Christliche Themen für jede Altersgruppe

Von grauen Bussen abgeholt

Die Gedenkstätte Grafeneck ist Erinnerungsort und Mahnmal für 10 654 Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen im Südwesten. Aus vielen Teilen Deutschlands wurden behinderte Menschen mit grauen Bussen nach Grafeneck gefahren. Keiner von ihnen kam zurück.

Bild: Schloss Grafeneck von hinten: Die Nottreppe ist nicht mehr zeitgemäß, die Innenausstattung auch nicht. Deshalb soll es verkauft werden. Im Pavillon daneben sorgen Vereine und Schulklassen für Bewirtung. (Foto: Brigitte Scheiffele)

 

In frischem Gelb strahlt das einsam gelegene einstige Jagdschloss der württembergischen Herzöge augenfällig auf einem Hügel. Nicht weit davon entfernt liegt das Landesgestüt Marbach. Lebendig mag man sich als Besucher des großen Lautertals schon unterhalb der Anlage die damaligen Jagdausflüge und Feste im großen ausgeschmückten Ballsaal vorstellen – hätte dieser Ort nicht eine grausame Vergangenheit.

Das schmucke Jagdschloss Grafeneck entstand schon in der Zeit der Renaissance um 1560 an der Stelle einer hochmittelalterlichen Burganlage. Mitte des 18. Jahrhunderts erweiterte es Herzog Carl Eugen zu einer barocken Sommerresidenz, aber Grafeneck zerfiel im 19. Jahrhundert. Viele Gebäude wurden abgerissen, das Schloss blieb erhalten. Es diente zunächst als Forstamt und gelangte noch in Privatbesitz, bevor es 1928 die evangelische Samariterstiftung in Stuttgart kaufte. Die nutze es als Behindertenheim für 110 „krüppelhafte Männer“, betreut von gerade mal fünf Personen.

Am 6. Oktober 1939 begutachtete eine nationalsozialistische Delegation Grafeneck und die Einrichtung der Samariterstiftung dahin, ob sich diese als erste Anstalt Deutschlands für den Geheimerlass „Aktion T4“ eignen könnte.

Unheilbar Kranke töten

Laut neuestem Beschluss wurden nämlich am 1. September 1939 „die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte erweitert“, nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranke töten zu dürfen. Nur wenige Sätze eines Dokuments dienten von da an zur Grundlage für Tötungsaktionen von Menschen mit seltenen Erkrankungen wie „Schwachsinn jeder Ursache, Geschlechtskrankheiten, Schizophrenie, Epilepsie oder neurologischen Auffälligkeiten“.

Beschlossen wurde diese Aktion im Sitz der zentralen Planungsbehörde in der Berliner Tiergartenstraße 4, einer ehemaligen jüdischen und beschlagnahmten Villa.

Erste deutsche Mordanstalt

Mitte Oktober erhielt die Heimleitung Grafeneck schon den Räumungsbescheid und so wird kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges Grafeneck für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt und zur ersten deutschen Mordanstalt umgebaut. In zwei Tagen mussten dort über 100 Menschen ausziehen.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Vererbung sozialen Verhaltens diskutiert, Grundlage ist der Darwinismus. „1920 erscheint das meistverkaufte medizinische Fachbuch zur Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“, erinnert Andrea Boysen, eine der Begleiterinnen, die durch Grafeneck führen. „Ein Thema, das die Nationalsozialisten nun gerne aufgriffen.“ Bereits am 14. Juli 1933 sei das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses entstanden und damit die Zwangssterilisation. Ein Erbkranker kostete den Staat bis zur Erreichung seines 60. Lebensjahres laut Berechnung der Tötungs-Befürworter im Durchschnitt angeblich 50 000 Reichsmark. Und so gehen auch Ärzte im Jahr 1935 mit diesem Anliegen auf Hitler zu und sprechen sich für ein Gesetz zur Beseitigung geistig Behinderter und psychisch Kranker aus.

Angestellte aus entfernten Orten

Nun also wurden Angestellte nach Grafeneck abkommandiert: Vom Hausmeister über Busfahrer, Krankenschwestern und Sekretärinnen. Auf keinen Fall sollten sie aus der näheren Umgebung kommen – aus Geheimhaltungsgründen. Ab 18. Januar 1940 begannen auf dem Schlossgelände die NS-Euthanasie-Morde von 10 654 Menschen, die von den Tätern nach dem Sitz der zentralen Planungsbehörde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin – als „Aktion T 4“ benannt wurden. Die Opfer stammen aus Krankenanstalten und Heimen in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Gezielt habe man die Leitung staatlicher Anstalten, die dazu ausgesucht waren, Grafeneck zu bedienen, über das Vorhaben informiert, berichtet Andrea Boysen, kirchliche Institutionen aber im Unklaren gelassen. „Es wurden Meldebogen verschickt, die im Hinblick auf Rasse, Gesundheitszustand, Dauer des Aufenthalts, Anschrift von Angehörigen und auch nach der Möglichkeit der Beschäftigung auszufüllen waren“, erklärt sie. Hintergrund: Können sie noch arbeiten, bekommen sie regelmäßig Besuch? Auch „moralischer Schwachsinn“, fügt sie hinzu, sei ein Grund für die Unterbringung in einer Anstalt gewesen.

Abteilung für Trostbriefversand

Akribisch wurde Grafeneck unter der Leitung von Christian Wirth, einem Kripobeamten aus Stuttgart, verwaltet. Unter anderem wurde ein Sonderstandesamt für alle Sterbeurkunden eingerichtet, ein Urnenversand und sogar eine Trostbriefabteilung. „Sekretärinnen haben den ganzen Tag Trostbriefe getippt und kannten kein einziges Opfer“, sagt Andrea Boysen. Weiter habe es eine Abteilung gegeben, in der die zeitliche Reihenfolge des Versands für die Todesinformation an Angehörige festgelegt worden sei.

Mit grauen Bussen seien die Patienten in den Anstalten laut erstellter Liste abgeholt worden. „Einst waren sie knallrot, doch das wäre zu auffällig gewesen. So hat man sie grau überstrichen. Auch die Fenster.“ Noch lange, so erzählt die Führerin Andrea Boysen, hatte der Bus einen symbolischen Stellenwert im Sprachgebrauch bei den Menschen umliegender Ortschaften: „Pass auf, sonst holt dich der Bus ab“, hieß es, wenn Dorfbewohner ausgefallene Reaktionen zeigten.

Bei Ankunft vergast

Keines der Opfer hat nach Ankunft auf Grafeneck jemals das Schloss gesehen. Zunächst habe es ein Arztgespräch gegeben, in dem die Menschen tatsächlich auf eine mögliche Todesursache untersucht wurden, die ja auf dem Totenschein auftauchen musste. Anschließend habe man sie unter dem Vorwand einer Reinigung in die Duschräume gebracht, bevor sie ihr Lager beziehen sollten. Anfänglich wurden zunächst 50 Menschen in zwei Räumen getötet, später wurde die Vernichtung auf 75 Personen ausgeweitet.

Von den 10 654 Opfern haben die Mitarbeiter des Vereins „Gedenkstätte Grafeneck e.V.“ mittlerweile über 9000 Namen herausgefunden. Das jüngste Opfer zählte vier Jahre, das älteste über 90. „Menschen werden verbrannt. Es riecht. Die Asche fällt auf die unten liegenden Felder und man hörte immer wieder, dass die Leute nicht mehr zurückkommen. Es gab nie einen Aufenthalt, sie wurden alle noch am Tag der Ankunft vergast“, sagt Andrea Boysen.

Viele waren beteiligt

Ein arbeitsteiliges Großverbrechen, an dem Busfahrer, Krankenschwester, Sekretärinnen, Hausmeister und Heizer, der die Urnen abfüllte, ebenso beteiligt waren, wie das Württembergische Innenministerium und Reichsministerium Berlin. Der ärztliche Leiter Horst Schumann und offizielle Direktor der „Landespflegeanstalt Grafeneck“, auch Leiter der Tötungsanstalten, hat diese Stelle freiwillig angenommen. Er war keineswegs abgeordnet, hat die medizinische Abteilung aufgebaut und die Gaskartuschen persönlich eingeworfen.

Andrea Boysen erzählt auch eine Geschichte über eine Frau, die ihren Bruder in der mit Stacheldraht umgebenen Anstalt und Schildern, die auf Seuchen hinwiesen, unangekündigt besuchen wollte. Die Schwester des Opfers übernachtete in einem Gasthaus am Gestüt Marbach. Von dort setzte sie sich in Verbindung mit der Anstalt und erhielt die Auskunft, ihr Bruder sei an einer Blinddarmentzündung gestorben. Diesen, so wusste sie, hatte man ihm jedoch schon als Kind entfernt. Das Team um Schumann hatte die Blinddarmnarbe übersehen. Heute erinnert nur eine bescheidene Gedenktafel an den ehemaligen Standort des Vernichtungsgebäudes, dahinter eine symbolisch neu angelegte kleine Steinmauer.

Nach dem Krieg zogen behinderte Menschen ins Schloss

Im Jahr 1946 wurde Grafeneck wieder an die Samariterstiftung zurückgegeben. Die bei Kriegsbeginn vertriebenen behinderten Menschen, die den Krieg überlebten, zogen wieder ins Schloss ein. Seitdem ist Grafeneck   Wohnort und Arbeitsplatz für behinderte sowie psychisch kranke Menschen. Die Begegnung mit ihnen ist wohltuend, lebendig und mag manchem Besucher etwas Trost spenden. Denn das ist dringend nötig in der Verarbeitung angesichts der Intensität einer Vergangenheit, die jeden auf der wunderschönen Baumallee zwischen Schloss und Gedenkstätte zweifellos einholt.

Der eigentliche Ort des Mahnens und Gedenkens ist eine offene Kapelle. Sie entstand 1990 mit dem Leitgedanken: „Das Gedenken braucht einen Ort“. Davor befindet sich das wettergeschützte Namensbuch mit allen Opfern, die herausgefunden werden konnten. Für alle die, deren Namen noch unbekannt sind, ist ein Feld mit Steinen angelegt, in dem alle Buchstaben des Alphabetes enthalten sind. Ein Symbol für alle Opfer, deren Namen die Mitarbeiter dieser Einrichtung noch herausfinden wollen, weil sie in unermüdlicher Kleinarbeit nach ihnen suchen. Auf dem „aktiven“ Friedhof hinter der Gedenkstätte werden heute noch Menschen bestattet. Spuren, die an die Euthanasie-Morde erinnern, wurden hier schon in Fünfziger und Sechziger Jahren sichtbar. Neben Namensgräbern sind auch 250 Urnen in zwei Gräbern beigesetzt.

Die Gedenkstätte Grafeneck und die Ausstellungen im Dokumentationszentrum sind täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen gibt es unter Telefon 07385-966206 und im Internet: www.gedenkstaette-grafeneck.de

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