Christliche Themen für jede Altersgruppe

Seelsorge hinter Gittern

TÜBINGEN – Zum Gottesdienst kommen die Gefängnisinsassen nur selten. Die Einzelgespräche mit den Gefängnisgeistlichen sind dagegen sehr gefragt. Denn hier dürfen Gefangene auch einmal frei sprechen. Der Tübinger Jurist Alexander Funsch hat sich in seiner Doktorarbeit mit der Arbeit von Gefängnisseelsorgern beschäftigt und ihre Arbeit dabei zu schätzen gelernt. 


Alexander Funsch hat seine Doktorarbeit über die Arbeit von Gefängnisselsorgern geschrieben. (Foto: Wolfgang Albers)

Die Welt der Gefängnisse ist gut erforscht. Von Konzepten des Strafvollzuges bis zur Rückfallquote, gibt es eine umfangreiche Literatur. Bei der Suche nach einem Thema für die Doktorarbeit stellt der junge Jurist Alexander Funsch fest: „Wenn man sich die Lehrbücher über den Strafvollzug anschaut, merkt man, dass der kirchliche Dienst dort vernachlässigt wird.“

Das verwundert. Immerhin wirken rund 600 evangelische und katholische Anstaltsseelsorger in Deutschlands Gefängnissen. So klein ist die Zahl also nicht – und ihr Einfluss vermutlich nicht gering: Sie sind nah an den Gefangenen und doch nicht Teil des offiziellen Strafvollzuges. Eine Sonderrolle, die Chancen eröffnet, aber auch Probleme mit sich bringt.

Also ein spannendes Thema, das Alexander Funsch im Institut für Kriminologie der Universität Tübingen anging. Erst hospitierte Funsch im Rottenburger Gefängnis, dann entwickelte er einen Fragebogen in Absprache mit der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge und der Katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland.

23 Prozent der Fragebögen wurden beantwortet. Dass es nicht mehr wurden, haben einige Seelsorger so erklärt: Das Verhältnis zur Anstaltsleitung sei manchmal gar nicht so einfach. Was wiederum darauf hindeutet: Diese Gefängnisseelsorge ist wirklich ein ganz besonderes Feld.

Betrieben wird sie fast nur von Männern (86 Prozent), so wie die Welt der Gefängnisse fast ausschließlich männlich ist. Und es sind die Erfahreneren, die sich in der Anstaltsseelsorge engagieren: Die meisten sind zwischen 50 und 60 Jahren alt. Motivation und Durchhaltevermögen sind hoch: Mehr als 40 Prozent haben schon über zehn Jahre ihr Büro im Gefängnis.

Die Menschen, auf die die Seelsorger treffen, sind konfessionell sehr gemischt: Jeweils 25 Prozent sind evangelisch und katholisch, 15 Prozent Muslime, der Rest gehört keiner Konfession an. Wenn die Seelsorger einen Gottesdienst anbieten, kommen 15 Prozent der Gefangenen. Daraus Rückschlüsse auf die Akzeptanz der Seelsorger zu machen, wäre falsch: Tatsächlich machen Einzelgespräche den Hauptanteil der Arbeit aus.

Und diese Gespräche werden auch genutzt: „Das Seelsorgerbüro ist eine Insel im Strafvollzug, wo man frei sein kann“, sagt Funsch. Und wenn es nur das Sofa im Büro ist, auf dem man sich mal hinlümmeln kann und nicht die strenge Gefängnisform einhalten muss. „So gibt es einen Raum im Gefängnis, der nicht Gefängnis ist.“

Die Gespräche drehen sich oft um persönliche Themen: Die Familie des Gefangenen, Probleme mit der Haft, mit Justizbeamten oder Mitgefangenen. Religiöse Themen stehen hinten an –und auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Tat oder etwa die Frage einer Aussöhnung mit dem Opfer.

In diesen Gesprächen hilft der Status des Seelsorgers: „Er ist ein sehr neutraler Ansprechpartner. Er steht etwas außerhalb des Vollzugapparates, er muss kein Ergebnis hinbekommen wie der Psychologe, der ein Problem aufarbeitet, oder der Sozialarbeiter, der etwa eine Wohnung für den Gefangenen sucht. Beim Seelsorger ist das Gespräch an sich wichtig, für das er sich deutlich mehr Zeit nehmen kann – der Mensch steht im Mittelpunkt. Für die Gefangenen ist ein Dialog auf Augenhöhe möglich“, so Alexander Funsch. Was für diese ein Gewinn ist: „Es ist wichtig für die Gefangenen, dass sie mit allen Sorgen auf jemanden zugehe können.“

Und der Gewinn für die Seelsorger? Zunächst kann es auch Enttäuschungen geben. Die Möglichkeit, ausgenutzt zu werden, ist immer da. Und wenn ein Seelsorger ein Picknick veranstaltet und hinterher fehlt die Hälfte des Bestecks, oder die verliehene Gitarre kommt ramponiert zurück, muss das auch erst mal ausgehalten werden. Wahrscheinlich hat nicht jeder die Frustrationstolerenz jenes Seelsorgers, der in den Fragebogen schrieb: „Ein Gefangener hat auch ein Recht aufs Lügen, wenn es ihm als Mensch gut tut.“

Aber den meisten Fragebögen hat Alexander Funsch entnommen: „Die Seelsorger sehen ihre Arbeit als Gewinn. Die Offenheit, die sie erreichen, muss ein extrem positives Gefühl sein. Da können die Seelsorger stolz auf sich sein.“

Besonders gut gelingt die Arbeit, wenn die Anstaltsleitung mitzieht. Das ist nicht immer der Fall, weil bei manchem Gefängnisleiter die Sicherheitsbedenken überwiegen: Etwa, wenn der Seelsorger mit 20 Gefangenen einen Grillabend machen will. Ein Seelsorger, der viele Ideen umsetzen kann, verbessert auch das Klima im Gefängnis insgesamt: „Die bessere Atmosphäre macht auch für die Justizangestellten den Dienst leichter.“

Alles in allem ist Alexander Funsch sehr angetan von der Arbeit der Seelsorger: „Die Seelsorge hat eine Wirkung, die man nicht messen kann, aber sie ist wichtig für die Menschen in den Gefängnissen. Die Seelsorge bringt Impulse in den Gefängnisalltag, die allen nützen. Und mich hat beeindruckt, dass die Seelsorger so frei auf die Menschen zugehen und ausblenden können, was Böses passiert ist, dass sie die Menschen annehmen, wie sie sind – und wieder bei Null anfangen können.“



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