Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Oberonkel ist jetzt weiblich

HEILBRONN –  Zum ersten Mal in der 88-jährigen Geschichte des Heilbronner Gaffenbergs leitet eine Frau die Kinderfreizeiten der evangelischen Gesamtkirchengemeinde. Für Christine Marschall ist die Stelle der Jugendpfarrerin ein regelrechter Traumjob.

Christine MarschallGrammatikalische Quizfrage: Wie bildet man die weibliche Form des Wortes Oberonkel? „Obertante“, würde die Antwort unter normalen Umständen lauten. Nicht so auf dem Heilbronner Gaffenberg. Dort ist Oberonkel seit 87 Jahren die Bezeichnung für den Jugendpfarrer, der die Kinderfreizeiten der evangelischen Gesamtkirchengemeinde leitet. Ungefähr ebenso alt ist das Amt der Obertante, der Begriff ist also schon vergeben.

Wie soll man also sagen, wenn im 88. Freizeitensommer zum ersten Mal eine Frau den Zylinder aufhat, der traditionell dem Oberonkel zusteht? Ganz einfach. Oberonkelin. „Das war für uns alle einleuchtend“, erzählt Jugendpfarrerin Christine Marschall von den Beratungen im Stab, dem Leitungsteam der Freizeiten.

An das männliche Wort bloß die weibliche Endung anzuhängen – das gefällt nicht allen in der evangelischen Kirche. „Ich sehe das spielerisch“, sagt Christine Marschall, „Oberonkel ist für mich eher eine Amtsbezeichnung.“ Und im neuen Amt will die 29-Jährige ihre ganz persönliche Position einnehmen. „Ich bin eine Pfarrerin, also Frau, aber für das Amt macht das keinen Unterschied.“

Bisher hat noch jeder Oberonkel das Amt auf seine Art geprägt. So soll es weiterhin sein – ohne dass „männlich“ und „weiblich“ in Schubladen sortiert wird. „Ich sage nicht, dass wir Frauen in der Kirche schon alles erreicht haben“, betont die Pfarrerin. Aber sie hofft, „dass es in meiner Generation normaler wird und wir unverkrampft damit umgehen können“. Dazu passt der Abschied, den ihr Vorgänger Michael Dullstein nach sechs Sommern vom Gaffenberg genommen hat: Der damals 36-jährige Jugendpfarrer ging 2012 als Vollzeitpapa in Elternzeit.

Nun ist es, als ob das Amt auf Christine Marschall geradezu gewartet hat. Händeringend hatten die Verantwortlichen seit Ende 2012 nach jemand Neuem für das Sonderpfarramt gesucht – eine Stelle ohne Gemeindebezug, die teils vom Bezirk Heilbronn, teils vom Landesjugendpfarramt finanziert wird. „Du würdest perfekt auf diese Stelle passen“, sagte damals ein Kollege zu Christine Marschall, „schade, dass du noch nicht mit deinem Vikariat fertig bist.“ Und die junge Vikarin, damals im oberschwäbischen Laupheim in der  Ausbildung zur Pfarrerin, staunte, „was es alles für tolle Stellen gibt“.

Es verging ein Gaffenbergsommer, in dem der Nichtpfarrer und Informatiker Tobias Adolph die Jugendpfarrerlücke überbrückte. Und nach dem Ende ihres Vikariats bekam Christine Marschall einen Anruf vom Oberkirchenrat: Ob sie sich die besondere Stelle in Heilbronn vorstellen könnte?

„Mein erster Impuls war: Ja, cool, super!“ Dann der Gedanke: „Komisch, dass sie noch niemanden gefunden haben.“ Als sie sich die Stellenbeschreibung zuschicken lässt, versteht sie, warum: Die vielfältigen Aufgaben passen nicht wie andere Stellenbeschreibungen auf eine DIN A5-Seite, sondern füllen zwei. „Das kann abschrecken.“ Trotzdem. Als sie im Internet recherchiert und am Gaffenberggelände vorbeifährt, ist sie begeistert.

Nun lebt sie diesen Traum und hat jede Menge zu tun. Hat fest verplante Sommermonate, in denen sie unabkömmlich ist. Es ist dennoch genau das, was sie sich gewünscht hat. „Ich wollte immer einen Beruf, bei dem ich nicht auf die Uhr schauen muss. Weil Leben und Arbeit ineinanderfließen.“ Dass ihr Mann Matthias Marschall ebenfalls Pfarrer ist und genauso denkt, passt gut.

Ihre Berufung spürte Christine Marschall übrigens am anderen Ende der Welt: Nach dem Abitur arbeitete sie in Südamerika ein halbes Jahr als Streetworkerin und im Kinderheim. Als sie danach drei Monate allein herumreist, reift ihr Entschluss: Theologie studieren. Pfarrerin werden.

Der Heilbronner Gaffenberg ist mit jährlich 2000 betreuten Kindern das größte  Walderholungsheim Europas:

Telefon 07131-3909860

Internet:www.gaffenberg.de

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