Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Pfarrer, zwölf Dörfer

REUTLINGEN – Sie wollten einen Blick in die Zukunft werfen: die Mitglieder des Kirchenbezirksausschusses in Reutlingen. Deshalb fuhren sie nach Merseburg, in die Diaspora der mitteldeutschen Kirche, wo es wenige Mitglieder und noch weniger Pfarrer gibt. Was hat die Reise bewirkt?

Mächtig erhebt sich der Merseburger Dom. Die Bedeutung der evangelischen Kirche ist dort allerdings geschrumpft. (Foto: epd-bild)

Es ist offenbar ein Aufruf zum Handeln gewesen. Denn wie Ausschussmitglied Frank Ziegler berichtet, bekamen die Reutlinger in Ostdeutschland eine Idee davon, „wie es bei uns in 30 oder 40 Jahren aussehen könnte, wenn wir nichts tun“. So haben sie zum Beispiel einen Pfarrer getroffen, der mit drei Gemeinden begonnen hatte und jetzt ein Kirchspiel mit 1300 bis 1600 Gemeindemitgliedern betreut, verteilt auf zwölf Dörfer, 14 Kirchen und sechs Friedhöfe.

Wenn dann nur fünf bis acht Menschen in den Gottesdienst kommen, stellt sich die Frage, ob er diesen nicht weglassen müsste. „Aber keine der  Gemeinden will auf ihren Predigtort verzichten“, erzählt Ziegler. Ein anderes Beispiel: Die Orgel in einer Kirche mit zwei Dutzend Mitgliedern ist kaputt. Ein Mäzen sponsert die Reparatur. Die Folge: Auch dieser Predigtort muss gehalten werden.

In Leipzig haben sich die Reutlinger angesehen, wie aus der Philippuskirche ein Hotel für Behinderte und Nicht-Behinderte werden soll. Beeindruckend findet es Ziegler, wie sehr die Menschen dort an einem Strang zögen, um dies zu verwirklichen.

Genauso erstaunlich, aber umso trauriger findet Ziegler es, dass ausgerechnet in der Geburtsstadt Luthers, in Eisleben, die Protestanten nur noch sieben Prozent der Bevölkerung stellen – die Katholiken vier Prozent. Wie weit die Gesellschaft dort von der Kirche entfernt ist, habe ihm ein Erlebnis mit einem jungen Mädchen gezeigt, die in der Taufkirche Luthers fragte, was das hier sei. Auf die Antwort „eine Kirche“ habe sie völlig verständnislos „Ach so?“ erwidert. Auf eine Umfrage „Was ist Taufe“ erhalte man höchstenfalls die Vermutung: „Das hat wohl irgendetwas mit Kirche zu tun.“

Und was hat das mit Reutlingen zu tun? Nun, auch dort wird demnächst der Pfarrplan diskutiert. Und die Frage, die sich für Frank Ziegler stellt, der seit 36 Jahren Kirchengemeinderat ist, lautet: Will die Kirche sich im Angesicht der demographischen Zahlen nur darüber unterhalten, Kosten zu reduzieren und Personalstellen abzubauen? „Da fehlt mir die Perspektive“, sagt der 56-Jährige.

Am Konzept der Luther-Museen könne man zum Beispiel erkennen, wie diese sich auf Nicht-Christen einstellen. Themen wie Abendmahl, Jesus oder Gottesdienst werden in einfacher Sprache erklärt. „Die Leute werden abgeholt“, berichtet Ziegler. Außerdem könne man erkennen, wie Gemeinden leiden, wenn der Pfarrer fehle.

Dieser Erkenntnis kann Carolin Braun nur zustimmen. Die 30-jährige Theologin hat ihre erste Stelle beim Reutlinger Dekan angetreten und beschäftigt sich naturgemäß auch mit der Entwicklung ihres Berufes. „Ist es wirklich der Weg, dass wir immer mehr Pfarrstellen abbauen und dass ein Pfarrer vier, acht oder zwölf Gemeinden betreut?“, fragt sie nachdenklich. Sie ist überzeugt, dass die Beziehung zur Kirche vor allem über den Pfarrer aufgebaut wird.

Auch wenn sie die Diaspora-Situation im Osten drastisch vor Augen geführt bekommen hat, ist sie dennoch motiviert von der Reise zurückgekehrt. „Es war ermutigend zu sehen, dass Kirche auch unter schwierigen Bedingungen funktioniert“, sagt sie. Allerdings sei die Voraussetzung, dass alle flexibel sind, dass man etwas ausprobiere und Spielräume nutze. Dann stelle sich auch Erfolg ein.

Erfolg sei für sie jedoch nicht die Forderung, gegen den Trend zu wachsen. Nur an steigenden Mitgliederzahlen lasse sich Erfolg nicht festmachen, findet sie. Aber sie hätte gerne die Chance und den Freiraum, selbstbestimmt zu arbeiten, nicht von Amtshandlung zu Amtshandlung zu hetzen, sondern für die Gemeindemitglieder ansprechbar zu bleiben.

„Wir müssen etwas tun“, sagt sie. Das sei ihr auf der Reise klar geworden. Und das bedeutet in erster Linie, da zu sein, wenn man gebraucht werde. Pfarrstellen abzubauen bedeute für sie, den Ast abzusägen, auf dem man sitze. Denn wer habe heute noch Zeit zuzuhören und sich um andere zu kümmern? „Ohne Beziehungsarbeit werden wir nicht überleben“, ist sich Carolin Braun sicher.

Deshalb findet sie es wichtig, dass Pfarrer an der eigenen Persönlichkeit arbeiten, dass sie Kontakte pflegen und dass der Pfarrberuf wieder attraktiv gemacht wird für neue junge Leute. „Wir müssen das Signal aussenden, wie sehr dort kreative Leute gebraucht werden und nicht nur, dass wir Stellen abbauen.“

Was es dazu braucht, ist auch ein Perspektivwechsel, den Carolin Braun an einem Beispiel verdeutlicht. In der mitteldeutschen Kirche gäbe es etwa eine Richtlinie, dass unter zehn Besuchern kein Gottesdienst gefeiert werden müsse. Wenn es aber in einem Ort insgesamt nur acht Gemeindemitglieder gebe und diese alle in den Gottesdienst kommen, sei das eine Quote von 100 Prozent, findet Carolin Braun. Und da würde es sich doch wieder lohnen. Diese Flexibilität, selbst zu entscheiden, was einem wichtig ist, wünscht sich Carolin Braun in ihrem Beruf zukünftig. So, glaubt sie, könne Kirche auch in schwierigen Zeiten überleben.

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