Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hilfe bei der Lebenslinie

TÜBINGEN – Von Eltern und Freunden fühlen sie sich missverstanden, zu einem Therapeuten zu gehen fehlt der Mut: Suizidgefährdete Jugendliche wissen oftmals nicht, an wen sie sich mit ihren Problemen wenden sollen. Ein preisgekrönte Projekt aus Tübingen bietet ihnen dazu einen niedrigschwelligen ­Zugang: anonym, kostenlos und mit gleichaltrigen Beratern. 

Die Räume der Youth-Life-Line in Tübingen. Von hier aus senden die Peers Nachrichten an ihre „Klienten“. (Foto: Martin Janotta)

„Frida“ ist seit einem guten Jahr dabei, „Findus“ seit drei Wochen. Ihre richtigen Namen sind das nicht. Aber irgendwo sitzen Jugendliche vor ihrem Computer und lesen, was Frida und Findus ihnen geschrieben haben. Jugendliche, für die Frida und Findus Bezugspersonen sind. Menschen, denen sie ihre Probleme anvertrauen, denen sie von ihren Lebenskrisen und schlimmen Erlebnissen erzählen. Frida und Findus arbeiten ehrenamtlich bei der „Youth-Life-Line“ („Jugend-Lebens-Linie“) in Tübingen. Als „Peers“ (Gleichaltrige) beraten sie andere Jugendliche. Jugendliche, die darüber nachdenken, sich umzubringen. Oder die es sogar schon einmal versucht haben.

Frida und Findus gehören zu den Freiwilligen zwischen 16 und 25 Jahren, die mindestens einmal pro Woche in den Räumen der Youth-Life-Line am Österberg jungen Menschen in Lebenskrisen schreiben. Die Beratung erfolgt über ein geschlossenes Mail-System. Anders als bei normalen E-Mails können die Peer-Berater die Mails nur vom Büro aus öffnen und beantworten. Gleichzeitig ist für die Suizidgefährdeten gesichert, dass niemand außer den Beratern die Mails mitliest. Sie suchen sich einen Namen, unter dem sie an die Peer-Berater schreiben. Und auch die Peers treten nicht unter richtigen Namen auf. Sondern eben beispielsweise als Frida oder Findus.

Anonymität sei ein Vorteil der Peer-Beratung, sagt Markus Urban. Der Sozialpädagoge und seine Kollegin Nina Schweigert leiten als Hauptamtliche das Projekt. „Die Hemmschwelle für Jugendliche mit Problemen ist durch das anonyme Schreiben viel niedriger als bei anderen Angeboten“, sagt er. Ein paar Klicks auf der Homepage der Youth-Life-Line genügen, um in Kontakt zu treten. Innerhalb von drei Tagen beantwortet das Team Erstanfragen. Später schreiben die Teenager immer an den gleichen Peer. Sie erhalten eine Antwort pro Woche.

Die langen Wartezeiten verwundern bei Jugendlichen, die schnelles Antworten gewöhnt zu sein scheinen. Doch dabei geht es vor allem um die Peers: Sie sind meist nur einmal pro Woche im Büro und brauchen auch dort Zeit zum Überlegen. Soforthilfe kann per Mail nicht so geleistet werden wie etwa am Telefon. Dafür bietet die Anonymität eine geringere Einstiegshürde. „Es gibt aber auch Fälle, da merken wir aus den Schreiben der Teenager, dass wir der letzte Halt sind, dann schreiben wir ihnen öfter als einmal die Woche“, sagt Markus Urban. Genauen Einblick, woher die Anfragen kommen, hat das Beraterteam nicht. Weder wird die Adresse der Hilfesuchenden abgefragt, noch der Standort des Computers, von dem die Nachricht kommt, gespeichert. Markus Urban schätzt, dass Anfragen aus ganz Deutschland kommen, manchmal darüber hinaus. Eine Therapie wolle die Beratung nicht ersetzen, aber sie sei ein erster Anlaufpunkt für Jugendliche: „Wichtig ist, dass die Jugendlichen das Gefühl bekommen: Wir sind für dich da“, sagt Markus Urban. Gleichaltrigen vertrauten sich Teenager oft lieber an als Erwachsenen.

Das Angebot wird rege genutzt. Etwa 25.000 Mails sind seit dem Start des Beratungsprojekts aus Tübingen herausgesendet worden. Zahlreiche Preise hat die Youth-Life-Line gewonnen, zuletzt den ersten Platz beim Jugenddiakoniepreis 2014. Was 2003 als Pilotprojekt begann – als Ergänzung zu bekannten Angeboten wie der Telefonseelsorge – ist mittlerweile etabliert und Teil einer großen Zahl von Hilfsangeboten im Internet. Getragen wird das Projekt vom Arbeitskreis Leben Reutlingen/Tübingen. Zur Hälfte allerdings finanziert es sich aus Spenden von Firmen und Privatpersonen.

Bevor sie mit den „Klienten“, wie es bei der Youth-Life-Line heißt, schreiben dürfen, müssen angehende Peers über vier Monate hinweg an Kursen teilnehmen. Sie lernen Fakten zum Thema Suizid – etwa, dass Selbstmord nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen ist. Auch Kommunikationstechniken gehören zum Lernprogramm. Doch neben dem Fachlichen hat die Ausbildung weitere Vorteile: „Man lernt die anderen gut kennen und nimmt auch viel für sich selbst mit“, sagt Findus. Der 16-jährige Schüler betreut seit zwei Wochen seinen ersten Klienten. „Zuerst saß ich da und habe ewig überlegt, was ich schreiben soll“, erzählt er. „Aber dann hab ich bei Nina nachgefragt und es ging total gut.“ Nina Schweigert und Markus Urban sind in den Räumen der Youth-Life-Line immer wieder damit beschäftigt, von einem Bildschirm zum anderen zu gehen. Sie reden mit den Peers über den Fall des Klienten und geben Formulierungshilfen. Und sowohl bei neuen Peers wie Findus, als auch bei solchen wie Frida, die schon länger dabei sind, gilt: Jede Mail, die abgeschickt wird, wird zuvor noch einmal von Markus Urban oder Nina Schweigert durchgelesen.

Als die Youth-Life-Line 2003 online ging, gab es Befürchtungen, dass es für die jugendlichen Peer-Berater psychisch zu belastend sein könnte, Gleichaltrige zu beraten, deren Probleme auch ihre eigenen sein könnten. Diese Bedenken, das hat die wissenschaftliche Begleitung des Projekts erwiesen, waren unbegründet. Allerdings sind sich die Peer-Berater bewusst, dass sie „keine Roboter“ sind, wie Frida es ausdrückt. Oft ist die 22-jährige Studentin tief bewegt von dem, was sie liest. Manchmal auch erschüttert. Doch viel häufiger, sagt sie, gebe es in der Peer-Beratung auch schöne Momente. Junge Menschen, die durch die Mails wieder Lebensmut geschöpft haben. Und ihr schreiben: „Danke, dass du mir zuhörst. Danke, dass du da bist.“



Weitere Informationen und der direkte Weg zur Onlineberatung sind zu finden auf der Website der Youth-Life-Line: www.youth-life-line.de



Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 34/2017

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Soll man an Weihnachten aufs Schenken verzichten?
Ja.
Nein
Ich bin unentschieden.