Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gegen den Sieg der Angst

REUTLINGEN – Ines Fischer hat schon unzählige Geschichten von Flucht, Vertreibung und Not gehört. Sie ist als Asylpfarrerin seit März im Kirchenbezirk sowie in der Prälatur Reutlingen mit insgesamt 13 Kirchenbezirken zuständig. Im Gespräch mit Kety Quadrino spricht sie über die Herausforderungen ihrer Arbeit.

Ines Fischer hat viel Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit. (Foto: Kety Quadrino)


Frau Fischer, Sie haben bereits von 2005 bis 2010 als Pfarrerin zur Anstellung in der Kontaktstelle für Asylarbeit gearbeitet. Sechs Jahre waren Sie weg aus Reutlingen. Was hat sich seitdem verändert?
Ines Fischer: Damals kamen um die 18.000 Flüchtlinge pro Jahr nach Deutschland, in der Stadt Reutlingen gab es eine einzige Asylbewerberunterkunft. Heute sind es sieben und es werden noch viele weitere dazukommen. Die Evangelische Kontaktstelle für Asyl wurde deutlich ausgebaut. Neben dem Asylpfarramt gibt es im Diakonieverband jetzt auch die Kontaktstelle für Ehrenamtliche, Fachstellen für interkulturelle Orientierung und psychosoziale Beratung und wir bieten Alltagsbegleitung in arabischer Sprache.


Wie sieht ihre Arbeit nun aus?
Ines Fischer: Ich berate und begleite Flüchtlinge in deren Alltag und stelle Kontakte zu Rechtsanwälten her. Ich begleite Ehrenamtliche und gebe Schulungen für Flüchtlinge, damit sie verstehen, welche Handlungsmöglichkeiten sie haben. Mit der Prälaturbeauftragung bin ich jetzt zusätzlich für insgesamt 13 Kirchenbezirke zuständig. Als Asylpfarrerin sitze ich an der Basis, will Ansprechpartnerin für die Gemeinden und Initiativen sein und zu einer guten Vernetzung der Flüchtlingsarbeit beitragen.


Im Gespräch mit den Flüchtlingen werden Sie mit vielen Leidensgeschichten konfrontiert.
Ines Fischer: Teilweise sind es ganz schlimme Geschichten. Sehr besorgt bin ich über die politische Aufteilung in „gute“ und „schlechte“ Flüchtlinge, also diejenigen mit hoher oder niedriger Bleibewahrscheinlichkeit. Dabei ist es doch wichtig, immer den Einzelnen mit seinem persönlichen Schicksal zu sehen. Wir stehen als Kirche dafür, dass die Menschen keine Nummern sind, sondern dass jede Geschichte es wert ist, gehört zu werden. Die vielen Ehrenamtlichen leisten genau dies. Wichtig wären eine gute psychologische und psychotherapeutische Begleitung, leider gibt das Flüchtlingsaufnahmegesetz diese bisher nicht her. Traumatisierte Menschen warten bis zu zwölf Monate auf eine Therapie.

Sie sind ein politischer Mensch. Auf kirchlichen Fachtagungen oder politischen Nachtgebeten machen Sie immer wieder auf die Situation der Flüchtlinge und der Ehrenamtlichen aufmerksam.
Ines Fischer: Ich möchte die Anliegen von Flüchtlingen und Ehrenamtlichen vertreten. Es gibt immer mehr Ablehnungen von Menschen aus Afghanistan, immer mehr ausschließlich subsidiären Schutz für Syrer, der kaum Familiennachzug zulässt. Die Menschenrechtslage in Afghanistan ist katastrophal, man kann dorthin keine Menschen abschieben. In meinem Büro sitzen Syrer, die unglaublich traurig sind, weil sie Frau und Kinder nicht nachholen können.


Ein besonderes Anliegen ist Ihnen immer, auch auf die Fluchtursachen hinzuweisen.
Ines Fischer: Alle Menschen, die sich auf die Flucht machen, haben dafür einen Grund. Viele Fluchtursachen haben wir auch selbst geschaffen durch Rüstungsexporte, Klimawandel, Ausbeutung und massiven Landraub. Wir haben eine Verantwortung. Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht, ein Drittel davon Klimaflüchtlinge. Die Zahl wird in den kommenden Jahren kontinuierlich ansteigen, wenn wir nichts daran ändern.

In Reutlingen gab es kürzlich ein Verbrechen, eine Beziehungstat, bei der eine Frau von einem Flüchtling erstochen worden ist. Wie ist die Stimmung bei den Bürgern?
Ines Fischer: Wenn ich Gottesdienste in den Gemeinden halte, spüre ich die Sorgen der Menschen. Wichtig ist, Situationen zu schaffen, in denen Verzweiflung und Angst ihren Ort haben können, über die Angst zu sprechen, aber auch zur Besonnenheit aufzurufen. Wenn die Angst siegt, dann haben wir verloren. Unsere Gesellschaft wird nicht mehr offen sein. Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen werden Einzeltäter nicht aufhalten, Menschen müssen frühzeitig abgeholt werden, bevor sie sich radikalisieren. Das geht nur mit guter Betreuung und Begleitung.


Was hilft gegen die Furcht der Menschen vor dem Fremden?

Ines Fischer: Begegnung. Die Flüchtlinge kennen lernen, gemeinsam etwas unternehmen, Projekte miteinander in Angriff nehmen. Es gibt manchmal auch Schwierigkeiten, aber vor allem viele tolle Beispiele, wo es richtig gut läuft zwischen Flüchtlingen, ehrenamtlichen Unterstützern und den Gemeinden vor Ort.

Was treibt Sie in ihrer Arbeit an?
Ines Fischer: Die Tiefe des Glaubens an einen Gott in Jesus Christus, der mit denen ist, die leiden, die keine Heimat mehr haben, die sich verloren fühlen oder auf der Suche sind nach einem neuen Zuhause. Es gibt außerdem einen Satz von Vaclav Havel, der mich schon ein Leben lang begleitet und mir zusätzlich Kraft gibt: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Sicherheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

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