Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kann Gott lachen?

TÜBINGEN – Religion und Humor scheinen sich gegenseitig auszuschließen. Aber können sie vielleicht doch zusammenpassen? Der Theologieprofessor und Pfarrer Hans Martin Dober organisiert dazu an der Universität Tübingen eine öffentliche Vorlesungsreihe. Martin Janotta hat ihn zum Thema befragt.


Hans Martin Dober ist Pfarrer in Tuttlingen und Professor für Praktische Theologie an der Universität Tübingen. (Foto: privat)

Herr Dober, warum braucht der Mensch Humor?
Hans Martin Dober: Der Philosoph Hermann Cohen hat da eine interessante Theorie entwickelt: der Humor hilft dem Menschen, zwischen seinen Idealen der schönen und erhabenen Welt und der oft gar nicht so schönen Wirklichkeit zu vermitteln. Humor kann dazu beitragen, dass man Ideale mit menschlichem Maß zu verwirklichen versucht. Er hilft dabei, seine Ideale als Orientierungen zu begreifen, die mit der Wirklichkeit in Vereinbarung gebracht werden müssen. So verstanden ist der Humor ein Zeichen der Menschlichkeit.


Wie passt der Humor in die Religion?
Hans Martin Dober: Man könnte natürlich fragen: Ist die Religion nicht eine Sphäre, in der es derart um das Erhabene geht, dass für den Spaß und die Verfremdung eigentlich kein Platz sein dürfte? Das wurde ja im Zuge der Anschläge in Paris diskutiert. Ich finde, dass Humor und Frömmigkeit durchaus in Einklang gebracht werden können. Letztendlich hat Humor viel mit Aufklärung zu tun. Humor, Witz und Ironie beginnen im Zeitalter der Aufklärung wichtig zu werden, in dem das Nebeneinander und auch die Kritik der Religionen öffentlich möglich wurden. Man könnte sagen: Es braucht den Humor, um die Menschlichkeit in der Religion zu bewahren.

Wie wird Humor denn im Nebeneinander der Religionen eingesetzt?
Hans Martin Dober: Humor und die anderen Formen der Distanzierung, auch der Selbstdistanzierung, ermöglichen, mit gesellschaftlichen Gegensätzen auf eine friedliche Weise umzugehen. Man kann natürlich versuchen, sich aggressiv von anderen abzugrenzen. Man kann aber diese Abgrenzung auch auffangen in ein, wenn es gut läuft, gemeinsames Lachen über die Gegensätze.


Sind manche Religionen empfänglicher für Humor als andere?
Hans Martin Dober: Sprichwörtlich ist ja der jüdische Humor. In einer in Europa ganz und gar vom Christentum geprägten kulturellen Situation waren die Juden in der Minderheit. Mit dieser Situation ist man im Judentum dann oft auf dem Wege von witziger Verfremdung umgegangen.
 

Ist das Judentum also dem Humor eher zugeneigt als das Christentum?
Hans Martin Dober: Diese These möchte ich nicht wagen. Aber der Nietzsche-Satz „Die Christen müssten mir erlöster aussehen, damit ich an ihre Botschaft glauben könnte“ ist trotzdem sprichwörtlich geworden. Es gibt allerdings Gegenbeispiele. Auch das Christentum ist humorfähig.


Und wie steht es mit dem Humor im Islam?
Hans Martin Dober: Falls es eine Tradition des Humors im Islam gibt, lebt sie im Verborgenen und ist heute innerislamisch angefochten. Wir haben im zweiten Teil der Vorlesungsreihe einen Vortrag, der sich mit dem Humor in den Quellen des Islam auseinandersetzt.


Stichwort Quellen: Wo zeigt sich denn Humor in biblischen Geschichten?
Hans Martin Dober: Da gibt es viele Spuren, denen man folgen kann. Der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel hat geschrieben, dass man Gleichnisse wie Witze nach ihrer Pointe interpretieren muss, und vielleicht liegt in manchen der Gleichnisse mehr Humor verborgen, als man auf den ersten Blick sieht. Auch im Alten Testament gibt es Spuren. Einer der Vorlesungsreferenten wird etwa die Jona-Erzählung als Satire interpretieren, da bin ich auch gespannt, wie ihm das gelingt.


Kann Gott lachen?
Hans Martin Dober: Dürfen wir uns Gott vorstellen als ein Gegenüber, das sich dieser Formen des Witzes, der Ironie, des wohlwollenden Humors, des gutmütigen Humors bedient? In Psalm 2, Vers 4, steht: „Gott der im Himmel wohnt, lacht über den Menschen“. Spottet Gott hier über den Menschen, der sich über seine Grenzen erheben möchte und es nicht kann? Oder ist auch in diesem Lachen das humorvolle, wohlwollende Lächeln zu finden?


Protestanten im Allgemeinen und die schwäbischen Protestanten im Besonderen gelten als eher humorlos. Warum ist das so?
Hans Martin Dober: Der Soziologe Peter L. Berger hat in seinem wunderbaren Buch „Erlösendes Lachen“ ein Kapitel über „Die grimmigen Theologen“. Da geht er weit in die Kirchengeschichte zurück und bringt eine ganze Reihe von Beispielen humorloser Theologen. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die theologische Tradition sich mit Witz, Humor und Verfremdung schwer getan hat und dass das sicher auch im schwäbischen Pietismus nachweisbar ist. Man kann aber auch hier die Gegenrechnung aufmachen und nicht zuletzt auf Karl Barth verweisen, der in einem Brief schreibt: „Der Christ treibt dann gute Theologie, wenn er mit Humor bei der Sache ist“.

Wie sieht es mit Humor in der religiösen Praxis aus, etwa der Seelsorge?

Hans Martin Dober: In seelsorgerlichen Beratungssituationen ist es natürlich heikel, mit Humor zu arbeiten. Aber es kann hier auch sein wie im Gespräch zwischen Arzt und Patient, wo der Humor manchmal einen Weg weist, um eine schwierige Situation zu lösen, einen Bann zu brechen.


Nicht nur in der Religion, auch in den Wissenschaften geht es meist ernst zu. Wie findet man da genügend Referenten für eine Vorlesungsreihe zum Thema Humor?
Hans Martin Dober: Ich war erstaunt, wie groß die Bereitschaft zur Mitarbeit war. Aber grundsätzlich ist es in der Wissenschaft ebenso wie in der Theologie: Letztlich hat man es mit dem Ernst der angemessenen Bearbeitung seines Gegenstandes und vor allem auch mit dem Ernst der Wahrheitsfrage zu tun. Doch auch hier ist der Humor ein Weg, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

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