Bogner-Kühnle Eier. Präzise Feinarbeit in Sütterlinschrift. Eine außergewöhnliche Weise, Gottes Wort in die ganze Welt zu tragen. Und es sind Tausende, die Jahr für Jahr nach Dapfen kommen. 

Präzise Fein­arbeit in Sütterlinschrift: Psalmen sollen den Segen Gottes weiter tragen.
(Foto: Brigitte Scheiffele)


Schon längst ist der Eiermarkt in der Dapfener Martinskirche weit über die Grenzen der 500 Einwohner zählenden Gemeinde hinaus bekannt. Auch in diesem Jahr haben ihn rund 400 Besucher im Rahmen eines konzertanten Gottesdienstes eröffnet. Etwa 1000 Besucher zählten Pfarrer Siegfried Kühnle und seine Ehefrau Ursula Bogner-Kühnle bereits am ersten Tag.

Die kleine Gemeinde Dapfen liegt gleich neben dem Haupt- und Landesgestüt Marbach inmitten weitläufiger Weiden im großen Lautertal. Auf dem Weg von Marbach nach Dapfen führt eine kleine Straße noch vor der Ortseinfahrt rechts den Hang hoch. Oben angelangt fällt der Blick auf ein eindrucksvolles Ensemble rund um die Martinskirche, deren Ursprünge bis in das 12. Jahrhundert zurück reichen: Der Friedhof, die Aussegnungshalle, die Kirche, das Pfarrhaus, damit verbunden Nebengebäude, Stallungen, Pferdekoppeln und die Aussicht hinunter auf die Gemeinde Dapfen.

Es überrascht in keiner Weise, was sich dem Besucher schon beim Anblick des alten Pfarrhauses bietet:  Stilvoll und kunstfertig ist der Eingangsbereich gestaltet, ebenso wie die oben gelegenen Fenster. Das Klingelschild lässt erkennen, dass hier das Pfarramt seinen Platz hat, ebenso wie die Pfarrersfamilie. Es erweckt den Anschein, als sei der Eiermarkt in diesem historischen Gebäude aufgebaut. Doch nein, keineswegs. Irrtum.

Pfarrer Siegfried Kühnle führt Besucher, die einem Läuten an der Pfarramtsglocke nicht widerstehen können, in die dahinter gelegene Kirche. Auch hier ist der Eingang liebevoll gestaltet, doch nur ein Appetitanreger für das folgende Hauptgericht. Was sich jetzt dem Besucher beim Eintritt in die eigens für den Eiermarkt geheizte Martinskirche bietet, ist schier unfassbar: Eier soweit das Auge reicht.

Etwa 10.000 handverzierte Exponate aus Wachteleiern, Enteneiern, Gänseeiern und Hühnereiern hängen an zwei Meter hohen Kirsch-Zweigen, liegen in einer Futterkrippe, auf Holzscheiten, auf Strohballen, auf alten Kuchenblechen oder Waagen, sind vorsichtig auf Hafer gebettet oder zu Kränzen gebunden und können bestaunt werden.

Sie haben ihren Platz rund um den Altarraum gefunden, im Seitenausgang, unterhalb der Kanzel und leisten sogar dem alten Felger-Wandteppich als Kunstwerk an sich mit seinen unzähligen Blauschattierungen farblich angeglichen Gesellschaft. Wenn sich dann noch der Glanz des Sonnenlichts durch die Kirchenfenster auf diese ganze Pracht niederlegt, entfährt dem Besucher wahrlich schon in der Fastenzeit ein begeistertes „Halleluja“.

„Ich bin sprachlos, das ist kaum zu glauben“, sagt eine Besucherin, die wegen des Eiermarktes mit Mann und Hund aus Heilbronn nach Dapfen gekommen ist. „Das geht allen Besuchern so“, bekundet Ursula Bogner-Kühnle, während sich das Ehepaar Schritt für Schritt auf Eier-Forschungstour begibt: „Was für eine Menge an Wachteleiern!“, ruft die Besucherin aus. Schließlich müssen alle von Hand ausgeblasen werden. 3500 Stück an der Zahl. Neben den braungescheckten Wachteleiern, die ebenso wie Hühnereier zu Kränzen gebunden sind, liegen mit Blumenmotiven bemalte Hühner- oder Enteneier, daneben sogenannte Spiegeleier mit Psalm-Versen, dazwischen das ein oder andere Stoff- und auch Holzhuhn, nicht zu vergessen das „Dapfener Brauchtumsei“.

Größere Eier können zwar mit Hilfe eines Kompressors ausgeblasen und sorgfältig gereinigt werden, dennoch sind Ausdauer, Kraft und Inspiration durch die Dapfener Eierfrauen Jahr für Jahr aufs Neue erforderlich: Putzen, verzieren, bemalen sowie das Ausschmücken der Kränze und Eier mit Seidenbändern und Strohblumen. Daran mangelt es keineswegs, im Gegenteil: Jährlich gestalten die Frauen jedes Ei zu einem künstlerischen Unikat.

Um die 3000 Eier tragen einen Psalm-Vers. Zum einen die Spiegeleier, die natürlich nicht aus der Pfanne stammen, sondern auf der einen Hälfte den Psalm-Vers spiegeln und auf der Rückseite farblich gestaltet sind.

Des Weiteren sind es die Brauchtums­eier, die Ursula Bogner-Kühnle mit einem feinen 0,1 Millimeter dünnen Tusche-Stift beschriftet. Zwei Stunden benötigt sie allein für ein Ei mit biblischen und christlichen Symbolen: Ein Herz als Sinnbild für die Liebe Gottes, zwei Vögel, die für das Lob Gottes stehen, oder einen Zweig aus der Wurzel Isais, der an Jesus Christus erinnert. Ein besonderer Akzent liegt beim Brauchtumsei in der persönlichen Widmung, die Ursula Bogner-Kühnle dem Wunsch jedes Besuchers entsprechend darunter schreibt: „Für Monika mit herzlichen Segenswünschen für jeden Tag“ – zum Beispiel.

Der künstlerisch wertvolle Eierreichtum der Martinskirche bietet jedem Besucher eine Augenweide. Wichtiger aber ist noch: Es sind Eier für die Seele, Eier mit hoher Aussagekraft, Eier mit biblischem Trost, zum Lob, zur Genesung, zur Konfirmation, zur Geburt, zum Seelenheil und vielen weiteren Anlässen. Ursula Bogner-Kühnle hat als Pfarrersfrau und Gründerin dieses Eiermarktes im Laufe der Jahre unzählige Gespräche mit Besuchern in der Martinskirche geführt, an deren Geschichten sie sich gerne erinnert.

Im Kranz aus Eiern sieht sie das Symbol des Sieges, im Ei das Symbol des Lebens: „Somit steht ein solcher Kranz für den Sieg von Jesus über den Tod“, sagt Ursula Bogner-Kühnle und fügt hinzu: „Für mich ist die Arbeit in erster Linie Mission. Waren doch unsere Großeltern und andere Verwandte schon missionarisch in China und Indonesien tätig.“ Am Anfang gestaltete sie um die hundert Eier, heute beschreibt sie im Jahr fast 3000 Stück.

Doch Dapfener Brauchtumseier werden nicht nur zur Osterzeit verschenkt. Immer wieder erbitten Menschen zu besonderen Anlässen Eier mit Widmungen und Worten aus der Bibel. Zudem werden sie von Gästen in die ganze Welt getragen: Vietnam und China, Amerika, Kanada oder Australien.

Im vergangenen Jahr entdeckte eine Australierin ein solches Ei bei Freunden, schickte daraufhin die englische Ausgabe der Bibel in weißes Safranleder gebunden an Ursula Bogner-Kühnle nach Dapfen mit der Bitte, daraus Verse auf Eier zu übertragen. Gut zwei Stunden braucht sie für ein solches Ei, so dass sich der Auftrag mangels Zeit auf 20 Eier begrenzte, die sie wieder nach Australien schickte.

16 Widmungen diktierte eine Frau aus Kanada in einem anderen Auftrag und holte die Eier während ihres Deutschlandbesuchs persönlich in Dapfen ab. „Viele Besucher nehmen die Eier als Geschenk mit in andere Länder. Darunter auch Grönland oder wie kürzlich für eine Reise zur Fußballweltmeisterschaft nach Brasilien“, berichtet sie. „Das ist das Großartige an dieser Geschichte. Das Wort Gottes wird auf diese Weise in die Welt getragen, verbreitet sich, erhält eine besondere  Form der Aufmerksamkeit. Deswegen liegt darauf ein so unglaublicher Segen“, sagt die Pfarrersfrau. Die Einnahmen aus dem Eierverkauf fließen in die Sanierung des Pfarrhauses sowie in die Aids- und Gehörlosenseelsorge.

Wenn der von Eiern beglückte Besuchter die Martinskirche verlässt, denkt er beim Anblick von zwei Gänsen, zwei Enten und den sechs Hühnern des Pfarrerehepaares natürlich sofort an den Eiermarkt im nächsten Jahr und mag sich fragen, ob es bei Kühnles nur Spiegeleier und niemals hart gekochte Eier zum Vesper gibt. Das sei tatsächlich selten, bestätigt Ursula Bogner-Kühnle.

Doch abgesehen vom Federvieh schleichen auch zwei Katzen übers Gelände, zwei Pferde grasen friedlich auf dem Paddock des Pfarrgartens und auf der dem Garten angeschlossenen Koppel. Seit kurzer Zeit sorgt auch ein junger Weimaraner für Lebendigkeit: „Eine segensreiche Aufgabe auf einem segensreichen Stück Land“, fasst Ursula Bogner-Kühnle ihre Situation zusammen. Und bis Karfreitag betreut sie täglich den Eiermarkt von 9 bis 18 Uhr mit „beglückend schönen Gesprächen“.

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