Christliche Themen für jede Altersgruppe

Inklusion pur!

Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb lebt die von Politikern oft beschworene Integration seit über 200 Jahren. Luthers-Reporter Heiko Schwöbel erfuhr von Gemeindepfarrerin Marlies Haist, was die Geschichte und Gegenwart dieser besonderen Gemeinde ausmacht.

Bild: Gemeinde Buttenhausen

Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb: 608 Seelen, wunderschöne Landschaft, Abgeschiedenheit und Ruhe. Provinz? Vielleicht auf der Landkarte. Aber nicht im Herzen!

Denn einige Häuser des Dörfchens im Lautertal beherbergen heute keine Bauern und Bäcker, Forstarbeiter und Nebenerwerbslandwirte, sondern 215 Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen verteilen sich auf mehrere Häuser innerhalb des Dorfes. Ihre Wohngruppen sind über den ganzen Ort verteilt. Rund ein Viertel der Bevölkerung von Buttenhausen sind Bewohner der „BruderhausDiakonie“.

Für die Kinder und die Erwachsenen im Dorf gehören diese Menschen einfach dazu. Sie haben täglich viel Kontakt miteinander. Sie sind Teil der Gemeinde, ganz natürlich. „Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich Buttenhausen zu einem ‚Diakonischen Dorf’ entwickelt“, sagt die Pfarrerin von Buttenhausen, Marlies Haist. „Wir leben die Integration jeden Tag, von Begegnung zu Begegnung. Ohne Scheu und Ablehnung. Alle Menschen, die hier leben, profitieren voneinander!“ Denn die Bewohner der Diakonie finden Anerkennung in der Gemeinde und die Diakonie schafft Arbeitsplätze für die Region. Pfarrerin Marlies Haist kann die Integration der Bewohner der Diakonie und des Dorfes direkt, von Gottesdienst zu Gottesdienst, erkennen: Früher waren die vorderen Bänke der Kirche fast schon für die Bewohner der Diakonie reserviert. Sie lächelt: „Heute sind Diakonie-Bewohner und Gemeindemitglieder über die Bänke bunt gemischt verteilt.“ Besonders deutlich wird dies, wenn der Gottesdienst nicht in der Kirche, sondern in einer der Wohngruppen oder im Festsaal der Bruderhaus Diakonie stattfindet. Für Marlies Haist ist das immer wieder ein Moment großer Zufriedenheit und Zuversicht: „Integration muss nicht diskutiert, sondern im Alltag gelebt und vorgelebt werden.“ Woher stammt so viel Miteinander? Soviel Toleranz? Soviel Füreinander-Dasein? Das hat eine ganz eigene Geschichte in Buttenhausen.

Wir schreiben das Jahr 1787. Im ganzen Königreich Württemberg wird die Ansiedelung von jüdischen Familien nicht geduldet oder gar verboten. Nicht so in Buttenhausen. Als reichsfreie Gemeinde erlassen die Freifrau und der Freiherr von Liebenstein den sogenannten „Judenschutzbrief“. In ihm wird festgelegt, dass sich jüdische Familien niederlassen und ihre Religion frei ausüben dürfen. Buttenhausen wird damit zu einer Keimzelle des „schwäbischen Landjudentums“. Und die Entwicklung des Dorfes schreitet mit dieser Entscheidung der Familie Liebenstein mächtig voran. Im Jahre 1788 zählt die Gemeinde gerade mal 223 Einwohner. Nicht ganz 100 Jahre später wohnen in Buttenhausen 834 Bürger und Bürgerinnen. Über die Hälfte davon sind Juden. Die ursprüngliche Trennung der christlichen und jüdischen Familien auf der rechten und linken Seite des Bachlaufes der Lauter weicht nach und nach. Buttenhausen entwickelt sich so zu einem kleinen Zentrum für Handel und Handwerk auf der Schwäbischen Alb. Das Leben ist von Respekt und gegenseitiger Anerkennung geprägt. Ausdruck dafür sind die gegenseitigen Besuche von Beerdigungen und Kondolenzbesuchen sowie die gemeinsame Nutzung des von der jüdischen Gemeinde angeschafften Leichenwagens. Man hilft sich gegenseitig. Christen übernehmen Hilfeleistungen, die den Juden am Sabbat verboten sind – den Schabbesgoi. In Liederkranz, Theatergruppen, Dorfwirtschaften und gemeinsamen Feiern im Dorf ist das jüdische und christliche Zusammenleben von Normalität geprägt. Das Dritte Reich jedoch verändert das Leben in Buttenhausen dramatisch. In der Reichskristallnacht am 9. November 1938 wird die Synagoge von Anhängern der NSDAP und ihren Schergen angezündet. Mutige Männer der Feuerwehr aus Buttenhausen verhindern jedoch das Niederbrennen. Erst die erneute Brandstiftung und das gewaltsam durchgesetzte Verbot, den Brand zu löschen, zerstört das Gotteshaus bis zum Tag darauf. Und sei es wie aus Rache an jenem kleinen Ort, der Jahrhunderte lang für das friedliche Zusammenleben der Religionen stand: Buttenhausen wird darüber hinaus schamlos auch noch von den Nazis als Sammelpunkt für Deportationen in die Gefangenen- und Vernichtungslager genutzt.

Jährlich am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz, gedenkt die Gemeinde der Opfer des Nationalsozialismus. Pfarrerin Marlies Haist betont in diesen Veranstaltungen immer wieder: „Aus der Vergangenheit müssen wir lernen, dass wir alle, jeder einzelne, Verantwortung tragen. Wir müssen es in die Hand nehmen, dass sich Derartiges nicht wiederholt!“ Jährlich kommen über 100 Menschen nach Buttenhausen, um sich dieser Verantwortung immer wieder bewusst zu werden – und in stillem Gedenken zu verharren. Nach dem Krieg fielen einige Häuser und Wohnungen der deportierten jüdischen Bürger über mancherlei Umwege an die Gustav-Werner-Stiftung in Reutlingen. Hier nun lebt die neue Tradition der Integration von Buttenhausen wieder auf: Behinderte und Nichtbehinderte leben Tür an Tür zusammen und gestalten gemeinsam ihren Alltag. Es klappt. Und wie! Im Advent drei Mal die Woche treibt die Kirchengemeinde Normalität von Glaube und Integration im Alltag auf die Spitze. Im Autohaus oder in der Schreinerwerkstatt werden Andachten gefeiert. „Lebendiger Adventskalender“. Jeder kann teilnehmen. Viele kommen von weit her. Manchmal feiern rund 50 Gläubige an diesen ungewöhnlichen Orten die Begegnung mit Gott und dem Glauben. „Oft ist dies der Anfang, mit Menschen ins Gespräch über Glaube und Gott zu kommen. Ein schöner Beginn“, sagt Frau Marlies Haist. Und darüber freut sich die Pfarrerin von Buttenhausen und Apfelstetten ganz besonders.

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