Christliche Themen für jede Altersgruppe

Fehler zulassen – an der Schule

MÖSSINGEN (Dekanat Mössingen) – „In den Schulen liegt das Potenzial für die Kirche der Zukunft“, sagt Helmut Dreher, Leiter des Firstwald-Gymnasiums. Die Schule hat nach wie vor einen großen Zulauf – auch von Bewerbern, die katholisch sind, keiner Kirche angehören oder Muslime sind. Wolfgang Albers hat mit Dreher über das Profil der Schule ihre Schüler und die ganz besondere Atmosphäre gesprochen.


Das Schulgelände des Firtwald-Gymnasiums bietet auch Platz für Sport und Spiel (Foto: Wolfgang Albers)

Religion steht in der Gesellschaft nicht hoch im Kurs. Ist in einer immer säkularer werdenden Welt eine evangelische Schule überhaupt noch gefragt?

Helmut Dreher: Wir haben keine Probleme, Schüler zu bekommen, im Gegenteil. In Kusterdingen haben wir jetzt wegen der Nachfrage eine Außenstelle eröffnet, und in Mössingen hatten wir zum neuen Schuljahr für unsere 56 Plätze 100 Bewerbungen.

Das Firstwald-Gymnasium ist eine Ganztagsschule mit ausgezeichnetem Ruf – wollen die Eltern deswegen ihre Kinder hier unterbringen?

Helmut Dreher: Das ist schon ein Motiv. Wir lesen das immer wieder, denn jeder Bewerber muss schriftlich darlegen, warum er an unsere Schule möchte. Deshalb führen wir mit allen Viertklässlern und ihren Eltern auch noch Gespräche, ob es einen Grundkonsens mit unserem christlichen Anliegen gibt.

Da weist man am besten eine lückenlose evangelische Sozialisation nach.

Helmut Dreher: Wir haben tatsächlich Schüler, die aus einem sehr frommen Elternhaus kommen und die christlich aufgewachsen sind. Dieses Jahr hatten wir sogar meinem Gefühl nach vermehrt Bewerbungen etwa von CVJM-Kindern. Insofern haben wir bei uns eine gegenläufige Entwicklung zum allgemeinen säkularen Trend, den wir natürlich sehen. Auch Kinder aus christlichen Familien haben nicht mehr das Basiswissen wie früher, etwa zum Glaubensbekenntnis. Aber wir wollen nicht nur diese Kinder. Da ist zum Beispiel der schüchterne Schüler, bei dem wir dann denken: Der ist bei uns gut aufgehoben. Oder die Mutter, die dringend einen Ganztagesplatz braucht, weil ihr Mann nach einem Schlaganfall zu Hause liegt und sie nun das Geld verdienen muss.

Evangelisch sollen die Kinder aber schon sein?

Helmut Dreher: Wir fragen nicht einmal nach der Konfession. So haben wir ein Drittel Katholiken – übrigens auch bei den Lehrern – wir haben Muslime und Konfessionslose. Uns ist nur wichtig, dass sie das evangelische Leben an der Schule mitmachen. So ist der evangelische Religionsuntericht für alle verpflichtend. Aber das ist meist kein Problem für die Bewerber. Von den 100 könnten wir 90 nehmen. Das heißt, wir müssen einen Teil der Plätze auslosen.

Wie äußert sich das evangelische Leben sonst an der Schule?

Helmut Dreher: Am letzten Schultag vor den Sommerferien haben sich alle Schüler in der Aula versammelt. Und ich schicke sie mit einem Reisesegen in die Ferien. Davor ist es mucksmäuschenstill, da könnten Sie eine Stecknadel fallen hören – so wichtig ist allen dieses Ritual. Natürlich feiern wir die christlichen Feste. Und es gibt einen Raum der Stille, in den man sich zum Meditieren zurückziehen kann.

Spielt das Evangelische auch außerhalb dieser Rituale eine Rolle?

Helmut Dreher: Besucher sprechen von einem besonderen Geist, der an dieser Schule weht. Es ist schwierig, zu beschreiben, was ihn ausmacht. Aber zum Beispiel, dass alle sich auf Augenhöhe begegnen und voneinander lernen – das kann man ja auch von Schülern. Man kennt sich an dieser Schule und begegnet sich mit Respekt. Ganz im Sinne des Schöpfungsberichtes, wonach jeder Mensch ein einmaliges Individuum ist, wollen wir jeden einzelnen Schüler beachten und begleiten. Dazu gehört auch, dass man Fehler machen darf. Das zuzulassen, fällt nicht allen Lehrern leicht. Es gibt schon manche, die gerne den Rotstift ansetzen. Aber wir müssen vermehrt die Stärken und Schätze in jedem Menschen im Blick haben.

Kommt da etwas zurück?

Helmut Dreher: Ja, Schüler und Eltern identifizieren sich immens mit dieser Schule. Und auch das zeichnet unsere Schule aus: Die Schüler sind äußerst sozial engagiert. Momentan ist ein großes Thema für uns, wie wir Flüchtlingen helfen können. Aber das ist gar nicht so einfach. Wir haben zwei alte Internatshäuser, die abgerissen werden sollen. Da wollten wir Flüchtlinge hineinnehmen. Unsere Schüler hatten gleich die Idee, für sie Sprachkurse anzubieten. Aber dann haben uns die Behörden das ganze Projekt ausgeredet: Das sei mehrere Nummern zu groß für uns. Jetzt versuchen wir, über den Mössinger Asylkreis eine Familie zur Betreuung zu bekommen.

Auch Ihre Schule hat nicht unbedingt einen niederschwelligen Zugang: Sie verlangen knapp 200 Euro Schulgeld im Monat.

Helmut Dreher: Darin sind ja bereits die  Kosten für das Mittagessen und die Nachmittagsbetreuung enthalten. Aber es stimmt: Wir hatten schon Familien, die sagten: Wir würden gerne unser Kind anmelden, haben aber nur 800 Euro im Monat zum Leben. Genau da versuchen wir zu helfen. Wir haben einen Sozialfonds eingerichtet, der jährlich 10?000 Euro ausschüttet. Gespeist wird dieser Fonds aus freiwilligen Elternbeiträgen, und da machen 90 bis 95 Prozent der Eltern mit.

Auch Ihre Schule ist auf Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen, nämlich von der Landeskirche.

Helmut Dreher: Die evangelischen Schulen sind auch eine Chance für die Kirche. Wir sind schon eine Art Aushängeschild der Landeskirche. Wie will man denn junge Menschen für die Kirche anders gewinnen als durch die Schulen? Zu uns kommen viele, die zunächst von der Kirche wenig Ahnung haben, da können wir viel bieten. In den Schulen liegt das Potenzial für die Kirche der Zukunft.

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